Leseecke

Hier erscheinen von Zeit zu Zeit Kurzgeschichten aus meinen Büchern:

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Wie der Teufel das Weib erschuf

 — Eine apokryphe Schrift aus meinem Weinkeller —
(Verzeihung, liebe Leserinnen, aber so steht es dort geschrieben:)

In Wirklichkeit war die Erschaffung der Frau ganz anders, als es in der Bibel steht, nämlich so:
Der Herrgott hatte gerade das Paradies fertig gestellt und setzte sich erschöpft unter einen Apfelbaum. Als er etwas eingeschlafen war, wurde er jäh von einem Apfel geweckt, der ihm auf den Kopf fiel. Er ahnte damals noch nicht, dass das nicht der einzige Ärger sein würde, den so eine Frucht auslösen kann.
In diesem Augenblick kam Luzifer daher, den der Herrgott zwar aus dem Himmel geworfen hatte, den er aber doch als gelegentlichen Gesprächspartner schätzte, wenn ihm die ganze Heiligkeit in seinem Reich auf den (Heiligen) Geist ging. Luzifer grüßte höflich und sagte:
„Ein bisschen einsam hier!“
„Fand ich auch gerade“, erwiderte der Herrgott.
„Ich hätte da eine Idee“, fuhr Luzifer fort: „Du bist doch allmächtig. Warum schaffst du dir nicht einen Gesprächspartner nach deinem Ebenbilde?“
„Darüber habe ich auch schon nachgedacht. Aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass es da nur Ärger gibt.“
„Das macht doch nichts. Selbst wenn sich die Menschen vermehren würden wie die Karnickel, könntest du doch alle mit einer Sintflut wieder weg spülen.“
„Wie kommst du denn auf so eine Idee? Ich erschaffe ja nur einen Menschen und keine Massen.“
Als Luzifer sich entfernt hatte, ging der Herrgott an einen Teich, um sein Spiegelbild zu betrachten. Er war zufrieden mit sich und begann, aus Lehm einen Menschen zu kneten, der genau so aussah, wie er sich selbst im Teich gesehen hatte.. Als er abends fertig war, hauchte er der Lehmfigur seinen göttlichen Odem ein und taufte sie Adam.

Am nächsten Tag traf er Luzifer wieder und fragte ihn:
„Na? Hast du schon den Adam gesehen? Wie findest du ihn?“
„Um Gottes willen… hätte ich beinahe gesagt: Der sieht ja aus wie du.“
„Na und? Hast du was dagegen?“
„Willst du meine ehrliche Meinung hören, ohne dass du gleich wieder zornig wirst?“
„Ich werde nie zornig. Also sag schon, was du denkst!“
„Ich bilde mir ein, ich würde da etwas Besseres hinkriegen.“
„Aha! Wieder derselbe Hochmut von früher?“
„Nein, das ist Objektivität.“
„Na, dann kannst du ja mal probieren, was du zu Wege bringst, und du wirst feststellen: Adam ist und bleibt die Krone der Schöpfung.“
„Gestatte, dass ich da meine Zweifel anmelde!“
Die beiden verabschiedeten sich und Luzifer machte sich ans Werk. Als Mann, der er ja war, nahm er natürlich nicht sein Spiegelbild als Muster, sondern schuf eine Figur aus seinen wildesten Träumen – einfach unbeschreiblich, sagen wir kurz: er formte ein Wahnsinnsweib.
Als es dunkel wurde, schlich er zum schlafenden Adam, stahl ihm einen Teil des göttlichen Odems und hauchte ihn seiner Figur ein. (Auf dieses Vorkommnis ist zurück zu führen, dass Männern bei manchen Frauen die Luft weg bleibt). Luzifer taufte sein Produkt auf den Namen „Eva“.
Am nächsten Tag ging er stolz mit seiner Eva durch das Paradies und traf dort den Herrgott. Dem entschlüpfte ein staunendes „Wow!“ – allerdings nur leise, denn es geht ja nicht an, dass er als Herrgott ein Teufelswerk bewundert.
Die drei wanderten eine Weile herum und setzten sich dann unter den erwähnten Apfelbaum. Luzifer zeigte auf einen besonders schönen Apfel und sagte zu Eva:
„Den musst du dir gönnen, der ist besonders saftig!“
„Nein!“ rief der Herrgott. „Der Apfel wird nicht gegessen!“
„Und wieso nicht?“ fragte Eva neugierig, wie Frauen nun einmal sind.
„Weil ich es so bestimmt habe!“
„Der hat heute schlechte Laune, weil du jetzt auch auf der Welt bist!“ flüsterte Luzifer Eva ins Ohr. Die aber nahm sich jetzt schon vor, gerade diesen verbotenen Apfel zu essen, wenn der Herrgott nicht zuschauen würde.

Luzifer ging dann mit Eva zu Adam und sagte freundlich:
„Schau, wen ich dir hier mitgebracht habe. Das ist Eva und du wirst doch noch ein Plätzchen für sie übrig haben in deiner hübschen Bambushütte.“
„Nein, hab‘ ich nicht. Ich weiß schon, worauf das hinaus läuft. Schließlich will Eva die Hälfte von meinen Sachen haben.“
„Na gut, wenn du so dumm bist und diese nette Gesellschaft ablehnst, dann baue ich halt Eva eine eigene bessere Hütte.“ Das hatte Luzifer allerdings gar nicht vor, sondern er wandte sich an seine Großmutter und bat sie um Rat. Sie hatte als Frau natürlich den notwendigen Durchblick, der Männern manchmal abgeht.
„Denen fehlen halt die Hormone!“ stellte sie fest.
„Was ist das denn?“ fragte Luzifer.
Sie lachte: „Ein wahres Teufelszeug!“ Dann begann sie, eine Kräutermischung aus Cannabis, Froschlaich und Kaninchenhoden zu kochen. Das Zeug stank zum Himmel und der Herrgott wunderte sich sehr. Die Alte füllte diese Soße gemischt mit Alkohol in zwei kleine Fläschchen und Luzifer brachte sie als Schlaftrunk sowohl zu Adam wie auch zu Eva. Als die beiden die Mixtur getrunken hatten, waren sie wie verwandelt. Sie konnten nicht anders: Sie mussten sich sehen und machten sich auf den Weg zueinander. In der Mitte trafen sie sich und fielen wortlos über einander her.
Der Herrgott sah dies von oben. Er erschrak und erfand ein eigenes Wort für dieses noch nie da gewesene Treiben: „Unzucht!“

Mit dieser „Unzucht“ begann also die Geschichte der Menschheit.
Und warum steht das nicht auch so in der Bibel? Weil die von Männern geschrieben wurde, die nicht zugeben wollte, dass ihr Lieblingsspielzeug, das Weib, ein Teufelswerk ist.
Die Frauen litten eine Zeit lang unter ihrer Herkunft, die jedoch bald in Vergessenheit geriet. Allerdings hielt sich Jahrhunderte lang der Glaube, dass Frauen keine Seele haben. Dieser Glaube ist heutzutage nur noch bei manchen Männern anzutreffen, die mit ihrer Frau im Streit leben.

Im Laufe der Zeit missfiel Luzifer die Art, wie die Männer mit der Krone seiner Schöpfung, also den Frauen, umgingen. Und deshalb gab er in die Gehirne der Männer Erfindungen ein, mit denen sie sich selbst entmannten: Plastik, Glyphosat, Konservierungsstoffe und sonstige Lebensmittelzusätze. So wurden die Männer zu Softies und Toyboys und die Frauen kamen mehr und mehr an die Macht. Schließlich erfanden die Frauen noch die Parthenogenese und schafften die Männer ganz ab. Der Herrgott bemerkte diesen Prozess, der schleichend begann, erst, als Frauen ihn mit „das Gott“ bezeichneten. Da war auch bei dem alten gütigen Mann die Toleranzgrenze überschritten. Er schimpfte über sich selbst, weil er die Menschen in seiner schönen Welt geduldet hatte und sprach bei sich:
„Ich bin ja wie ein Rosenzüchter, der erst diese Königin der Blumen pflanzt und dann Blattläuse darauf setzt.“ Und er sann darüber nach, wie er die Menschen wieder aus seiner Schöpfung entfernen könnte. Eine Sintflut war nicht mehr möglich, weil zu viele Menschen mit Flugzeugen und Schiffen unterwegs waren. Auch ein Atomkrieg würde etliche Menschen übrig lassen, aber vielleicht ein Virus…
Wir werden es erleben.

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Hier kommt zur #MeToo-Debatte eine Geschichte aus dem Buch „Adieu Justitia“

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Der Staatsanwalt

Der erste Tag in seinem neuen Amt war für Dr. Prell unvergesslich. Er traute seinen Augen nicht, als er an seinem Dienstzimmer tatsächlich ein Schild mit der Aufschrift las:

Dr. Prell
Staatsanwalt

Ein bisschen stolz war er schon auf seinen neuen Titel, aber das verging ihm gleich, als er sein Zimmer betrat. Ein ganzer Haufen Akten wartete auf ihn. Und als abends die Dienstzeit zu Ende ging, hatte er kein noch einziges Verfahren zu Ende gebracht. Er dachte an die Monatsstatistik und ihn beschlich ein Gefühl von leichter Übelkeit, als er sich vor Augen hielt, wie sein heutiges Tagespensum eigentlich hätte aussehen sollen. Ziemlich verzweifelt öffnete er den letzten und dicksten Akt seines Einlaufs, den er sich bis zum Schluss aufgehoben hatte, und zu seiner (natürlich nur dienstlichen) Freude las er, dass der Beschuldigte verstorben war. Er blätterte also in der StPO, also der Strafprozessordnung, um die Vorschrift zu finden, mit der er die Beendigung des Verfahrens begründen könnte. Aber er fand nur etwas über den Tod des Privat- oder des Nebenklägers. Der Tod des Beschuldigten aber kam im Gesetz nicht vor. Was nun? Er durchforschte seine Stempel und Formblätter – vergeblich. Er kam der Lösung des Problems, das für den juristischen Laien gar keines ist, nur ziemlich nahe, als er einen Stempel fand mit der Schrift: „Eingestellt wegen unbekannten Aufenthalts.“

Er würde also am nächsten Tag einen älteren Kollegen um Rat fragen müssen, was zu tun sei, dachte er sich und wollte sich auf den Heimweg machen. Da hörte auf dem Gang ein Klack-Klack, ein Geräusch, das er hasste: Eine Frau war draußen unterwegs und zwar ein Typ, den er in Abwandlung der Bezeichnung „Geißel Gottes“ als „Maschinengewehr Gottes“ getauft hatte. Ihm waren diese Frauen zuwider, deren Schritte wie Hammerschläge vom Straßenpflaster oder von anderen Fußböden widerhallten. Und so entschloss er sich, noch ein wenig in seinem Zimmer zu warten. Zu seinem Entsetzen verlangsamte sich das Klack-Klack vor seinem Zimmer und hörte schließlich auf.

