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Handschellen und Menschenwürde

JustitiaTitel
Der Prozess gegen die 96-jährige KZ-Schreibkraft in Itzehoe ist ein einziges Trauerspiel. Er zeigt das Versagen der Justiz bei der Aufarbeitung des Unrechts aus der Nazi-Zeit. Immerhin hat man nun nach 70 Jahren eine 96-Jährige vor Gericht gezerrt. Gezerrt muss man schon sagen, denn die alte behinderte Frau wurde in Handschellen (!) vorgeführt.
Mich erschreckt so etwas. Ich betrachte das als Verstoß gegen die Menschenwürde. Die Justiz will damit anscheinend das zeigen, was sie bisher versäumt hat, nämlich dass sie hier hart durchgreift.
Ich war Strafrichter in den verschiedensten Positionen: vom Amtsrichter bis zum Vorsitzenden des Schwurgerichts. Bei mir ist nie ein Angeklagter in Handschellen vorgeführt worden, obwohl ich als Jugendrichter mit den Anfängen der RAF zu tun hatte. Der Präsident des Amtsgerichts hatte damals vorsichtshalber eine Hundertschaft Polizei in Bereitschaft gehalten. Später hatte ich bei den bei den im Gerichtsbezirk liegenden Grenzübergängen Kufstein und Schwarzbach mit Verbrechern jeden Kalibers zu tun, natürlich auch mit Mafiosi.

Entwürdigendes Schauspiel

Fesselung von Straftätern – ein entwürdigender Show-Effekt?

Dass ich natürlich als Strafrichter oft bedroht wurde, liegt auf der Hand. Wie das bei einem besonders gefährlichen Mann verlief, lesen Sie in der Leseecke in der Kurzgeschichte „Ein ganz normaler Tag“.

Wie man Rechtsextremismus fördert

Kürzlich wurde in unserer Stadt ein Gedenkstein aufgestellt, der nun nach fast 8 Jahrzehnten an die Vertreibung einer jüdischen Familie erinnert. Und wenn ich dann auf der Autobahn in die Berge fahre, weist mich ein riesiges Schild auf eine Dokumentationszentrum hin, das die Gräueltaten der deutschen Wehrmacht zeigen soll. Und auch in vielen Städten mehren sich die „Stolpersteine“. Man könnte fast von einer „Mode“ des Bekennens sprechen, wenn ein solches Wort dem Thema angemessen wäre. Jedenfalls überbietet man sich nun geradezu  – seltsamerweise nach so langer Zeit – mit solchen Bekenntnissen von Scham und Schuld. Kein anderes Volk konfrontiert sich ständig so mit mit den dunklen Seiten seiner Vergangenheit wie wir Deutschen. Sieht man etwa in den USA Gedenktafeln für die Vernichtung der Indianer oder für den Sklavenhandel? Oder gedenkt etwa die Kirche mit einem Mahnmal auf dem Petersplatz der Hexenverbrennungen? Nein, das waren ja in den Augen der Kirche Verfehlungen einzelner.
Bei uns hingegen scheut man nicht einmal davor zurück, die Geschichte zu fälschen, um die Deutschen in Sippenhaft zu nehmen, indem man ihnen eine Kollektivschuld vorwirft. So wird in einem offiziellen Statistik-Buch behauptet, die Deutschen hätten gewusst, dass die Juden vergast würden. Das wird mit einer Umfrage begründet, bei der die jüngeren Leute dies tatsächlich bejaht hatten. Und dann wurde hinzugefügt, die Alten hätten wohl ihre Schuld verdrängt, wenn sie behaupteten, sie hätten keine Ahnung gehabt. Ich bin 84 Jahre alt, also zu jung, um an der Vergasung schuld zu sein, aber alt genug, um mitbekommen zu haben, wie es damals war: Bis auf die Eingeweihten hat kein Mensch gewusst, was in den KZs geschah. Der normale Deutsche glaubte, die Juden würden genauso interniert wie auch die Angehörigen anderer Fremdstaaten und wie natürlich ebenso die Deutschen im feindlichen Ausland.
Wann endlich traut sich einmal ein Politiker, die Frage zu stellen, ob nicht auch das deutsche Volk ein Opfer der Nazis geworden ist? Das Volk hat einmal in einer Zeit hoher Arbeitslosigkeit und wirtschaftlicher Not die Nazis gewählt, weil es gemeint hat, es würde dann aufwärts gehen. Und den braven Deutschen wäre nie eingefallen, dass sie von ihrer Regierung belogen würden: Sie haben geglaubt, dass Deutschland  den 2. Weltkrieg nicht begonnen, sondern nur „zurück geschossen“ hat, also sich in einem Verteidigungskrieg befunden hat, in dem übrigens die Kirche die Kanonen geweiht hat. Die Deutschen sind also Opfer eines Betruges geworden. Opfer sind sie auch insoweit, als etwa 6,3 Millionen Deutsche ihr Leben in diesem Krieg verloren haben.
Man stelle sich nun einmal vor, es gäbe Leute, die nun für jedes zivile Opfer der Bombenangriffe auf deutsche Städte, die nach dem Völkerrecht Kriegsverbrechen waren,  ebenfalls Stolpersteine setzen würden. Was wäre dann wohl los? Deutschland wäre gespalten und würde zum Friedhof.
Jedenfalls ist es jetzt schon so, dass wir eine gefährliche Spaltung der Gesellschaft haben: Auf der einen Seite sind die „braven“ Deutschen, die sich teilweise auch selbst schuldig fühlen. Und auf der anderen Seite stehen die Rechtsextremen, die stolz auf ihr „Vaterland“ (neudeutsch: „Heimat“) sind und die finden Krieg ist Krieg, und da haben auch die anderen… Das dürfe man nicht unter den Teppich kehren.
Ich meine daher, man sollte die Vergangenheit ruhen lassen, was nicht heißt, dass man sie vergessen soll. Aber man sollte nicht ständig mit ihren dunklen Seiten konfrontiert werden. Kein Mensch tut dies, kein Volk, nur wir Deutschen. Und alles, was dabei heraus kommt, ist, dass der braune Sumpf immer größer wird.