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Vor 75 Jahren: Kapitulation – Ich war dabei: So war’s

 

Heute vor 75 Jahren kapitulierte Deutschland. Wir wohnten damals in Kiel und so sah es dort aus:

„Auf Kiel fielen insgesamt bei 90 Luftangriffen 44 000 Sprengbomben, 900 Minenbomben und rund 500 000 Brandbomben. Fast 3000 Zivilisten verloren ihr Leben, über 5000 wurden verletzt, 167 000 Einwohner wurden obdachlos. Die Zahl der Toten wäre höher gewesen, wenn nicht während des Krieges zahlreiche Luftschutzbunker gebaut, über 150 000 Kieler evakuiert und nicht Schulkinder im Rahmen der Kinderlandverschickung in weniger gefährdete Gebiet gebracht worden wären. Am 1. Januar 1945 hatte die Stadt nur noch 143 000 Einwohner, vor allem Frauen und Alte. Vor dem Krieg hatten in Kiel 261 000 Menschen gelebt.“
Über 5 Millionen Kubikmeter Schutt bedeckten die Stadt. Denn 35% der Gebäude waren zerstört, 40% beschädigt, 25% unbeschädigt. Noch schlimmer war es um die Wohnungen in Kiel bestellt. 40% waren zerstört, 40% beschädigt und nur 20% unbeschädigt.“
(https://www.kiel.de/de/bildung_wissenschaft/stadtarchiv/erinnerungstage.php?id=34)

Als Kiel kampflos übergeben wurde, befürchtete ich das Schlimmste, das uns ja die Nazis für diesen Fall prophezeit hatten. Die bisherigen Feinde, die uns als Kinder beim Kartoffelsammeln auf dem Feld beschossen hatten und die immer wieder die endlosen Flüchtlingstrecks angegriffen  hatten, waren nicht nur in meinen Augen, sondern auch völkerrechtlich Kriegsverbrecher. Was würde nun aus uns werden?
Meine Mutter schickte mich am Tag des Einmarsches der Briten zum Milchmann (So etwas gab es damals noch.) Ich hatte ein wenig Angst, beruhigte mich aber, als es dort sehr voll war und die Frauen sich unterhielten mit der übereinstimmenden Meinung: „Gott sei Dank: Der Krieg ist vorbei und schlimmer kann es nun auch nicht werden.“ In diesem Augenblick meldete ein Junge aufgeregt, dass der erste britische Panzer unten an der Hauptstraße stehen würde und dass die Soldaten den Passanten die Uhren abnehmen würden (Ja, eine Uhr war damals ein Wertgegenstand,).
Als ich wieder zu Hause war, hielt es meine Mutter für besser, alles zu vernichten, was mit dem Dritten Reich verbunden war: Das war zunächst einmal Hitlers „Mein Kampf“. Das Buch gehörte damals in jeden Haushalt wie die Bibel. Ich verbrannte es in unserer Brennhexe, einer chamottierten Blechkiste, auf der wir in Ermangelung von Strom und Gas kochten. Dann zertrümmerte ich mit einem Hammer das Parteiabzeichen meines Vaters. Er war zwar kein Nazi, aber im NSKK (National-sozialistischen Kraftfahr-Korps) wegen der schönen Touren, die dieser Verein damals unternahm.
Außerdem verbrannte ich ein Ölbild meines Vaters in Uniform, das ihm jemand zum Geburtstag gemalt hatte. Meine Mutter fand, wenn unser Haus durchsucht würde, könnte ihn jemand für Hitler halten, obwohl überhaupt keine Ähnlichkeit vorhanden war.
Nachdem wir unsere Wohnung auf diese Weise entnazifiziert hatten, rumpelte es draußen. Der erste Panzer fuhr vor. Ich war natürlich neugierig und schaute vorsichtig hinaus, aber es war alles ganz anders, als ich mir gedacht hatte. Ein Neger (Das durfte man damals noch sagen)  lag auf dem Panzer in der Sonne und lachte. Kinder liefen hinterher und bettelten um Schokolade, die er gelegentlich verschenkte. Dabei hielt er das Buch „Mein Kampf“ in die Höhe und nannte den Preis: „One chocolade!“ Und dann zeigte er ein Parteiabzeichen her und rief: „Three choclades!“
Ich meldete das meiner Mutter und wir fanden: Waren wir blöde!
Ja so war’s damals!