Dr. Prell geriet in Panik. Was würde ihm da bevorstehen? Dann beruhigte er sich bei dem Gedanken, dass er nicht „Herein!“ sagen würde, wenn an die Tür geklopft würde, denn es war ja schon Dienstschluss. Und plötzlich fiel ihm der Vorsitzende der Kammer ein, bei der er vorher gearbeitet hatte. Der hatte ihm den Rat gegeben, sein Zimmer immer sorgfältig abzuschließen, wenn er noch nach Dienstschluss arbeiten würde, denn dann „kommen die Weiber, die Übles im Sinn haben, und wenn Sie da nicht vorsichtig sind, reißen die sich die Bluse auf, schreien um Hilfe und behaupten, sie würden vergewaltigt.“

Bei dem Gedanken an die so dargebotenen Frauenbrüste lief es Dr. Prell kalt den Rücken herunter. Dieses Gefühl verstärkte sich noch, als es klopfte. Es nützte nichts, dass er sich das „Herein!“ verkniff, denn im selben Moment wurde die Tür geöffnet und eine Frau trat ein.

Bin ich hier richtig, um eine Anzeige zu erstatten?“ fragte sie.

Eigentlich nicht“, erwiderte Dr. Prell. Bevor er fortfahren konnte, fiel sie ihm ins Wort:

Was heißt hier eigentlich?“

Das wollte ich Ihnen gerade erklären: Erstens haben wir Dienstschluss und zweitens werden Anzeigen üblicherweise bei der Polizei erstattet, die dann die notwendigen Ermittlungen durchführt. Und…“

Wieder unterbrach sie ihn und sagte:

Bei der Polizei war ich schon. Aber die haben mir nicht geglaubt. Ich habe dann verlangt, deren Vorgesetzten zu sprechen und da haben sie mich an die Staatsanwaltschaft verwiesen. Und nun bin ich hier.“

Also das mit dem Vorgesetzten stimmt auch nicht so…“

Wollen Sie etwa behaupten, die Polizei hätte mich belogen?“

Nein, das auch wieder nicht. Vielleicht lassen Sie mich mal ausreden: Die Staatsanwaltschaft ist zwar wie man zu sagen pflegt Herrin der Ermittlungsverfahrens‘, aber Anzeigen werden üblicherweise bei der Polizei erstattet.“

Aber warum soll ich zum Schmiedl gehen, wenn ich auch zum Schmied gehen kann?“

Ganz einfach, weil hier Dienstschluss ist, bei der Polizei aber nicht. Ich habe hier keine Schreibkraft und keine Schreibmaschine. Wenn sie also hier eine Anzeige erstatten wollen, müsste die mit der Hand geschrieben werden, und das könnten Sie ja auch selber machen. Um was geht es denn eigentlich?“

Mein Mann missbraucht meine Tochter.“

Jetzt wurde Dr. Prell doch hellhörig. Vielleicht musste er ja sofort einschreiten. Er erkundigte sich daher genauer und erfuhr, dass die Tochter gerade ihre Ferien bei den Großeltern verbrachte. Es bestand also keine akute Gefahrenlage.

Dr. Prell fertigte einen kurzen Aktenvermerk, in dem er die Personalien der Frau festhielt und die Beschuldigung in einem Satz zusammenfasste. Es ließ die Frau unterschreiben und vereinbarte mit ihr, dass sie die Anzeige entweder bei der Polizei genauer aufsetzen lasse oder wieder zur Staatsanwaltschaft kommen sollte. Damit war der Fall für ihn erledigt. Die Frau bedankte sich und sah Dr. Prell dabei mit einem Blick an, der ihn an den schon erwähnten Ausspruch seines früheren Vorsitzenden denken ließ. Aber seine Ängste waren unbegründet, denn sie entfernte sich ganz schlicht und ohne Zwischenfall. Dr. Prell wartete, bis das Klack-Klack verhallt war und ging dann nach Hause.

Als er am nächsten Morgen um 8.00 Uhr zum Dienst erschien, saß die Frau schon vor seiner Bürotür und sprach ihn gleich aufgeregt an:

Kann ich das, was ich da gestern unterschrieben habe, zurück haben?“

…können Sie nicht! Das ist ein amtliches Protokoll. Kommen Sie doch kurz mit rein in mein Büro.“

Dort fragte er die Frau nach ihren Beweggründen. Sie schilderte, dass sie sehr unter ihrem Mann gelitten habe und sich deshalb entschlossen habe, sich mit einer Anzeige zu rächen. Dr. Prell fasste diese Aussage auch wieder in einem Satz zusammen und legte diesen der Frau zur Unterschrift vor mit dem Bemerken:

Das wissen Sie schon, dass eine falsche Anschuldigung strafbar ist?“

Das darf doch wohl nicht wahr sein! Die Anschuldigung lag ja bloß eine Nacht hier auf Ihrem Schreibtisch. So was kann man doch einfach in den Papierkorb werfen.“

Dabei versuchte sie, mit einem charmanten Lächeln Dr. Prell von der Richtigkeit ihres Standpunkts zu überzeugen. Als sie dann zum obersten Knopf ihrer Bluse griff, öffnete Dr. Prell das Fenster, setzte seine strengste Dienstmiene auf, die sein Gesicht herzugeben vermochte, und sagte:

So einfach geht das leider nicht. Die Sache muss bearbeitet werden und ich kann Ihnen nicht sagen, was daraus wird. Die Angelegenheit fällt in ein anderes Referat.“

Die Frau verabschiedete sich sichtlich enttäuscht.

Beim Mittagessen traf Dr. Prell mit Kollegen zusammen und berichtete ihnen von seinem Erlebnis. Das war Gesprächsstoff für mehr als eine Stunde. Der eine meinte:

Wenn du verheiratet bist, stehst du immer schon mit einem Bein im Knast. Du hängst total ab von der Gut- oder Böswilligkeit deiner Angetrauten. Die braucht nur im Nachthemd zur Polizei zu rennen und mit einem blutigen Messer in der Hand zu behaupten, damit hättest du sie umbringen wollen, und schon landest du in der Psychiatrie. Und wenn du dort auch noch gegen das Ganze rebellierst, fehlt dir die Einsicht in deine Krankheit.“

Ein weiterer Kollege aus dem „Sittenreferat“ trug einen völlig neuen Gedanken zur Diskussion bei:

Es hat schon was für sich, wenn der Koran vorschreibt, dass eine Vergewaltigung von zehn eidesfähigen Männern bezeugt werden muss.“ (Der Autor muss hierzu anmerken, dass er sich für die Richtigkeit dieser Behauptung natürlich nicht verbürgen kann.)

Zwei Wochen später, als es gegen Dienstschluss in der Behörde ruhig wurde, packte auch Dr. Prell gerade seine Sachen zusammen, als er wieder das Klack-Klack hörte, das er sofort wieder erkannte.

Zu spät!“ dachte er und beschloss, sich seinem Schicksal zu fügen.

Es klopfte und jene Frau kam gleichzeitig wieder herein, bevor Dr. Prell etwas gesagt hatte. Sie hatte ein Taschentuch in der Hand und weinte. Sie trocknete sich die Tränen ab und sah Dr. Prell mit geröteten Augen an:

Ich schäme mich ja so, Herr Staatsanwalt. Meine Anzeige, die ich zuerst erstattet habe, war schon richtig, aber dann war mein Mann wieder so lieb zu mir und hat versprochen, es nicht wieder zu tun. Da habe ich ihm zu Liebe die Anzeige zurück genommen, aber jetzt hat er doch wieder…“

Da kann ich gar nichts machen, weil der Fall nicht in meine Zuständigkeit gehört. Die Sache muss von Grund auf neu bearbeitet werden. Es hat wenig Sinn, wenn Sie zu dem zuständigen Kollegen gehen, denn der wird die Sache auch wieder an die Polizei zu weiteren Ermittlungen abgeben. Dort hat man gerade eigens eine Psychologin eingestellt, die in solchen Fällen die Glaubwürdigkeit der Zeugen prüft. Wenden Sie sich also bitte erst einmal dort hin.“

Damit war der Fall zunächst für Dr. Prell erledigt.

Ein halbes Jahr später war Dr. Prell als Sitzungsvertreter für einen Missbrauchsfall eingeteilt worden. Und als er sich auf die Verhandlung vorbereitete, war er überrascht, dass es sich um jene Beschuldigung handelte, mit der er sich am Abend seines ersten Tages bei der Staatsanwaltschaft beschäftigt hatte.

Die Verhandlung dauerte einen ganzen Tag. Das war darauf zurückzuführen, dass gleich zwei Psychologinnen geladen waren. Der Angeklagte saß völlig verzweifelt einer Front von drei giftigen Frauen gegenüber, die ihn ihre Abscheu über die angebliche Tat deutlich spüren ließen: Zunächst machte die Ehefrau des Angeklagten ihre belastende Aussage. Für den Geschmack von Dr. Prell klang das, was sie sagte, emotionslos und eingelernt.

Dann folgte eine der beiden Sachverständigen. Es handelte sich um eine Kinderpsychologin, die sich der Bedeutung ihres Beitrags zur Wahrheitsfindung sichtlich bewusst war. Sie hatte das angeblich missbrauchte Kind mit Puppen spielen lassen, die überdimensionierte Geschlechtsteile aufwiesen, und hatte dabei angeblich festgestellt, dass das Kind der männlichen Puppe, die dessen Vater darstellen sollte, immer wieder an den Geschlechtsteil gegriffen hatte. Die Frau holte aus ihrer Tasche die betreffende Puppe heraus und demonstrierte daran ihre Darstellung. Nun war es so, dass der Geschlechtsteil der Puppe genauso groß war wie die Beine. Und Dr. Prell fragte die Psychologin sarkastisch, wo sie denn eine Kaffeetasse anfassen würde: am Henkel oder wo sonst?

Die Psychologin schaute etwas verwirrt und fragte:

Ich verstehe den Sinn der Frage nicht.“

Sie brauchen auch den Sinn nicht zu verstehen, sondern beantworten Sie bitte die Frage!“

Am Griff natürlich.“

Und ist der der Penis Ihrer Puppe aus der Sicht eines Kindes nicht auch so ein Griff?“

Ah! Jetzt verstehe ich Ihre Frage! Streicheln Sie vielleicht den Griff Ihrer Kaffeetasse, bevor Sie trinken?“

Und so gingen die Sticheleien zwischen der Psychologin und Dr. Prell weiter.

Dann kam die zweite Sachverständige dran, die die Glaubwürdigkeit der Ehefrau zu beurteilen hatte. Zum Erstaunen von Dr. Prell sah diese Psychologin überhaupt keinen Grund, an der Wahrheit von deren Zeugenaussage zu zweifeln. Es sei ein ganz normaler Vorgang, dass Frauen bestrebt seien, „lieb zu sein“. So komme es immer wieder zu solchen schwankenden Aussagen, bei denen Psychologen herausfinden müssten, was die Wahrheit sei. Und hier müsse sie ganz eindeutig und ohne jeden Zweifel sagen, dass die Beschuldigung der Wahrheit entspreche. Die Sachverständige machte dann ermüdend lange Ausführungen über das „befreiende Weinen“, das Gegenstand ihrer Doktorarbeit gewesen sei. Und diese Art von Weinen habe sie bei der Mutter in geradezu klassischer Weise erlebt, nachdem sich die Frau alles von der Seele geredet habe und kaum zu trösten gewesen sei.

