Schlagwort-Archive: Lebensarbeitszeit

Arbeiten bis 70? Warum keine ehrliche Diskussion?

Da werden nun die alten „tollen“ Ideen wieder aufgewärmt:
Die völlig zu Unrecht beneideten Beamten sollen endlich auch in die Rentenversicherung einzahlen. Warum eigentlich nicht? Nur müsste man dann die Beamtengehälter entsprechend erhöhen. Es wäre also ein Nullsummenspiel für den Staat.

Die Diskussion über eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit verläuft immer ganz schlicht so: Man sagt den Arbeitnehmern, wie viele von ihnen früher einen Alten zu versorgen hatten und wie viele es heute sind. Da kommt man dann ganz einfach zu dem Ergebnis, dass die Arbeitnehmer halt länger arbeiten müssen, um die „Rentenlast“ zu tragen. Andernfalls müsste man die Renten kürzen bzw. die Beiträge zur Rentenversicherung erhöhen. Da die beiden letzteren Alternativen sehr unpopulär ist und das Alter für viele in weiter Ferne liegt, dreht man halt an der Stellschraube Lebensarbeitszeit.
Das ist nun wieder sehr ungerecht, weil besonders die Arbeitnehmer der unteren Einkommensgruppen kaum jemals so lange arbeiten können. Das Ganze wäre also im Grunde genommen eine Rentenkürzung.
Was aber bei der Diskussion völlig außer Betracht bleibt, ist die Tatsache, dass sich die Produktivität der Arbeitnehmer wesentlich erhöht hat. Ein Beispiel: Wo früher in den Autofabriken Schweißerkolonnen die Fahrzeuge zusammen schweißten, tun dies heute automatische Fertigungsstraßen.
Man darf also nicht einfach bei der Rentendiskussion von der Frage ausgehen, wie viele Arbeitnehmer wie viele Rentner unterhalten müssen, sondern man muss die erhöhte Produktivität mit einbeziehen. Und da muss man darüber diskutieren, wie der Produktivitätsgewinn gerecht verteilt wird. Zur Zeit streichen ihn im wesentlichen die Unternehmer ein.

Unsere widersinnige Art zu leben

Gerade waren in Frankreich Wahlen und dabei hat die Verlängerung der Lebensarbeitszeit eine entscheidende Rolle gespielt. Bei uns war dies anders: Die braven Deutschen haben so etwas einfach geschluckt. Ihnen scheint gar nicht bewusst zu sein, dass sie um Lebenszeit betrogen wurden. Natürlich kann eine längere Arbeitszeit ein erfülltes Leben im Alter bedeuten, aber nicht nur ein Arbeiter bei der Müllabfuhr denkt anders darüber, sondern auch viele Lehrer, von denen ein beachtlicher Teil so ausgebrannt ist, dass er vor der Pensionierung ausscheidet.

Deshalb frage ich mich, wieso wir immer länger arbeiten sollen, wo doch der PC und moderne Maschinen uns immer mehr Arbeit abnehmen:
Ein einfaches Beispiel soll das demonstrieren: Früher haben die Bauern mit Pferden ihren Pflug durch die Felder gezogen. Die Einführung des Traktors hat ihnen einen Haufen Zeit gespart und sie waren in der Lage, früher Feierabend zu machen. So ähnlich müsste es auch in der gesamten Arbeitswelt sein:
Als ich jung war, tippten in der Sparkasse nette Fräulein (so was gab es damals noch und Elvis hat sie besungen) Überweisungen ein. Heute ist die Filiale geschlossen und, sofern man nicht Home-Banking macht, kann man dort selbst im letzten übrig gebliebenen kleinen Raum der Filiale die Überweisungen eintippen. Was ist aus der frei gewordenen Arbeitszeit der Fräulein geworden? Wenn man die auf das übrige Personal verteilt hätte, müssten doch alle etwas weniger arbeiten können.
So ähnlich ist es bei der Autoindustrie: Früher haben dort ganze Schweißerkolonnen gearbeitet, die durch die modernen automatischen Fertigungsstraßen ersetzt wurden. Auch hier wurden viele Arbeitskräfte frei gesetzt.

