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Kampfmoral: Was hat Moral mit Kampf zu tun?

Nach Geheimdienstberichten sinkt die Kampfmoral der russischen Soldaten. Gemeint ist aber wohl eher die Motivation.
Aber was hat Kampf mit Moral zu tun? Hier drei Beispiele:
> Kiel war der Reichskriegshafen und wurde daher von den Bombern dem Erdboden gleich gemacht. Aber nicht alle Piloten bombardierten die Stadt. Der Wald in der Umgebung war voll mit Bombentrichtern und mein Vater, der selbst Soldat war, sagte: „Schau dir das an: Es gab doch noch anständige Kerle unter den Bomberpiloten. Die haben ihre Fracht hier abgelassen.“
> Ein Holländer, der bei der UNO in Srebrenica eingesetzt war, wurde in seinem Gewissen nicht damit fertig, dass man die Stadt und damit auch das Schicksal der Männer kampflos den übermächtigen Serben überlassen hatte, so dass es zu dem grausamen Massaker kam. Er fragte sich immer wieder, ob nicht jedenfalls es hätte kämpfen sollen.
> In meiner Leseecke habe ich unter dem Titel „Der Ordensträger“ auch einen Fall beschrieben, der zeigt, wie schwer ein bekannter Politiker bis zu seinem Lebensende darunter gelitten hat, dass er im Krieg Menschen getötet hatte.
Und wenn man die Selbstmordraten der amerikanischen Kriegsheimkehrer anschaut. sieht man: Der Mensch ist nicht zum Töten geeignet.

Das Gewissen am Beispiel Srebrenica

Man spricht oft von gewissenlosen Menschen oder Taten. Aber stimmt das? Haben nicht auch diejenigen, die wir als gewissenlos bezeichnen, in Wirklichkeit doch ein Gewissen, über das sie sich nur hinweg setzen, ohne sich der Folgen bewusst zu sein?
Nehmen wir Srebrenica als Beispiel: Ein Soldat, der an den Massenerschießungen teilgenommen hatte, berichtete in einem Interview, er habe zwar auf Befehl gehandelt, aber werde trotzdem seine Schuld nie los. Sein Leben mit dieser Schuld sei ein einziges Martyrium.
Auf der Gegenseite stand damals eine UN-Truppe, die aus Holländern bestand. Diese Truppe sah sich seinerzeit einer Übermacht der Serben gegenüber und hat sich kampflos aus Srebrenica zurück gezogen, weil eine Abwehr der Serben als nicht möglich erschien. Dennoch berichtet ein holländischer Soldat, er werde mit dieser Schuld nicht fertig. Für ihn wäre es besser gewesen, wenn er auch in aussichtsloser Lage gekämpft hätte, als mit dieser Schuld weiter zu leben.
Eine Geschichte aus dem letzten Krieg zu diesem Thema habe ich unter dem Titel „Der Ordensträger“ in meine Leseecke gestellt.
Und wenn ich nun die Grausamkeiten des IS sehe, denke ich mir, dass hier junge Männer am Werk sind, die im Leben keine Chance hatten und nun plötzlich die Gelegenheit bekamen, sich als Herren über Leben und Tod aufzuspielen. Aber irgendwann werden sie aus ihrem Wahn erwachen und vielleicht meinen, es wäre besser gewesen, wenn sie in der Rolle der Geköpften gewesen wären. Ich glaube daher, dass sich das Gewissen bei der Tötung von Menschen nicht ausschalten lässt. Man sieht dies beispielsweise auch bei der Heimkehr von Kriegsteilnehmern: Viele sind schwer traumatisiert.

In einem Punkt scheint das Gewissen allerdings zu versagen: bei der Steuerhinterziehung. Hat man je gehört, dass ein Steuerhinterzieher plötzlich reuig geworden ist und sich gesagt hat: Was bin ich nur für ein mieser Typ, der Arbeitnehmer von ihrem kleinen Einkommen Steuern zahlen lässt, von denen ich auch profitiere, während ich mein Millioneneinkommen vor dem Finanzamt geheim halte? Warum versagt also das Gewissen bei der Steuerhinterziehung? Ganz einfach deshalb, weil der Staat mit den Steuern in einer Weise umgeht, dass dies geradezu eine Anstiftung zur Steuerhinterziehung ist und gleichzeitig auch eine Rechtfertigung solcher Taten.

Gewissen, Schuld, Verdrängung

Ich bin kein Psychologe oder Psychiater, sondern ganz schlicht jemand, der so seine Beobachtungen macht und sie notiert, beispielsweise in dieser Geschichte über den „Ordensträger“, die zur Zeit in der Leseecke zu finden ist:
https://autorenseite.wordpress.com/leseecke/
Bisher dachte ich immer, es gäbe Leute, die kein Gewissen haben. Und ich glaubte auch, dass diejenigen, aus ihrer Sicht richtig handeln, kein Gefühl von Schuld spüren. Aber es scheint doch anders zu sein:
Dazu ein paar Beispiele:

Ein Soldat, der in Afghanistan gekämpft hat, kehrt so schwer traumatisiert in die Heimat zurück, dass seine Ehefrau sagt: Er ist geistig immer noch in Afghanistan und wird wohl nie nach Hause zurück kommen. Seine Frau schildert, dass er nachts im Schlaf schreit. Und wenn ihr kleines Kind schreit, bekommt er regelrechte Anfälle.

Gerade hat ein niederländisches Gericht festgestellt, dass die Niederlande schuld am Massaker von Srebrenica sind. Ein niederländischer Soldat kommt immer noch nicht mit seiner persönlichen Schuld an diesem Drama zurecht, obwohl er auf Befehl handelte. Er sagt, er hätte sich notfalls allein den Serben entgegenstellen müssen und es wäre ihm lieber gewesen, er wäre dabei erschossen worden, als mit seiner Schuld weiter leben zu müssen.

Was die moderne Kriegführung anbetrifft, meint man immer, dass Töten zu einer Art Kriegsspiel geworden sei, bei dem man das Gewissen nicht mehr spüre. Dennoch las ich, dass die amerikanischen Soldaten, die Drohneneinsätze vom Computer aus steuern, schnell traumatisiert sein sollen und ausgetauscht werden müssten.

Als nach dem Krieg die Serben Rache an den Kroaten nahmen und Tausende liquidierten, fiel das Morden selbst den Mördern nicht leicht. Mindestens zehn der „Liquidatoren“ sind verrückt geworden.
http://www.profil.at/articles/0922/560/243122/rache-wurzeln-partisan-simo-dubajic-massenmoerder

Und wenn die israelischen Soldaten demnächst „siegreich“ aus Palästina heimkehren, wird mancher sich so fühlen wie der „Ordensträger“ in der oben erwähnten Geschichte oder wie der erwähnte niederländische Soldat, die beide lieber Opfer gewesen wären.