Nachdem die Beweisaufnahme am späten Nachmittag vom Vorsitzenden geschlossen worden war, hielt Dr. Prell sein Plädoyer. Er beantragte Freispruch, weil er den Vorwurf der Anklage im Hinblick auf die schwankenden Aussagen der Mutter für nicht bewiesen hielt. Und er setzte sich natürlich auch im einzelnen mit der Aussage der Kinderpsychologin und den sonstigen Fakten auseinander.

Klar, dass auch der Verteidiger Freispruch beantragte. Als sich das Gericht zur Beratung zurück zog, vertrat sich Dr. Prell vor dem Sitzungssaal die Beine. Da kam der Angeklagte auf ihn zu und sprach mit erstickender Stimme:

Ich wollte mich bei Ihnen ganz herzlich bedanken. Wenn man so etwas Schlimmes erleben muss wie ich, dann kann ich Ihnen gar nicht sagen, welches Gefühl es ist, wenn einem endlich jemand etwas glaubt.“

Sie brauchen sich nicht zu bedanken. Ich habe ja nicht gesagt, dass ich Ihnen glaube, ich habe mich nur auf meine Aufgabe beschränkt und die Frage beantwortet, ob die Anklage beweisbar ist.“

Aber die Art, wie Sie es getan haben, hat in mir den Eindruck erweckt, dass Sie mir glauben.“

Also dazu sage ich lieber nichts.“

Aber das, was Sie nicht sagen, sagt mir genug.“

Bevor jetzt bei Ihnen so etwas wie Vorfreude aufkommt, warten Sie erst einmal das Urteil ab. Jetzt, wo die Emanzipationsbewegung auf dem Höhepunkt ist, gehört schon sehr viel Mut dazu, bei dieser Beweislage zu einem Freispruch zu kommen.“

Es läutete – ein Zeichen dass das Urteil verkündet werden sollte. Es lautete auf „schuldig“ und fünf Jahre Freiheitsentzug.

Dr. Prell ging unbefriedigt nach Hause. Nicht dass es ihn störte, „verloren zu haben“. Aber er hatte das Gefühl, dass dem Angeklagten Unrecht geschehen war. Darin bestärkte ihn der Umstand, dass der Angeklagte sich bei ihm bedankt hatte. Welcher Täter würde wohl so etwas getan haben, wenn er schuldig gewesen wäre?

Nachdem zwei Jahre vergangen waren, hörte Dr. Prell jenes Klack-Klack draußen auf dem Gang, das für ihn untrennbar mit diesem Strafprozess verbunden war. Er hatte sich nicht getäuscht, denn es klopfte an seiner Tür und im selben Moment war diese Frau von damals in seinem Zimmer. Sie sah bleich und abgemagert aus und schluchzte so sehr, das man kaum verstehen konnte, was sie sagte:

Ich… ich kann nicht mehr…, ich kann nicht mehr schlafen. Ich… habe solche Gewissensbisse, weil ich gelogen habe. Dauernd sehe ich meinen Mann hinter Gittern und frage mich, wie er das wohl übersteht. Er ist so sensibel, … müssen Sie wissen. Gestern habe ich im Fernsehen einen Bericht gesehen, dass die anderen Gefangenen über die Sittlichkeitsverbrecher herfallen. Gerade ist einer sogar an den Misshandlungen gestorben. Ich kann das nicht mehr ertragen. Bitte lassen Sie meinen Mann sofort frei.“

Das würde ich ja zu gerne tun, aber dafür ist der Kollege Rumann zuständig, der direkt im Zimmer über mir sitzt.“

Ich ahnte das schon, aber ich wollte mich doch zuerst einmal an Sie wenden, damit Sie sich freuen können, weil Sie damals in der Verhandlung recht gehabt haben.“

Danke! Alles Gute, Sie werden es brauchen können!“

Ich werde jede Strafe gerne auf mich nehmen, wenn ich damit mein Unrecht büßen kann.“

Sie verabschiedete sich und Dr. Prell gönnte sich aus Freude darüber, dass sich das Recht nun doch durchsetzen würde, einen vorzeitigen Feierabend, den er so richtig genoss.

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Verbotene Zone

Hier zwei Geschichten aus dem Buch „Verbotene Zone„:

Reformationstag

Luzizifer und der Liebe Gott hatten eines gemeinsam: Irgendwann plagte sie immer wieder eine schreckliche Langeweile. Der Herrgott schaute von seinem Himmel hinunter auf die Erde, um sich bei den Menschen eine Anregung zu holen, wie sie sich die Langeweile vertrieben. Aber wo er auch hinschaute um zu sehen, was da unten so gespielt wurde: Die Menschheit schien fast nur noch den Computer zu kennen und der war nichts für unseren Herrgott, denn zum einen kannte er sich mit diesem merkwürdigen Apparat nicht aus und zum anderen hatte man ihn erschreckt mit dem, was man darüber berichtete. Ein Erzengel hatte sogar einen Scherz gemacht, der ihn nachdenklich werden ließ:

Eines Tages wird dich der Computer ersetzen.“

Als der Herrgott nun so auf der Erde Ausschau nach spielenden Menschen hielt, blickte er nach Bayern, wo ja immer alles ein bisschen anders war. Da sah er junge Burschen beim Fingerhakeln, Mädchen beim Dirndldrehen, junge Leute auf dem Oktoberfest… Sie alle hatten einen Riesenspaß dabei, und so dachte sich der Herrgott, es auch einmal damit zu versuchen, sich durch einen Zeitvertreib eine Ablenkung vom täglichen Allerlei zu verschaffen. Er schaute sich unter seinen Engeln um: Die erschienen ihm zu diesem Zweck nicht geeignet, denn die kannten nur Freuden anderer Art. Daher kam er auf die Idee, Luzifer zu einem Spielchen aufzufordern. Dieser war auch gleich begeistert von der Idee, die dem Herrgott eingefallen war.

Allerdings hatten die beiden ein Problem, das der Herrgott gleich ansprach:

Viel Auswahl bei den Spielen haben wir ja allein schon deshalb nicht, weil wir beide ja nur Geist sind, ich ein heiliger und du ein negativer.“

Als Gott solltest du die Welt doch ein wenig objektiver sehen: Ich bin der Geist der Freiheit. Und die Freiheit ist doch sicherlich etwas Positives, auch wenn dir das vielleicht nicht gefällt, denn das Gute wäre ja nichts wert, sondern der schlichte Normalzustand, wenn ich den Menschen nicht die Möglichkeit eröffnet hätte, sich zwischen gut und böse zu entscheiden. Ich habe sozusagen das Gute geadelt. Ich glaube, dass ich schon einmal versucht habe, dir das zu erklären.“

Aha, da rührt sich wieder der alte Widerspruchsgeist. Aber wir wollen nicht philosophieren oder streiten, sondern spielen.“

Und ist dir schon was eingefallen?“

Ja, freilich! Wir gehen auf unsere Lieblingsspielwiese: die Kirche…“

Halt, halt! Da mache ich nicht mit. Ich hasse die Kirche.“

Denke doch bitte daran, dass du schon bei der Verführung des Papstes…“

Also gut, du hast mich überzeugt. Lass also erst einmal hören, was für ein Spielchen du vor hast!“

Das Spiel ist einfach: Wir schauen wer gewinnt. Ich stehe ja für das Gute, also für Versöhnung, Harmonie, Zusammenführen und du für das Gegenteil…“

Ganz so einfach ist das nicht!“

Doch, doch! Du warst es doch, der Luther im Jahr 1517 seine Thesen an die Kirchentür nageln ließ mit der Folge, dass die Kirche sich spaltete.“

Um Gottes Willen – hätte ich beinahe gesagt. Wie kann man die Geschichte nur so falsch sehen! Ich gebe zu, dass ich bei Luther auf der Wartburg war, aber der hat ein Tintenfass nach mir geworfen. Wenn du es nicht glaubst, kannst du dir heute noch die Tinte an der Wand anschauen. Ich habe jedenfalls eingesehen, dass Luther für mich ein aussichtsloser Fall ist und habe mich zurückgezogen. Ich bin also schuldlos an der Spaltung der Kirche. Die hat sie schon selbst verursacht, weil sie in ihrer unermesslichen Geldgier einen üblen Ablasshandel betrieben hat, gegen den dann Luther aufgetreten ist. Ich hatte damit überhaupt nichts zu tun.“

Um Streit zu vermeiden, lassen wir die Frage lieber offen. Wir wollten doch spielen oder wetten.“

Lass also mal hören, was für ein Spiel du vorhast!“

Ich habe ja vorhin schon angefangen, es dir zu erklären: Ich stehe für Ausgleich und Versöhnung und du für Widerspruch und Trennung…“

Darf ich…?“

Nein, du darfst nicht. Unterbrich mich nicht und höre erst einmal zu: Die Katholische und die Protestantische Kirche sind nun seit fast 500 Jahren getrennt. Genau genommen haben wir im Jahr 2017 ein halbes Jahrhundert Kirchenspaltung. Ich möchte die Kirchen wieder zusammenführen und wette, dass mir das bis 2017 gelingt.“

Mir ist das eigentlich egal, ob es eine oder mehrere Kirchen gibt. Aber ich bin irgendwie doch Sportsmann und wette, dass die Kirchenspaltung bis in Ewigkeit fortbestehen wird.“

Und was macht dich da so sicher?“

Weil es ums Geld und um Posten geht. Dahinter stecken die schlimmsten Todsünden, die in deiner Liste ganz obenan stehen: die Avaritia, also die Geldgier, und die Superbia, also die Eitelkeit. Das sind besonders hartnäckige Charakterfehler, die noch schlimmer werden, wenn sie das Kirchenpersonal befallen. Diese Todsünden sterben nie aus.“

Dafür sorgst du ja ständig.“

Als Gott solltest du mit deinem Urteil etwas vorsichtiger sein. Wie du genau weißt, hasse ich Kirchen, Weihwasser, Weihrauch und Pfaffen. Von denen halte ich mich fern. Deine Diener straucheln übrigens ganz von selbst über kleine Messdiener…“

Fang jetzt bitte nicht wieder davon an. Das haben wir doch schon längst durch diskutiert.“

Und wie verbleiben wir jetzt?“

Wir warten auf das Jahr 2017 und dann sehen wir ja, ob die Kirchenspaltung fortbesteht oder nicht.“

Und um was wetten wir?“

Ums Prestige!“

Luzifer gab sich siegessicher:

Ich würde sagen: Wir wollen sehen, wer von uns beiden der Stärkere ist.“

Der Herrgott sah, dass er dabei war, sich in eine Sackgasse zu manövrieren und entgegnete:

Also, so weit würde ich nicht gehen. Dazu ist die Situation der Kirchen zu verfahren. Es sind zu viele Betonköpfe am Werk, auf die weder ich noch du Einfluss nehmen können. Bleiben wir also dabei, dass es ums Prestige geht oder besser gesagt: Wir spielen einfach nur darum, wer gewinnt, wie wir es früher auch getan haben.“