Aber die frei gewordene Arbeitszeit ist nie den Angestellten und Arbeitern zugute gekommen, sondern ist als Gewinnmaximierung von den Unternehmern eingestrichen worden. Das wäre ja noch hin zu nehmen, so weit es nicht dazu führt, dass die Menschen trotzdem immer länger arbeiten sollen. Sie werden um Lebenszeit betrogen.
Das wird den Arbeitnehmern immer mit falschen Argumenten näher gebracht: Man verweist auf die Alterspyramide und sagt, dass immer mehr Junge immer mehr Alte  ernähren müssten. Hier müsste aber fair gerechnet werden: Durch den technischen Fortschritt sind die Jungen in der Lage, mehr zu produzieren. Müsste nicht die erhöhte Produktivität die Tatsache ausgleichen, dass wir immer mehr Rentner haben. Da müsste einmal ein Volkswirtschaftler Klarheit schaffen.

 

 

Schlafen die Gewerkschaften?

Gerade melden die Nachrichten, dass die EU Deutschland aufgefordert hat, die Löhne zu erhöhen. Es ist ja doch wohl so, dass wir in der EU ein wirtschaftliches Ungleichgewicht haben. Unsere Waren sind zu billig, weil unsere Löhne zu niedrig sind. Leider scheint es so zu sein, dass nun nicht unsere Löhne steigen, sondern sich die Situation in den Nachbarländern verschlechtert. Im Fernsehen sah ich gerade einen Beitrag, nach dem sich die Franzosen nicht mehr das leisten können, was zu ihrer Lebenskultur gehört: eine ausgiebige Mittagspause in einem guten Lokal mit einem entsprechenden Essen. Und ihre Lebensarbeitszeit wird nun wohl auch der deutschen angepasst.
Die EU hat, wie die Nachrichten weiter gemeldet haben, Deutschland darauf aufmerksam gemacht, dass eine Lohnerhöhung die Konjunktur ankurbeln würde. Das sind offenbar Zusammenhänge, die man in Deutschland aus den Augen verloren hat. Es ist erschreckend zu sehen, dass sich immer weniger Leute eine Wohnung in Ballungsgebieten leisten können. Man hat langsam das Gefühl, als seien die Blutsauger unter uns und als würden die Menschen immer mehr versklavt.
Wozu brauchen wir eigentlich noch Gewerkschaften, wenn die EU deren Aufgaben übernimmt?

Die Unehrlichkeit der Politik

Als die Rente mit 67 eingeführt wurde, hörten wir von der rot-grünen Regierung, das müsse eben sein, weil immer weniger Junge für immer mehr Alte sorgen müssen. Was dabei verschwiegen wurde, ist die Tatsache, dass die Produktivität gewaltig gestiegen ist: Wo früher ganze Schweißer-Kolonnen bei der Herstellung eines PKW arbeiteten, gibt es heute automatische Fertigungsstraßen und wo früher in den Banken eine freundliche Dame einen Überweisungsauftrag entgegen nahm, ist sie durch Homebanking ersetzt worden. So gesehen hätte es also keine Verlängerung der Lebensarbeitszeit geben müssen.
Man tut so, als müssten die Menschen, die dank der modernen Medizin immer länger leben, daher auch immer länger arbeiten, aber die längere Lebenszeit bedeutet nicht gleichzeitig auch längere Arbeitsfähigkeit. Nicht einmal jeder Dritte der über 60-Jährigen steht noch im Berufsleben. Die anderen zwei Drittel sind im Arbeitsleben vorzeitig verschlissen worden. Stress und Hetze nehmen am Arbeitsplatz immer mehr zu und als logische Folge sind auch immer mehr psychische Erkrankungen zu verzeichnen. Sie verursachen 53 Millionen Krankheitstage pro Jahr.
So gesehen ist es kein Wunder, dass 48,2% der Arbeitnehmer im Jahr 2011 vorzeitig aus dem2005 waren es nur 41,2 Prozent. Man sieht also, wie der Verschleiß der menschlichen Arbeitskraft ständig zunimmt, besonders in den Dienstleistungsberufen.
Zusammenfassend kann man also feststellen, dass das, was uns als Verlängerung der Lebensarbeitszeit „verkauft“ wurde, in Wirklichkeit eine gewaltige Rentenkürzung war. Und das war nicht die einzige: Die Renten schrumpften in den Jahren 2004 bis 2012 um fast 10 %. Rechnet man hinzu, dass die vielen, die aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig aus dem Berufsleben ausscheiden müssen, nun nur noch eine gekürzte Rente erhalten, so kann man sagen, dass das ganze System auf eine Enteignung der Rentner hinaus läuft.
Und wenn dann wieder einmal von Steuerermäßigung gesprochen wird, sollte man sich immer vor Augen halten, dass dem Bürger an anderer Stelle viel mehr in die Tasche gegriffen wurde. Aber das wird immer schön verteilt, damit es nicht so auffällt.