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Wir sind ein Volk von entmündigten Nicht-Lesern geworden


Die Zeiten haben sich geändert. Als ich in den Staatsdienst eintrat, bekam ich eine schlichte Gehaltsabrechnung mit leerer Rückseite. Heute ist sie hinten eng bedruckt und auf der nächsten Seite geht es weiter. Da fragt man sich: Wie konnte das früher anders funktionieren?
Das war aber nicht das Einzige, was ich heute hätte lesen sollen: Auch meine Krankenkasse schickte mir 10 DIN-A-4-Blätter mit einer Prämienanpassung (sprich:: Erhöhung).
Wer soll all das Zeug lesen, besonders die Geschäftsbedingungen im Internet? Kaum einer macht so was. Eine Firma hat das einmal mit einem kuriosen Experiment bewiesen: Sie hat in ihren AGB demjenigen 3000 Euro versprochen, der das liest. Es hat sehr lange gedauert, bis jemand das Geld abgerufen hat.
Weil wir uns nicht mehr die Zeit zum Lesen nehmen, werden wir praktisch entmündigt. Und wir werden quasi erpresst, indem wir das schlucken, was und vorgesetzt wird: Ein Beispiel bietet Google: Wenn Sie dort mit der Speicherung von Cookies nicht einverstanden sind, werden Sie auf eine Auswahlseite verwiesen, bei der Sie schnell aufgeben: so verwirrend und umfangreich ist das Zeug, was dann kommt. Ich glaube sowieso, dass die meisten Leute im Internet einfach immer auf den „Einverstanden-Button“ klicken.
Merkwürdig ist, dass den Menschen so viel zum Lesen vorgesetzt wird, obwohl 12% Analphabeten sind:
https://autorenseite.wordpress.com/2020/05/03/wie-immer-mehr-menschen-analphabeten-werden-12/
Das Internet hat sich auf die Nicht-Leser eingestellt. Gebrauchsanleitungen braucht man heute nicht mehr zu lesen. YouTube erklärt fast alles.
Und auch die Print-Medien gehen immer auch mehr dazu über, ihre Botschaften per Video zu verbreiten. Ich hasse das: Wenn ich nur kurz etwas wissen will, was ich beim Lesen durch Überfliegen des Textes erfahren würde, muss ich mir dann zunächst eine Werbung anschauen und dann einen Film, bei dem es dauert, bis man dort zur Sache kommt: Was für eine Zeitverschwendung.

 

 

Ein großes Lob für die ARD

ARD
Wir leben in einem Zeitalter der Analphabetisierung:
https://autorenseite.wordpress.com/2014/07/31/werden-wir-alle-analphabeten/
Wie dort zu lesen ist, nimmt sogar bei den Print-Medien der Trend zu, anstatt von Artikeln Videos zu veröffentlichen. Spiegelgründer Augstein würde sich im Grabe umdrehen, wenn er sehen würde, dass auch sein Blatt zunehmend mit dabei ist.
Nun ist allerdings auch ein umgekehrter Trend zu beobachten. Während man früher Sendungen wie Monitor, Plusminus usw. von vorn bis hinten anschauen musste, wenn man nur an einem Beitrag interessiert war, half zunächst schon die Videothek dabei, dass man hinterher speziell diesen Beitrag heraus suchen und anschauen konnte.
Noch besser ist es inzwischen bei der ARD geworden. Da kann man in einem kurzen Artikel lesen, um was es in einem Beitrag geht:
Beispiel: Mich interessierte bei Plusminus ein Filmbeitrag über das Thema „Kriselnde Banken und Sparer“. Früher hätte ich eine Dreiviertelstunde vor dem Fernseher sitzen müssen, bis der Beitrag gekommen wäre, jetzt konnte ich ihn gezielt in der Videothek anschauen und was nun noch besser ist: Ich konnte in einer Minute den Artikel über dieses Thema überfliegen.

Eine traurige Zahl

Kinder

35% der Jugendlichen sind Nichtschwimmer. Das darf es doch nicht geben! Viele Eltern finden, es sei Aufgabe des Sportunterrichts, den Kindern das Schwimmen beizubringen, aber die Schulen verweisen darauf, das oft das nächste Hallenbad zu weit entfernt ist.
Ja, liebe Eltern, was habt ihr denn mit euren Kindern in diesem traumhaften Sommer getrieben? Warum nehmt ihr euch nicht die Zeit, den Kleinen das Schwimmen beizubringen?
Mit dem Schwimmen ist es ähnlich wie mit dem Lesen: Ein Siebtel der Deutschen kann nicht richtig lesen und schreiben. Auch hier sehe ich eine Schuld der Eltern. Wie viele Eltern nehmen sich noch die Zeit, den Kindern beim Lesen lernen zu helfen? Das beginnt mit dem Vorlesen einer Gute-Nacht-Geschichte. Und dann liest man zusammen mit dem Kind und redet über das, was man da erfahren hat. So macht man Kinder neugierig aufs Selbstlesen. Aber die Eltern von heute sind oft zu erschöpft für solche Unternehmungen. Sie geben den Kindern Ohrstöpsel, damit sie sich etwas anhören. Und dann fragen sich die Kinder, warum sie noch Lesen lernen sollten.

Es ist ganz schrecklich

Und es wird immer schlimmer. Wir sind auf dem Weg zum Analphabetismus. Ein Siebtel der Deutschen kann nicht richtig lesen und schreiben und das ist kein Wunder, sondern die Folge einer schlimmen Entwicklung: Schon das Fernsehen machte für viele das Zeitungslesen überflüssig. Und wenn man nun die Nachrichten im Netz anschaut, sind die auch in der Regel bebildert. Eine Meldung ohne Bild geht da unter. Und die Entwicklung geht noch weiter: Die Meldungen werden nicht geschrieben, sondern als Video gesendet:
Beispiel: Gerade sah ich bei meinem Provider die Meldung, dass immer mehr Iraker von Deutschland enttäuscht sind und zurück gehen. Das hätte mich schon interessiert, aber die Meldung war nicht zu lesen, sondern man musste ein Video anschauen. Na ja, dachte ich, ausnahmsweise… Aber dann wurde ich von einem extrem lauten Werbespot der Versicherungskammer bedröhnt und habe sofort ausschalten müssen. Da muss ich nun halt anderswo nachschauen, wie es mit der Rückkehr der Irakflüchtlinge ist.

Schreckliche neue Unsitte im Internet

Ich habe nichts gegen Videos im Internet. Im Gegenteil: Ich schaue mir gelegentlich ganz gerne mal dies oder jenes an. Aber nun verdrängt das Video immer mehr das, was früher geschrieben wurde. Das kann beispielsweise bei Gebrauchsanleitungen manchmal durchaus hilfreich sei, wenn man vorgeführt bekommt, was man wie machen muss. Es kann aber auch nerven. Wenn man eine schlichte Frage beantwortet bekommen möchte, kann man bei einem Text ganz schnell zu der betreffenden Stelle scrollen. Aber bei einem Video muss man womöglich „bei Adam dem Schleimigen“ anfangen, um dann endlich dort zu landen, wo man hin will. Für Menschen wie mich, die mit dem Lesen groß geworden sind, ist das schon eine ziemliche Zumutung, nämlich unnütze Zeitverschwendung.
So wundern wir uns nicht, wenn wir lesen, dass 7,5 Millionen Erwachsene in Deutschland Analphabethen sind, also keine einfachen Texte lesen und schreiben können. Das sind mehr als 14 Prozent der Erwerbsfähigen!