Wenn man dich so reden hört, könnte man fast glauben, du hast schon vorher aufgegeben.“

Bartholomäusnacht in Berlin

Es gibt Menschen, vor allem junge Männer, die der Ansicht sind, dass die Türken in unserem Lande nichts zu suchen haben, weil eben Deutschland den Deutschen gehört und die „Kanaken“ gefälligst zu Hause bleiben sollen. Die Menschen, die so denken, zeigen schon äußerlich, wes Geistes Kind sie sind, indem sie sich schwarz uniformieren und Fallschirmspringerstiefel tragen, obwohl wahrscheinlich noch keiner von ihnen jemals aus einem Flugzeug gesprungen ist. Ein kahl geschorener Schädel ist ihr Markenzeichen, was nicht recht zu erklären ist, denn ihr Vorbild, der „Führer“, trug ja bekanntlich eine gescheitelte Frisur und einen Schnurrbart. In der von ihnen immer noch so genannten „Reichshauptstadt“ sind sie besonders aktiv. Allein schon durch ihr martialisches Auftreten versetzen sie die „Kanaken“ in Angst und Schrecken. Das gibt ihnen das Gefühl von Macht und Überlegenheit. Um dieses Gefühl wieder einmal so richtig auszukosten, erschienen sie eines Tages mit Baseballschlägern bewaffnet in einem Lokal, wo viele Türken abends gemütlich den Feierabend genossen. Schlagartig verstummten die Gespräche im Gastzimmer und alle Augen richteten sich auf die Eindringlinge, die eigentlich nichts anderes wollten, als durch ihren Besuch den Türken den Aufenthalt in Deutschland ein bisschen ungemütlicher zu machen. Die Störenfriede stützten sich auf ihre Baseballschläger und sagten kein Wort, denn sie wussten, dass die Unsicherheit, was nun geschehen würde, den Türken mehr zusetzen würde als irgendeine fürchterliche Drohung. Als so eine verhältnismäßig lange Zeit der gespannten Stille über dem Lokal lag, fand schließlich einer der Kahlköpfe, dass vor ihrem Abzug doch noch etwas gesagt werden sollte. So schleuderte er ein Schimpfwort in den Raum, von dem er gehört hatte, dass es die Türken besonders treffen würde:

Ihr Maserfacker!“

Dieses so ausgesprochene Wort war dem Englischen entlehnt und bedeutete: Motherfucker, womit jemand bezeichnet werden soll, der mit seiner Mutter schläft. Obwohl das Schimpfwort eher lächerlich wirken musste und wohl als Ausdruck von einfallslosen geistig Minderbemittelten anzusehen ist, schlug es bei den Türken wie eine Bombe ein. Für sie steht das, was sie unter Ehre verstehen, ganz obenan, und so konnten sie die Beschmutzung ihres Rufs nicht auf sich beruhen lassen.

Hinten in der Küche hatte man das Ganze über die Durchreiche mit angehört. Der Koch und seine Helfer schlichen mit Messern bewaffnet und mit Decken vermummt durch die Hintertür hinaus und erschienen plötzlich durch den Haupteingang hinter den Kahlköpfen. Sie stachen ohne Vorwarnung zu, und drei Kahlköpfe lagen in ihrem eigenen Blut am Boden. Die anderen ergriffen die Flucht – trotz ihrer Baseballschläger.

Die polizeilichen Ermittlungen verliefen im Sande. Die Türken hatten angeblich die vermummten Täter nicht richtig sehen können, da diese hinter den Kahlköpfen aufgetaucht waren. Aber auch die Eindringlinge konnten der Polizei nicht mehr berichten, als dass sie von Gestalten überfallen worden seien, die sich durch Decken unkenntlich gemacht hatten.

Natürlich sannen die Kahlköpfe auf Rache und so überfielen sie in einer Nacht türkische Geschäfte, die noch so spät geöffnet hatten. Mit dem Schrei: „Tod den Moslems!“ hatten sie neun türkische Ladenbesitzer erschlagen (drei für jeden Erstochenen).

Bei der Fahndung nach den Tätern stieß die Polizei auf eine Mauer der Schweigens. Dass die Kahlköpfe nichts sagten, konnte man ja noch verstehen, dass sie aber dabei noch grinsten, wurde in den Medien übel vermerkt. Besonders die Türken waren außer sich, als sie all das in der Zeitung lasen. Sie fanden, wenn schon die Deutschen unfähig waren, dafür zu sorgen, dass die Tat gesühnt wurde, mussten sie nun selbst die Blutrache in die Hand nehmen. Man wählte einige fähige Männer aus, die darüber entscheiden sollten, was zu unternehmen sei. Diese eifrigen jungen Leute wollten sich natürlich ihres Amts als Rächer würdig erweisen. So fuhren sie in die Türkei. Einer von ihnen war Kampfflieger gewesen und wusste, wo die türkische Luftwaffe ihre Bomben lagerte. Da dieses Lager nur mit südlicher Lässigkeit bewacht wurde, konnten die Männer eine Bombe stehlen und über die unbewachten Grenzen bis nach Deutschland transportieren. Am Karsamstag, als überall die Arbeit ruhte, drangen sie in eine Baustelle ein, schlossen einen riesigen Schaufelbagger kurz und fuhren mit ihm davon. Dann befestigten sie die mitgebrachte Bombe vorne an der Schaufel, und am Ostersonntag, als auch der letzte träge Christ sich aufraffte, wieder einmal in die Kirche zu gehen, ließen die Türken den Schaufelbagger mit fest gebundenem Gaspedal in den Berliner Dom fahren. Es gab eine gewaltige Explosion und das berühmte Bauwerk war nur noch eine baufällige Ruine – über und über gefüllt mit Leichen.

 

Justiz

Aus dem Buch „Adieu Justitia„:

Ein ganz normaler Tag

Ein ganz normaler Tag!“ dachte Amtsrichter Dr. Prell, als er wie immer pünktlich um 7.00 Uhr das Justizgebäude betrat. In der Eingangshalle warf er einen flüchtigen Blick auf die Statue der Justitia, eine „moderne“ Plastik, die an der Stirnseite des Raumes stand. Sie war wohl das scheußlichste Modell ihrer Art: ein flachbrüstiges Mädchen mit ausdruckslosem Gesicht und strähnigem Haar, bekleidet mit einer Art von Büßer­hemd; mit der einen Hand stützte sie sich auf ein Schwert wie eine Behinderte auf ihren Stock und in ihrer anderen klumpi­gen Hand hielt sie eine Waage. Was dieser Figur aber noch einen besonderen Ausdruck verlieh, war die billig wirkende Goldbronze, mit der sie angestrichen war. Man hätte mindes­tens den Goldton nehmen müssen, mit dem seine Frau die Nüsse am Christbaum zu besprühen pflegte, hatte Dr. Prell einmal gefunden, als er sich vor Jahren ein einziges Mal gedanklich mit der Statue befasst hatte und zu dem Schluss gekommen war, sie sei vielleicht ein treffliches Sinnbild der Justiz in dieser Zeit. Aber nun pflegte er schon seit langem keine Notiz mehr von dieser Dame zu nehmen.

Dr. Prell konzentrierte sich vielmehr auf den Gang, in dem sein Dienstzimmer Nr. 209 lag. Er musste jedes Mal die vielen Türen genau abzählen und dann noch sicherheitshalber das Schild an seinem Zimmer lesen:

Zimmer Nr. 209

Amtsgerichtsrat Dr. Prell

An dieser Dienstbezeichnung erkennt der mit der Materie vertraute Leser, dass diese Geschichte schon einige Zeit zurückliegt, denn inzwischen hat eine Justizreform eine Neuerung gebracht, die wohl nur in Beamtenkreisen als eine solche empfunden wird: Aus dem guten alten „Amtsgericht­rat“ ist inzwischen ja bekanntlich ein „Richter am Amtsge­richt“ geworden.

Dr. Prell betrat sein bescheidenes Dienstzimmer, das sein an der Universität tätiger Freund leicht spöttisch als „Zelle 209“ bezeichnet hatte. So etwas schmerzt normalerweise einen strebsamen Beamten, denn wie bedeutsam er ist, lässt sich an der Zahl der Quadratmeter ablesen, die ihm seine Behörde zur Verfügung stellt. Aber Dr. Prell war über solche Dinge erhaben, denn er war mit seinem Dasein als unabhängiger Richter in der nach seiner Meinung schönsten deutschen Stadt völlig zufrieden.

Er zog die Jalousie empor, öffnete das Fenster, um die frische Morgenluft hereinzulassen. Dann riss er ein Blatt seines Kalenders ab und schaute, was er für diesen Tag einge­tragen hatte: „Waffe kaufen!“ stand dort mit roter Schrift – von ihm selbst so geschrieben, obwohl er seit seiner Schulzeit auf rote Tinte geradezu allergisch war. Aber er hatte sich selbst sozusagen den unwiderruflichen Befehl geben wollen, dieses Mal mit dem Waffenkauf wirklich Ernst zu machen. Er hatte sich zwar schon öfter mit dem Gedanken befasst, etwas für seine Sicherheit zu tun, etwa als er mit der Mafia oder der RAF zu tun gehabt hatte, aber dann hatte er doch gefunden, dass er sozusagen ein „Soldat des Rechts“ sei und keine Angst haben dürfe. Wie sollte er denn auch mit einer Pistole einen Attentatsversuch abwehren?

Doch dieses Mal war alles anders: Vor drei Jahren hatte er einen Perser (heute würde man wohl „Iraner“ sagen) verurteilt, der Rauschgift in einem LKW einschmuggeln wollte. Das Rauschgift war in den hohlen Wänden des Laderaums versteckt gewesen und dort von den Zollbeamten entdeckt worden. Natürlich hatte der Perser bestritten, etwas vom Vorhandensein des Rauschgifts gewusst zu haben, aber er war dadurch überführt worden, dass auf der Verpackungsfolie seine Fingerabdrücke gefunden worden waren. Dennoch war der Perser nicht zu einem Geständnis bereit gewesen. Als er dann zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren verurteilt wurde, war er ausfällig geworden: Er schrie Dr. Prell an:

Das wirst du büßen, du Hurensohn! Dir schlitze ich den Bauch auf wie einer Sau!“

Dr. Prell hatte den Perser sofort aus dem Sitzungssaal entfernen lassen. Noch während der Wachtmeister den Mann zwangsweise hinaus transportierte, brüllte dieser weiter herum:

Streich dir den Tag meiner Entlassung rot im Kalender an: Dann komme ich wieder, um mich zu rächen. Wenn ein Perser hasst, dann sieht er darin eine Lebensaufgabe, die er zu erfüllen hat.“

Dr. Prell hatte den Wortlaut der Äußerungen ins Sitzungs­protokoll aufnehmen lassen, weil er gefunden hatte, dass hierfür eine zusätzliche Strafe angebracht war (die dann auch verhängt worden ist). Er hatte zum ersten Mal in seinem Leben eine Drohung durchaus ernst genommen, so hemmungslos bösartig war der Hass, der ihm von diesem Mann entgegengebracht worden war. Deshalb hatte Dr. Prell drei Jahre lang die bevorstehende Entlassung des Persers von einem Jahreskalender auf den nächsten übertragen und jeweils rot notiert: „Waffe kaufen“. Er hatte sich irgendwann einmal im Gefängnis erkundigt, wann der Mann entlassen würde. („Gefängnis“ nannte man damals so treffend jene Institution, die heute mit der scheußlichen Abkürzung „JVA“ bezeichnet wird.) Man hatte ihm mitgeteilt, der Strafgefange­ne würde praktisch bis zum letzten Tag sitzen, weil er das Bösartigste gewesen sei, was man dort je hinter Gittern verwahrt habe; anschließend werde der Mann nach Persien abgeschoben.

