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Der Niedergang von Bad Reichenhall


Kürzlich fiel mir ein, mal wieder zur Padinger Alm zu wandern. Dort erlebte ich einen Schock: Das Gelände war schon von weitem mit einem hohen Bauzaun (ist so was in den Bergen erlaubt?) umgeben mit einem Schild am Weg:

Privat
Betreten verboten

Die Alm war mal eines der schönsten Aussichtslokale von Bad Reichenhall. Wie kann so etwas sein, dass ein derartiges Grundstück von großer Bedeutung für die Allgemeinheit in Privatbesitz über geht? Gerade so ein Lokal ist es doch, was einen Fremdenverkehrsort attraktiv macht. Und auch die Einheimischen sind gerne hinauf gegangen, um sich dort bei Kaffee und Kuchen zu erholen.
Es gab noch ein zweites Aussichtslokal in Bad Reichenhall, wo früher „die Post abging“: Der Schroffen. Busseweise kamen die Touristen aus den umliegende Kurorten, um dort zu tanzen oder nur bei Kaffee und Kuchen den Ausblick zu genießen. Sogar die Salzburger kamen gerne hierher. Nun ist es dort still geworden. Das Letzte, was ich über das Lokal gelesen habe, war, dass es als Asylantenunterkunft im Gespräch war.
Das ist alles sehr traurig und zeigt den Niedergang des einst so wohlhabenden „königlichen Staatsbades“. Was für ein Leben herrschte in dieser Stadt, als es noch zu guten Ton gehörte, dass viele sich dort zur bloßen Stabilisierung ihrer Gesundheit eine 4-wöchige Kur auf Kosten ihrer Kasse gönnten. Heute gibt es nur noch 3-wöchige Kuren in wenigen Fällen, bei denen sich die Patienten oft erst mal mit den Kassen streiten müssen. Die „Gelddruckmaschine“ Bad Reichenhall kam ins Stottern.
Was war das früher für ein Leben in der Kurstadt: Tanz in vielen Lokalen, Theater, Konzerte…
Als der Eiserne Vorhang fiel, kamen Bühnen aus Krakau, Odessa. Moskau… Das war großartiger als die Salzburger Festspiele. Und das alles hat uns so begeistert, dass wir beschlossen, unseren Lebensabend in dieser Kurstadt zu verbringen. Aber nun hat die Stadt einen beispiellosen Niedergang hinter sich, der uns deprimiert hat, und so haben wir unsere Pläne aufgegeben.
An den vielen leer stehenden Geschäften zeigt sich die Lage der Stadt. Aber auch die übrig gebliebenen Läden sinken ständig im Niveau: Billig-Mode-Shops und Kleinpreisläden prägen das Bild. Ein Beispiel: Wo einst bei einem Juwelier manche Kurgäste jedes Jahr edlen Schmuck zu hohen Preisen kauften, ist nun eine Töpferei eingezogen, die nette kleine Souvenir-Artikel herstellt.
Der Staat hat ja versucht, der Stadt zu helfen, indem er ihr ein Theater schenkte (in dem nun kaum etwas los ist) und ein Solebad. Aber wer so lange in der Hängematte des Geldsegens gelegen ist, dem fehlt dann die notwendige Eigeninitiative, um etwas daraus zu machen. Andere Orte waren da cleverer:
https://autorenseite.wordpress.com/2020/02/10/sterbende-innenstaedte-auflebende-orte/
Als der Niedergang einsetzte, gründete ein Geschäftsinhaber die Zeitschrift „Polis“, ein Blatt, das sich kritisch mit der Entwicklung der Stadt befasste. Auch ich habe dafür etliche Artikel geschrieben und bin deswegen auch aus dem Stadtrat u.a. als Giftspritze beschimpft worden. Typisch war auch die Reaktion eines Stadtratsmitglieds, als man ihm die Zeitschrift anbot: „Net mit der Beißzang‘ tät i’s anlangen.“ 
Was hatte ich der Stadt alles vorgeschlagen:
> dass man die „alte“ Saline on „königliche“ umtauft und ebenso das alte Kurhaus,
> dass man aus dem Kurgarten das scheußliche „Sparkassen-Kunstwerk“ entfernt und ebenso einen plagiierten Mozartplattkopf,
um nur zwei Beispiele zu nennen, die man erst natürlich ignoriert und viel später verwirklicht hat, als ich von Bad Reichenhall weggezogen bin.
Nach dem Eishallenunglück hatte ich vorgeschlagen, einen geborstenen Balken als Obelisk aufzustellen mit goldenen Inschriften für die Opfer (ähnlich wie man nun die zerschosseneTür der Synagoge in Halle zum Denkmal gemacht hat). Stattdessen hat man 4 scheußliche bunte Stelen aufgestellt, die unerfindlicherweise so viel gekostet haben wie ein Einfamilienhaus.
Mein Vorschlag eines Nostalgietages im Kurpark wurde nicht aufgegriffen, war allerdings dann in anderen Kurorten ein großer Erfolg.
Bad Reichenhall hätte sich auch als Nachfolgedrehort für die Rosenheim-Cops bewerben sollen, wobei ich schon Vorschläge für entsprechende Plots gemacht hatte.
Das sind nur einige meiner Ideen und auch andere haben noch mehr beigetragen.
Aber wo wären die arroganten Verantwortungsträger von Bad Reichenhall hingekommen, wenn man den Vorschlägen von schlichten Bürgern gefolgt wären? So war die verbohrte Denkweise in der Stadt, wo man zum einen Front gemacht hat gegen die „zugezogenen Neubürger“ wie heute mancherorts gegen die Asylanten. Im übrigen galt der altdeutsche Grundsatz:

„Es ist dem Untertanen untersagt, den Maßstab seiner beschränkten Einsicht an die Handlungen der Obrigkeit anzulegen.“

Bad Reichenhall hatte einst ein nobles Steigenberger Hotel, das nun in andere Hände übergegangen ist. Es ist seit langer Zeit von einem Bauzaun umgeben, ohne dass sich dort etwas rührt und ich frage mich, ob es teilweise einsturzgefährdet ist, denn der Reichenhaller Untergrund ist löchrig wie ein Schweizer Käse.

Inzwischen soll nun entsprechend dem Beispiel von Berchtesgaden auch in Bad Reichenhall ein neues Nobelhotel entstehen. Schon der Baubeginn ließ Schlimmes befürchten: Man hatte die Grundmauern völlig falsch gebaut und musste sie einreißen. Nun aber entsteht da etwas, was eher an ein „Klein.Manhatten“ erinnert als an ein schönes Hotel.


Bad Reichenhall will immer damit punkten, dass es sich ein Philharmonisches Orchester leistet. Das mag angebracht gewesen sein, als die Kurgäste bei 4-wöchentlichen Kuren Langeweile hatten. Aber nun müssen die Gäste, die ja meist aus Städten mit umfangreichen musikalischen Angeboten kommen, nicht auch noch während ihrer Kur ins Konzert gehen. Für einen Kurort genügt, wie das Beispiel Bad Füssing zeigt, ein kleines Salonorchester vollauf.
Ja, ich mache mir Sorgen um die schöne Stadt:

            Bad Reichenhall

Du schöne Stadt in falschen Händen –
Wann wird sich dein Schicksal wenden?
So, wie’s jetzt läuft, geht es nicht.
Wer bringt ins Dunkel endlich Licht?