Dr. Prell war trotzdem beunruhigt. Auf einmal fiel ihm ein, was sein Vater, ein tief religiöser Mann, einmal zu ihm gesagt hatte:

Die Prells stehen unter dem besonderen Schutz Gottes!“ Womit sich seine Familie diese besondere Auszeichnung verdient haben sollte, war Dr. Prell inzwischen entfallen, aber er konnte sich daran erinnern, dass ihm sein Vater eine Reihe von Beispielen aufgeführt hatte, aus denen er diesen besonde­ren Schutz Gottes hergeleitet hatte. Eines davon war so skurril, dass es ihm noch in Erinnerung war:

Ein Lehrer hatte seinen Vater mit den Worten beschimpft: „Nehmen Sie eine Titelgestalt von Schiller und setzen Sie Ihren Namen ohne das ‚r‘ dahinter: Dann wissen Sie, was Sie sind!“ (Ein bisschen kompliziert, aber wir befinden uns ja auch auf dem Gymnasium. Haben Sie, verehrter Leser, erkannt, wovon die Rede war? Der Tölpel (Tell-Pell) war gemeint!) Kaum waren diese bösen Worte dem Munde des Lehrers entfahren, brach er zusammen und starb unter fürch­terlichen Qualen.

Aber Dr. Prell erinnerte sich nicht nur an dieses merkwür­dige Beispiel, sondern auch daran, dass sein Vater nach dem letzten Krieg von früheren Angehörigen seiner Kompanie besucht worden war, wobei alle ungefähr das Gleiche berich­tet hatten: Erst hätten sie insgeheim gelacht, als sie von seinem Vater gehört hätten, sie bräuchten an seiner Seite keine Angst zu haben, weil er unter dem besonderen Schutz Gottes stehe. Dann hätten sie aber immer wieder durch die merkwürdigs­ten Wunder die schlimmsten Situationen überlebt. So waren sie gekommen, um sich bei ihm zu bedanken.

Dr. Prell kehrte zum Ausgangspunkt seiner Gedanken zurück: Sollte er sich nun eine Waffe kaufen oder nicht? Inzwischen wandte er sich seinem Akteneinlaufsfach zu. Das war jeden Tag der spannendste Augenblick: Dr. Prell konnte Pech haben, dass der Aktenstapel die Höhe von einem Meter überschritt. Einmal hatte er sogar sein ganzes Zimmer voll von Akten vorgefunden und geglaubt, er habe sich in der Tür geirrt. Tatsächlich aber hatte man bei ihm Straftaten aus einem umfangreichen Konkursstrafverfahren angeklagt, mit denen er sich dann ein Vierteljahr lang befassen musste.

Heute aber staunte Dr. Prell nicht schlecht, als in seinem Fach nur ein Brief auf ihn wartete. Irgendwie wollte der Brief schon auf den ersten Blick überhaupt nicht zum billigen Plastikfurnier des Akteneinlaufregals passen. Das Couvert war aus Büttenpapier und doppelt so groß wie normal. Es trug ein großes Wappen und exotische Briefmarken. Adres­siert war es an „Seine Exzellenz, Herrn hochwohlgeborenen Richter Dr. Prell“. Die Justizeinlaufstelle hatte vor diesem Brief offenbar einen solchen Respekt, dass sie ihn nicht wie sonst üblich geöffnet hatte. Ein Wachtmeister hatte nur ein Zettelchen mit dem Vermerk angeklammert:

Bitte Briefmar­ken an mich!“

Dr. Prell öffnete den Umschlag vorsichtig, um die Marken nicht zu beschädigen, und entnahm den Brief. Die erste Seite bestand aus einem goldenen Pfau mit arabischen Schriftzei­chen. Genauso waren wenige Zeilen auf der zweiten Seite geschrieben.

Dr. Prell ging mit dem Brief zu einer Angestellten, die aus Persien stammte und einen Deutschen geheiratet hatte. Er ließ sich von ihr den Brief übersetzen und war mehr als über­rascht:

Auf der ersten, eng beschriebenen Seite stand:

Der Schah von Persien, der größte Herrscher unter der Sonne, das Stammesoberhaupt aller… usw., usw.“ Hier waren alle seine Titel aufgeführt. Die eigentliche Mitteilung des Schahs bestand nur aus einem Satz auf der zweiten Seite und dieser lautete: „…beehrt sich, hochwohlgeborenen Richter Dr. Prell zu grüßen und ihm mitzuteilen, dass der dort verurteilte Delinquent sofort nach seinem Eintreffen noch auf dem Flugplatz in Teheran erschossen wurde.“

Dr. Prell, der nun sein Tagespensum erledigt hatte, gönnte sich einen herrlichen freien Tag. Und er dachte daran, was sein inzwischen verstorbener Vater wohl dazu gesagt hätte:

Da siehst du wieder mal: Das ist der besondere Schutz Gottes.“

Es folgen Leseproben aus dem eBook „Der 7. Himmel hat ein Loch„, das es auch als Paperback unter dem Titel „Geschenk für Dich – Irrungen und Wirrungen der Liebe“ gibt.   Darin lesen Sie Geschichten über die Liebe, die nicht der üblichen Art entsprechen, Schauen Sie mal:

Der alte Quassler

Es gibt Menschen, die sich gescheiter fühlen als die anderen und die deshalb unbedingt den Rest der Welt mit ihren Weisheiten beglücken müssen. Sie haben geradezu ein Sendungsbewusstsein, als wenn sie eine neue Religion erfunden hätten. Ich weiß nicht, was ich an mir habe, dass ich auf solche Leute eine besondere Anziehungskraft ausübe. Manchmal denke ich darüber nach, ob ich vielleicht etwas dumm oder naiv dreinschaue und dadurch den Eindruck erwecke, man müsse mir unbedingt geistig ein wenig auf die Sprünge helfen.

Als ich kürzlich mit dem Zug von München nach Hamburg fahren musste, beschlich mich von vornherein ein ungutes Gefühl: Was würde mir wohl diesmal bevorstehen?

Ich bestieg also den ICE, suchte mir einen Fensterplatz aus und vergrub mich hinter meiner Zeitung. Ich schaute auch nicht über sie hinweg, als ich spürte, dass jemand gegenüber Platz nahm. Es war ein Mann, der sich da nieder ließ. Er begrüßte mich freundlich und fragte vorsichtshalber:

Der Platz ist doch noch frei?“

Ich bejahte seine Frage und erwiderte seinen Gruß, indem ich nur kurz die Zeitung ein wenig senkte, um mich dann aber gleich wieder in meine Lektüre zu vertiefen. Was ich da mit einem Blick gesehen hatte, ließ in mir meine schlimmsten Befürchtungen wach werden: Mein Gegenüber sah fast ein wenig aus, wie ein Wissenschaftler in einer Komödie: Er trug einen beigen Anzug mit einem seltsamen Karomuster. Und auf dem Kopf hatte er aus demselben Stoff eine Ballonmütze, von der auf beiden Seiten lange gelockte Haarsträhnen herunter hingen wie die Ohren eines schwarzen Pudels. Am sonderbarsten aber waren seine Augen, die durch die starken Gläser seiner schwarz geränderten Brille in beinahe beängstigender Weise vergrößert wurden. Sie schienen beinahe aus dem Kopf heraus zu drängen, um mir andeuten zu wollen: Ich weiß viel und das kann ich einfach nicht für mich behalten.

Irgendwie hatte ich gleich das Gefühl, dass der Mann auf der anderen Seite meiner Zeitung mitlas. Ich täuschte mich nicht, denn plötzlich räusperte er sich und sagte:

Entschuldigen Sie bitte, mir sticht da gerade die Schlagzeile aus Ihrer Zeitung ins Auge: ‚Wer hat denn heute noch Lust auf Sex?‘ Das Thema würde mich interessieren, weil ich Sexualberater bin. Könnten Sie mir bitte die Zeitung kurz einmal leihen, wenn sie sie ausgelesen haben?“

Gerne!“ antwortete ich. „Aber es wird noch eine Zeit dauern, denn ich habe ja gerade erst angefangen.“

Haben Sie denn schon den Artikel über den Sex gelesen?“ wollte er wissen.

Nein, ich fange — wie schon gesagt — gerade erst mit dem Lesen an.“

Ach, an sich kann ich mir schon denken, was die da über den Sex schreiben: es ist ja meistens dasselbe“, meinte er.

Da machte ich den Fehler, leichthin zu sagen:

Na ja, vielleicht liegt das daran, dass es mit dem Sex ja auch immer das Gleiche ist.“

Immer das Gleiche?“ schnaubte er. „…weil immer die gleichen Fehler gemacht werden. Manchmal habe ich den Eindruck, als würde nirgendwo so viel falsch gemacht wie beim Sex. Wissen Sie: die meisten Menschen haben ein Sexualleben auf dem Niveau von Hunden. Schlimm!“

Irgendwie amüsierten mich seine Ansichten, und ich forderte ihn indirekt auf, mir mehr davon zu verraten, indem ich sagte:

Ich glaube, in den Augen eines Sexualwissenschaftlers bin ich womöglich auch so eine Art von Hund, vielleicht sogar ein blöder.“

Das lässt sich ganz einfach feststellen. Man kann die Menschen in drei Gruppen einteilen: Die Wissenden, die Unwissenden und dazwischen stehen die Interessierten. Wenn Sie zu den Wissenden auf dem Gebiet der Sexualität gehören wollen, müssten Sie Fragen wie diese beantworten können: Wie bringen es jüdische Männer auch noch in unserem reifen Alter — von sagen wir mal ca. sechzig Jahren — fertig, täglich mit ihren Frauen Sex zu haben, wie es ihnen der Koran vorschreibt?“

Ich dachte, der Koran sei die Bibel der Moslems“, warf ich vorsichtig ein.

Natürlich! Ich habe mich versprochen, ich meinte die Thora; beide Worte haben ein ‚o‘ und ein ‚a‘, da kann so etwas schon passieren. Aber nehmen wir lieber ein anderes Thema, denn mit den Juden ist es immer etwas problematisch. Wussten Sie, dass die chinesischen Kaiser bis zu 999 Gespielinnen hatten und jeden Tag bis ins hohe Alter mit diesen verkehrten?“

Beneidenswert!“ sagte ich. Ich wusste, was nun kommen würde. Leute, die sich so viel auf ihr Wissen einbilden, wollen bewundert werden. Und so setzte mein Gegenüber zu einem Vortrag an:

Ich glaube, ich gehe recht in der Annahme, dass ich Sie zur Gruppe der Interessierten rechnen darf und dass Sie wissen wollen, wie die Chinesen das gemacht haben. Also: dieses Volk hat uns unglaublich viel voraus — aus zwei Gründen: Zum einen hat seine kulturelle Entwicklung viel früher begonnen, zum anderen haben die Chinesen keine Kirche gehabt, die Kräuterweiblein und heilkundige Frauen als Hexen auf dem Scheiterhaufen verbrannt hat. Bei ihnen gibt es also eine vieltausendjährige medizinische Tradition, während wir nur auf das Wissen von wenigen Jahrhunderten zurückgreifen können. Die Leibärzte der chinesischen Kaiser haben sich unheimlich anstrengen müssen, denn es ging ihnen nur so lange gut, wie der Kaiser gesund war; erkrankte er hingegen, konnte sie das den Kopf kosten. Genauso war es natürlich auch beim Liebesleben der Kaiser: Sollte der Herrscher bei einer Gespielin versagen, konnte das durchaus das Ende für den Arzt bedeuten. Schließlich hatte ein Heilkundiger, dessen Mittel nichts taugten, in den Augen des Kaisers keine Daseinsberechtigung. Und so erfanden die chinesischen Weisen vieles, was bei uns nicht einmal ein Universitätsprofessor weiß. Da bildet sich die westliche Medizin auf Mittel wie Viagra etwas ein, aber die Chinesen hatten schon vor mehr als tausend Jahren etwas viel Besseres, nämlich etwas ganz Natürliches — ich weiß nicht, ob Sie das interessiert?“

Selbstverständlich!“

Gut, dann will ich Ihnen das erklären: Die chinesischen Weisen beobachteten die Tierwelt und entdeckten, dass es da sexuell sehr rege und auch sehr träge Lebewesen gibt: Die Elefanten beispielsweise haben nur alle zwei Jahre Sex — und das auch nur zur Zeugung des Nachwuchses. Sie wurden daher schon im Altertum als Muster von Tugendhaftigkeit hingestellt. Demgegenüber verfügen die Löwen, Hirsche und auch die Hasen, die nicht umsonst den Beinamen „Rammler“ tragen, über einen scheinbar unersättlichen Sexualdrang. Die chinesischen Ärzte studierten, was diese Tiere fraßen, auf welche Weise und wie oft sie sich bewegten und welche Muskelpartien sie dabei beanspruchten. Aus all diesen Beobachtungen stellten sie ein spezielles Ernährungsprogramm und auch einen Plan für das Training bestimmter — für das Sexualleben wichtiger — Muskelgruppen zusammen. Und das Ganze funktionierte so gewaltig, dass der Kaiser von seinen Gespielinnen mit Kosenamen wie ‚mein kleiner Löwe‘ oder ‚mein wilder Hirsch‘ bedacht wurde.“

All diese Rezepte verriet er mir bis ins kleinste Detail, und als unser Zug Göttingen hinter sich gelassen hatte, war ich beinahe gedanklich auf dem Weg, ein chinesischer Kaiser zu werden, jedenfalls in sexueller Hinsicht, allerdings nur rein theoretisch.

Als wir in Hamburg eintrafen, verließen wir gleichzeitig den Zug und gingen nebeneinander her. Plötzlich sagte er zu mir:

Ach, da vorn wartet meine Frau auf mich!“

Er winkte und rief:

Hallo, Liebling! Darf ich dir meinen Reisebegleiter vorstellen!“

Guten Tag!“ begrüßte ich sie und dachte, es sei vielleicht angebracht, etwas Nettes hinzuzufügen: „Wie ich hörte, ist Ihr Mann Sexualberater. Da müssen Sie wohl eine beneidenswerte Frau sein.“

Oh Gott!“ stöhnte sie und meinte vorwurfsvoll: „Ich kann mir schon denken, was er wieder so erzählt hat. Wissen Sie, ich bin höchstens eine Art von Versuchskaninchen!“

Sie lachte. Nachdem wir uns verabschiedet hatten, war ich unsicher, was ich von dem halten sollte, was ich gehört hatte. War der Mann nur ein alter Quassler gewesen, der ein wenig angeben wollte? Hatte seine Frau nicht so eigenartig gelacht, als ich von ihm als Sexualwissenschaftler gesprochen hatte? Und hatte er nicht über die Juden Unsinn verbreitet und schnell das Thema gewechselt?

Andererseits klang das, was er über die chinesischen Kaiser erzählt hatte, plausibel. Ich hatte auch schon gelesen, dass sie eine ganze Menge von Gespielinnen hatten und hatte mich gefragt, wie das wohl funktioniert hatte.

Es konnte also etwas dran sein an dem, was er erzählt hatte. Und so entschloss ich mich, ein wenig von dem auszuprobieren, was er mir an Rezepten offenbart hatte. Ich begann, auf meinen Spaziergängen im Stadtwald ein bestimmtes Moos einzusammeln, das ungeahnte Energiereserven enthalten soll. Meine Frau bespöttelte meine neue Leidenschaft für „Gesundheitskräuter“ und meinte, ich sollte doch aufpassen, dass ich kein Hirsch würde. Wenn sie wüsste, wie nahe sie meinem Geheimnis gekommen war.

Die alte Tante

Alte Tanten hatten — jedenfalls früher — immer etwas besonderes an sich. Mögen vielleicht auch manche von ihnen etwas schrullig gewesen sein: Sie waren es, die in besonderer Weise Farbe ins Familienleben brachten. Einem solchen Prachtexemplar einer alten Tante sei hier ein Denkmal gesetzt.

Auf der Hochzeit stellte der frisch gebackene Ehemann seine Tante Johanna seiner gerade angetrauten Ehefrau vor. Die alte Tante gratulierte dem jungen Paar und fügte noch einen weisen Rat hinzu:

…und merkt Euch eines Kinder: Lasst in eurer Ehe niemals die Sonne untergehen über eurem Zorn. Macht es wie mein lieber Paul und ich: Wir haben uns jeden Abend vor dem Ins-Bett-Gehen geküsst, auch wenn wir uns noch so sehr gestritten haben — und dann waren wir wieder versöhnt. Das Leben ist zu kurz, um es mit Ärger zu vergeuden.“

Das junge Paar bedankte sich höflich für diesen Rat und versprach, ihn zu beherzigen. Als die Tante sich entfernt hatte, spottete die junge Ehefrau ein wenig:

Na, wenn ich mir die Versöhnungsküsse der beiden so vorstelle…“

Sie presste die Lippen zusammen, knurrte grimmig wie ein giftiger Köter und drückte ihrem Mann einen Kuss auf die Wange:

So ungefähr muss es gewesen sein.“

Na ja, vielleicht besser als nichts!“ meinte er und fügte hinzu:

Die Tante Johanna gilt übrigens in unserer Familie als eine lebenslustige, kluge Frau. Man sagt von ihr, sie sei eine ‚wilde Tanzmaus‘ gewesen und sie soll immer gern geküsst haben.

Hoffentlich nur ihren Paul!“ lachte die junge Frau.

Ein halbes Jahr später war ihr das Lachen vergangen, denn sie hatte den ersten richtigen Ehekrach mit ihrem Mann. Für das junge Paar standen die Zeichen eher auf Scheidung als auf Versöhnung: Er fand, dass sie im Unrecht war und dass sie den ersten Schritt zur Versöhnung tun müsste; sie sah es natürlich genau umgekehrt. Und ihr fiel der Rat der alten Tante ein, der ihr einmal als ein bisschen lächerlich erschienen war. Vielleicht wäre es gut gewesen, wenn man ihn beherzigt hätte. Ein Kuss wäre immerhin ein positives Signal gewesen in diesem verbissenen Schweigen.

Weil sie es zu Hause nicht mehr aushielt, entschloss sie sich, die alte Tante einmal im Altersheim zu besuchen. Als klug und lebenslustig hatte er sie beschrieben. So etwas konnte sie jetzt in ihrer Stimmung brauchen. Tante Johanna saß in ihrem Zimmer wie in einem Möbellager, denn ihr verstorbener Paul, der aus einer Adelsfamilie stammte, hatte ihr eine Reihe von wertvollen Stücken hinterlassen, von denen sie sich nicht hatte trennen wollen.

Die alte Tante lächelte aus ihrem sicherlich schon durch viele Generationen vererbten Lehnstuhl der jungen Ehefrau durch eine Glasvitrine zu und sagte:

Ach, wie freut es mich, wenn junge Leute zu mir kommen. Das ist, als wenn man selbst wieder jung wird. Da nimmt man wieder am Leben teil, während man sonst hier mehr auf dem Abstellgleis steht oder besser gesagt: sitzt.“

Die beiden Frauen waren sich sympathisch, und so kamen sie bei ihren Gesprächen vom Hundertsten ins Tausendste und schließlich auf das Thema, das der jungen Ehefrau besonders am Herzen lag:

Sag mal“, fragte sie vorsichtig, „habt ihr das wirklich so gemacht, dein Mann und du? Ich meine den Versöhnungskuss nach dem Streit.“

Na, freilich, und wir haben noch ganz was anderes gemacht, wenn du verstehst, was ich meine.“

Aber das geht doch gar nicht, wenn man sich so richtig gestritten hat! Da wäre der Kuss ja nur ein leeres Ritual, also sinnlos.“

Ach, ich sehe das anders: Rituale, an denen man festhält, zeigen, dass man das, was sie versinnbildlichen, aufrecht erhalten will — und das ist doch immerhin etwas. Die jungen Leute von heute denken immer gleich an Scheidung, wenn sie einmal Streit haben.“

Na und du, hast du nie an Scheidung gedacht?“

Eigentlich nicht — eher an Mord!“ antwortete die alte Tante und lachte so herzlich, dass es ihr sicherlich kein Mensch geglaubt hätte. Beneidenswert — dieses Naturell, dachte die junge Frau und fand, dass sie sich doch noch genauer erkundigen musste:

Also, jetzt möchte ich mir doch vorstellen können, wie das genau zugegangen ist, wenn ihr früher eure Streitigkeiten beigelegt habt. Ihr seid also ins Ehebett und habt einander eine gute Nacht gewünscht…“

Wo denkst du hin, wir waren doch böse aufeinander. Geredet haben wir überhaupt nicht. Wir haben nur unser Versprechen eingelöst, dass wir uns auch nach einem Ehekrach abends einen Versöhnungskuss geben würden. Das waren vielleicht so Küsse — unvergesslich. Einmal haben wir uns so unwirsch geküsst, dass mein Paul die ganze Nacht Nasenbluten gehabt hat. Aber auch ich habe Tribut für meine Launen zahlen müssen: Bei einem Kuss sind wir so blöd mit den Zähnen zusammengestoßen, dass mir eine Ecke vom Schneidezahn abgebrochen ist. Am nächsten Tag bin ich zum Zahnarzt gegangen, und als der mich fragte, was ich gemacht hätte, musste ich so lachen, dass er zunächst gar nicht bohren konnte.“

Tante Johanna, ich kann mich gar nicht genug über dich wundern! Aber vielleicht wäre es doch besser gewesen, wenn du eine Zeitlang geschmollt und dafür heile Zähne behalten hättest.“

Das meinst du doch nicht ernst. Schau, was hätte ich jetzt, wo ich hier im Lehnstuhl sitze und häufig meinen Erinnerungen nachhänge: Mir würden die zwei schönsten Küsse meines Lebens fehlen. Die schönsten sind es deshalb, weil ich noch heute darüber lachen kann. Und wenn ich damals weiter geschmollt hätte, hätte ich alle diese Tage ohne Liebe in meiner Lebensbilanz streichen können, weil es Tage gewesen wären, die man eigentlich am besten nur vergessen kann.“

Die alte Tante merkte sehr wohl, warum sich die junge Ehefrau so genau erkundigte, und fügte deshalb noch einen Rat hinzu:

Das Dümmste, was man bei einem Ehekrach machen kann, ist, dass man die Beleidigte spielt. Dann ist man schon auf der negativen Schiene, aus der man nur schwer wieder heraus kommt. Wir Frauen müssen zeigen, dass wir die Schlaueren sind.“

Während die alte Tante so redete, überlegte sie gleichzeitig fieberhaft: Sie musste etwas tun, um die beiden jungen Leute wieder glücklich zumachen, nur was? Da kam ihr eine Idee:

Übrigens bist du gerade noch rechtzeitig gekommen: Gleich beginnt meine Geburtstagsparty hier im Heim…“

Was, du hast heute Geburtstag? Das habe ich ja gar nicht gewusst. Herzlichen Glückwunsch und alles Gute: vor allem Gesundheit! Kann ich dir noch einen Wunsch erfüllen und dir etwas zum Naschen bringen oder ein paar Blumen?“

Freilich habe ich einen Wunsch, sonst wäre ich ja schon seelisch tot. Weißt du, was ich gerne möchte?“

Nun sag’s schon!“

Ich möchte einmal wieder durch Schwabing bei Nacht fahren und mir die Bars anschauen, in denen ich so gerne zum Tanzen gegangen bin: Heuboden, Käuzchen, Nachteule, Babalu und wie sie alle geheißen haben. Ob sie noch da sind? Und dann bleiben wir in einem Lokal — da lade ich Euch zur Feier meines Geburtstags ein.“

Also abgemacht! Wir holen dich heute Abend um 8 Uhr ab. Schlaf vielleicht vorher noch ein bisschen, denn das Nachtleben ist anstrengend.“

Ach, wenn ich Musik höre, ist bei mir immer noch jede Müdigkeit sofort verflogen.“

Also — dann bis heute Abend.“

Als die junge Ehefrau nach Hause kam, schrieb sie einen Zettel:

Dieter! Deine Tante Johanna hat heute Geburtstag und möchte mit uns abends durch Schwabing fahren. Wir sollen sie um 20.00 Uhr abholen.“

Dann dachte sie an die alte Tante: Was hätte sie wohl jetzt gemacht? Sie hätte wohl keine schriftlichen Botschaften für ihren Paul hinterlassen. Sie nahm daher den Zettel vom Küchentisch und zerriss ihn sorgfältig so, als ob sie damit auch die Erinnerung an die vergangenen finsteren Tage auslöschen wollte. Es hatte ihr gefallen, dass Tante Johanna gesagt hatte, die Frauen müsste zeigen, dass sie die Schlaueren sind. Und da fiel ihr schon etwas ein:

Ihr Mann würde gegen 19.00 Uhr heimkommen. Dann mussten sie sich schon fast für das Ausgehen zurecht machen. Als es soweit war, zog sie die Dessous an, die sie von ihrem Mann geschenkt bekommen hatte, setzte sich vor den Spiegel und begann, sich sorgfältig und auffällig zu schminken. Sie hörte ihren Mann nach Hause kommen. Er kam kurz zu ihr ins Schlafzimmer, um sich seine häusliche Kleidung anzuziehen. Er stutzte, als er seine Frau so dasitzen sah und sagte:

Was ist denn hier los?“

Immerhin hatte er endlich etwas gesagt, wenn es auch so klang, dass sie dachte, er hätte besser geschwiegen. Aber sie dachte an Tante Johannas Worte über die negative Schiene und an den Lateinunterricht, wo sie gelernt hatte, dass es zu den Tugenden der alten Römer gehört hatte, mit wenigem zufrieden zu sein. So entschloss sie sich, es dankbar anzuerkennen, dass er das erste Wort ergriffen hatte, und sie beantwortete seine Frage bewusst fröhlich:

Wir gehen heute Abend aus!“

Und ich werde wohl nicht gefragt?“ knurrte er und musterte sie in ihrem Aufzug sehr intensiv mit einem Gesichtsausdruck, wie ein Hund, dem man eine Scheibe Wurst auf die Schnauze gelegt hat mit dem Befehl, nicht zuzuschnappen. Irgendwie kam ihr auf einmal das Lächerliche ihres Streits zum Bewusstsein und sie konnte nur mit Mühe ernst bleiben, als sie sagte:

Befehl von deiner Tante Johanna. Sie möchte heute Abend mit uns einen Schwabingbummel machen, weil sie Geburtstag hat.“

Mein Computer hat heute aber keinen Geburtstag in seinem Programm, wie ich heute morgen gesehen habe.“

Der kann auch nicht mehr drin haben, als du eingegeben hast. Vielleicht hast du deine Tante gar nicht oder mit einem falschen Datum registriert. Meinst du, ich soll das kleine Schwarze anziehen oder lieber Top und Hose?“

Sie hielt die Kleidungsstücke an sich und schaute ihn fragend an.
Er schaute wieder mit dem bewussten Hundeblick und antwortete:

… ist doch gleich bei Tante Johanna.“

Und bei dir? Übrigens ist Tante Johanna immer sehr darauf aus, dass man sich gut anzieht.“

So sprachen sie noch eine Zeit lang über ihre Kleidung und waren froh, dass sie überhaupt wieder miteinander redeten.

Sie holten Tante Johanna ab, die eine verwegene, glitzernde Pailletten-Jacke trug. Als sie durch die Hauptstraße fuhren, sagte die Tante:

Ach, wisst ihr: Das ist gar nicht mehr mein Schwabing. Alles hat sich so verändert.“

Und dann schwärmte sie davon, wie es hier in ihrer Jugend ausgesehen hatte. Schließlich fanden sie eine Bar, die noch so hieß und so aussah, wie vor Jahrzehnten. Tante Johanna rief:

Halt! Hier lassen wir meinen Geburtstag ausklingen!“

Sie blieben ungefähr zwei Stunden. Die alte Tante war begeistert und rief dem jungen Paar immer wieder zu:

Tanzt, Kinder, tanzt! Ihr glaubt nicht, wie schnell alles vorbei ist!“

Und so blieb ihnen nichts anderes übrig, als den Wunsch der alten Tante zu erfüllen. Und es tat ihnen gut, dass sie sich wieder im Arm hielten und ihren Streit vergaßen. Inzwischen war Tante Johanna am Tisch eingeschlafen. Am Schluss fanden alle gemeinsam, dass es zwar sehr schön gewesen war, dass man aber nun aufbrechen sollte. Sie lieferten Tante Johanna wieder im Heim ab. Der Pförtner wunderte sich, wie er seine alte Heiminsassin singend an seiner Loge vorbeiziehen sah.

Am nächsten Tag hatte der junge Ehemann Zeit für seinen Computer. Er stellte fest, dass Tante Johanna erst in einem halben Jahr Geburtstag hatte und sagte zu seiner Frau:

Du schau mal hier: Nach meinem Computer hat sie erst am 11.11. Geburtstag. Irgendwie ist mir auch unterschwellig so etwas in Erinnerung, dass man immer gesagt hat, so jemand wie sie kann nur am Beginn der närrischen Zeit geboren worden sein.“

Vielleicht hast du doch etwas verwechselt. Sie ist ja geistig noch auf der Höhe und wird wohl wissen, wann sie Geburtstag hat.“

Ich frag doch vorsichtshalber mal meine Mutter. Die hat einen Kalender mit allen Familiendaten.“

Er rief seine Mutter an. Tatsächlich hatte der Computer recht.
Die junge Frau musste lachen.

So ein Luder!“ rief sie.

Und als ihr Mann erstaunt schaute, erzählte sie ausführlich von ihrem Besuch bei der Tante.

Du wirst ihr doch nichts von unserem Ehekrach gesagt haben?“ fragte er vorwurfsvoll.

Um Gottes willen! Nein! Aber so eine kluge alte Frau hat Augen wie ein Röntgenapparat. Der bleibt nichts verborgen. Weißt du noch, wie sie beim Tanz gesagt hat: ,Rumba ist getanzte Verführung! Also strengt euch mal ein bisschen an!‘ Die hat genau gewusst, was los war.“

Das gebe ich ihr aber zurück!“ Er griff zum Telefon:

Hallo Tante Johanna! Wir haben ganz vergessen dich gestern zu fragen, wie deine Feier im Heim war.“

Ach nichts besonderes!“

Ich dachte immer, du hättest am 11.11. Geburtstag.“

Ach ja richtig, man wird alt und vergesslich. Ich hatte gestern Namenstag. Es war schön mit euch. Nochmals vielen Dank.“

Nach dem Gespräch meinte er zu seiner Frau:

Sollen wir jetzt nachschauen, ob sie gestern wirklich Namenstag hatte?“

Lassen wir das Geheimnis auf sich beruhen und schauen wir lieber, dass wir nächstes Mal ohne Tante Johanna zurecht kommen.“

Sie mussten es, denn Tante Johanna starb ganz plötzlich einen Tag vor ihrem Geburtstag.

War Luzifer schon einmal in Bad Reichenhall? Leider lässt sich das der folgenden Geschichte nicht sicher entnehmen:

Aphrodisiakum (aus „Verbotene Zone„)

Luzifer saß auch an diesem Abend wie jeden Tag nach der Erledigung seines Tagespensums, von dem man nicht genau weiß, worin es bestand, an seinem Höllenfeuer und wärmte seine alten Glieder. In der Hand hielt er eine Zeitung. Man würde es nicht glauben, welche Lektüre er vor sich hatte, wenn man es nicht Schwarz auf Weiß hätte sehen können: Es war die Kirchenzeitung! Er las sie besonders gern, weil er sich dann aufregte, und Aufregungen wirkten auf ihn wie Doping. Sie waren für ihn Anregungen, wieder einmal etwas zu unternehmen.
Als er so da saß und las, befiel ihn ein so heftiges Kopfschütteln, dass ihm fast schwindelig wurde. Besonders schlimm war dies bei einem Bericht über den frömmsten Ort Bayerns: Eichenhall. 99% der Bevölkerung war katholisch und fast alle gingen sonntags regelmäßig in die Kirche. Das hatte seine Ursache darin, dass der Pfarrer bei jeder Sonntagspredigt seinen Blick über die Gläubigen schweifen ließ, um zu prüfen, ob jemand fehlte. Und wenn er entdeckte, dass einer zu Hause geblieben war, suchte er ihn nach der Messe auf, um sich sorgenvoll danach zu erkundigen, wie krank der Betreffende gewesen ist, dass er nicht zur Messe kommen konnte. Es ist klar, dass ihm da alles Mögliche vor geheuchelt wurde. Frauen taten sich da leicht, indem sie hingebungsvoll Menstruationsbeschwerden mimten. Bei diesem Thema verbot sich dem Pfarrer ein näheres Nachfragen. Aber die Männer hatten es da schon schwerer. Wenn sie eine Grippe vorspiegelten, erkundigte sich der Pfarrer teilnehmend genau nach allen Details: z.B. wie hoch das Fieber sei, ob die Pfarrschwester Hilfe leisten müsse und dergleichen mehr. Bei diesen Methoden verging den Leuten die Lust, dem Gottesdienst zu fern zu bleiben.
So bildete sich der Pfarrer ein, dass er seine „Schäfchen“ fest im Griff habe, denn auch bei der Osterbeichte der Gläubigen kam nichts Aufregendes zutage: Streit in der Familie, Schwarzfahrten mit der Bahn usw. Es war nichts dabei, was als Buße mehr als ein Vaterunser erfordert hätte. Der Pfarrer hatte allerdings nicht bedacht, dass die Sünder ihre wirklich schweren Verfehlungen in die Beichtstühle der nahen Großstadt trugen, um sie dort los zu werden.
Weil in den Augen des Pfarrers alles so mustergültig war, hatte er in der Kirchenzeitung einen Artikel geschrieben. Unter der Überschrift „Zeig mir die leuchtende Stadt auf dem Berge“ schrieb er, dass Eichenhall zwar keine Stadt sei, aber doch ein vorbildlicher katholischer Ort; wer sehen wolle, was die Kirche bewirke, solle sich hier umsehen.
Als Luzifer dies las, fand er, dass sich hinter diesen Zeilen die Todsünde der Überheblichkeit verbarg, ein Signal also für ihn, sofort etwas zu unternehmen.
„Wer sich einer solchen Verfehlung schuldig macht, ist mir verfallen“, dachte Luzifer bei sich. „Also frisch ans Werk!“
Luzifer hatte auch gleich einen Einfall, zu dem er sich selbst gratulierte. Er blätterte in einem alten Rezeptbuch, das nach einer alten Überlieferung, die er den apokryphen Schriften entnahm, von seiner Großmutter stammen sollte. Er lachte darüber, denn er hatte natürlich gar keine Großmutter. Bekanntlich ist er ja ein Engel gewesen, der von Gott in die Hölle gestürzt worden ist. Das alte Buch war ein dicker Wälzer, der allein schon unter dem Buchstaben „A“ eine ganze Masse von Rezepten enthielt, und als Luzifer zu dem Stichwort „Aphrodisiakum“ vorstieß, war er über die Vielfalt der Mixturen überrascht. Zunächst war er ein wenig ratlos, und als er die betreffenden Seiten durchblätterte, stach ihm eine rot geschriebene Warnung ins Auge, die auf die besonders starke Wirksamkeit des dort beschriebenen Mittels hinwies.
„Genau das Richtige!“ fand Luzifer und sammelte die benötigten Pflanzen. Diese Mischung kochte er in einem großen Kupferkessel, den er über das Höllenfeuer hängte. Am Schluss gab er noch etwas Knochenmehl dazu, das er, wie im Rezept vorgeschrieben, aus dem Oberschenkel einer jungfäulich verstorbenen Nonne gerieben hatte. Diese Zugabe stammte aus einer Reliquie, die Luzifer aus der nahen Klosterkirche entwendet hatte.
Nachdem Luzifer seinen Höllentrunk aufgekocht und abgeseiht hatte, füllte er ihn in einen Kanister. Den entleerte er heimlich bei Nacht in die gemeindliche Wasserversorgung von Eichenhall. Die Wirkung war verheerend. Frauen und Männer fielen übereinander her, als wenn sie unter Drogen stünden. Sogar der Bürgermeister, dem eine gewisse Distinguiertheit zu eigen war, belästigte eine Bürgerin, als sie ihre Haustür aufschloss. Die Frau ließ sich das allerdings gerne gefallen, indem sie eilig ihren Rock hob und ihren Slip herunter streifte. Im Ort, wo man angesichts der vielen erotischen Vorkommnisse inzwischen sehr freizügig dachte, fand man allerdings, dass der Bürgermeister zu weit gegangen war.
„Bis hinter die Haustür hätte er es schon noch schaffen müssen“, drückte eine „Frau von der Straße“ die allgemeine Stimmung aus.
Nur der Pfarrer blieb standhaft, was daran gelegen haben mag, dass er vielleicht gefunden hatte, Wasser sei zum Waschen da, aber nicht zum Trinken. Womöglich verfügte er aber auch über einen durch asketische Übungen gestählten Charakter, so dass es ihm nichts ausmachte, wenn seine Haushälterin ständig verdächtig nahe um ihn herum strich.
Was im Ort vorging, blieb natürlich auch dem Pfarrer nicht verborgen, weil ihm zum einen die kursierenden Gerüchte zu Ohren kamen und weil zum anderen die Leute neuerdings ihre Sünden nicht mehr in die Beichtstühle der Nachbarstadt trugen, sondern sie in der heimatlichen Kirche ließen, denn sie sagten sich, wenn sie etwas getan hatten, was andere auch tun, bräuchte man es vor dem eigenen Pfarrer nicht zu verheimlichen. Der arme Seelsorger, der all dies mit seinen keuschen Ohren anhören musste, erlitt geradezu einen Schock über den plötzlichen Sittenverfall im Ort. Er versuchte, mit harten finanziellen Bußauflagen, die er im Beichtstuhl gegen die Sünder verhängte, gegenzusteuern. Von dem Geld, das dabei zusammenkam, ließ er eine Sühnekirche bauen.
Den Medien blieb natürlich nicht verborgen, was sich in Eichenhall tat. Und so wurde ausführlich darüber berichtet, dass die Einwohner des Ortes offenbar unter einem Hormonstau oder besser gesagt dessen Folgen litten. Dies löste einen wahren Rummel aus: Mediziner kamen, um die Ursache zu erforschen. Pharmazeuten wollten die Vorgänge in Eichenhall darauf hin prüfen, ob sich dort ein Potenzmittel herstellen lasse. Hotels schossen aus dem Boden, denn viele Leute wollten das, was sie gelesen hatten auch am eigenen Körper spüren. Das Wasser von Eichenhall, dem man schon vorweg wahre Wunderwirkungen zugeschrieben hatte, wurde zum Baden, spülen, Gurgeln und Trinken benutzt, und so blieb es nicht aus, dass dem Ort Eichenhall der Titel „Bad“ verliehen wurde. Es kamen nicht nur Kurgäste, sondern es siedelten sich auch viele reiche Leute dort an, die sich in prächtigen Villen einen Zweitwohnsitz oder Altersruhesitz einrichteten.
So hatten eigentlich alle einen Vorteil von Luzifers Streich. Die Kirche konnte die Sündenfälle ihrer Gläubigen gut verkraften, denn immer öfter kam es vor, dass sie von reuigen alten Leuten deren ganzes Vermögen erbte. So gehörte der Kirche schon bald der halbe Ort.
Das ärgerte Luzifer natürlich, denn diese Folge seines Streiches hatte er nicht bedacht. Er stieß ein grantiges „Verflucht!“ aus, und hörte vom Himmel ein herzhaftes Lachen als Echo.

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Hier noch eine Geschichte aus meinem Entwurf für ein Buch mit dem Arbeitstitel „Begebenheiten“.

Eine Pechsträhne

Fritz Kamphausen hatte Glück: Er hatte ein Haus an einem schleswig-holsteinischen See geerbt, das man nur als echtes Kleinod bezeichnen kann, und so bestand der Inhalt seiner nächsten Lebensjahre im wesentlichen darin, alles liebevoll zu restaurieren.
Im Sommer kam sein Freund Peter Petersen, um ihm ein bisschen zu helfen und gleichzeitig auch dort ein wenig Urlaub machen.
Am ersten gemeinsamen Abend saßen die beiden Männer lange beieinander, tauschten alte Erinnerungen aus und tranken einige Gläser Wein beim Schein von Kerzen und von zwei alten Petroleumlampen, denn das abgelegene Haus verfügte über keinen Stromanschluss. Als sie sich schließlich mit schwerem Kopf und einer Petroleumlampe in das Schlaf­zimmer zurückzogen, unterhielten sie sich noch eine Zeit lang im Bett und schliefen dann ein. Am nächsten Morgen erwachten sie gleichzeitig und trauten ihren Augen nicht: Sie waren im Gesicht schwarz wie die Schornsteinfeger. Nur das Weiß ihrer Augen hob sich in einem etwas merkwürdigen Kontrast vom allgemeinen Dunkel der Haut ab. Beide lachten eine Zeit lang über ihren Anblick und sahen dann doch mit einigem Entsetzen, dass sich das Schwarz im ganzen Zimmer ausgebreitet hatte. Die Ursache war die Petroleumlampe, die sie beim Einschlafen nicht ausgelöscht hatten und die die Nacht hindurch fürchterlich gerußt hatte. So hatten sie einen ganzen Tag lang zu tun, um das tiefe Schwarz des Raumes immerhin in ein zartes Hellgrau zu verwandeln. Zusammenfassend stellten sie am Abend fest:
„Ein rabenschwarzer Tag im wahrsten Sinne des Wortes.“
Eigentlich hatten sie sich ja etwas anderes vorgenommen: Sie wollten die Wasserversorgung des Hauses erneuern, denn aus der bisher genutzten Quelle tröpfelte das Wasser sehr dürftig, so dass man im Verlauf eines Tages nur einen Eimer des kostbaren Nasses zusammenbrachte. Fritz Kamphausen wollte Nägel mit Köpfen machen und hatte daher einen Wünschelrutengänger bestellt. Dieser erschien auch am nächs­ten Vormittag pünktlich zur vereinbarten Zeit. Er war ein kleiner älterer Mann, der den Eindruck machte, als wäre er schon ein wenig geschrumpft. Aber in seinem faltigen sonnen­gegerbten Gesicht leuchteten zwei wasserblaue flinke Augen, die erkennen ließen, dass doch noch eine Menge Leben in ihm steckte. Er stellte sich vor:
„Stempe, Geodät.“
Dass dies die Berufsbezeichnung für Landvermesser ist, war Kamphausen nicht bekannt. Er war daher der irrigen Meinung, dass der Mann ein wissenschaftlich ausgebildeter Rutengänger sei, und so lauschte er andächtig den einführen­den Worten, die dieser Mann seiner Tätigkeit vorausschickte, indem er über Strahlungen referierte, die aus der Erde kommen; die Ursache hierfür seien Wasseradern im Boden; weiter führte er aus, dass diese Strahlen Krebs erzeugen könnten.
„Dann müssten die Bewohner der Pfahlbauten also an Krebs gestorben sein!“ stellte Petersen etwas provokant fest.
Der Geodät schaute ihn herablassend, ja fast mitleidig an und sagte:
„Ich sehe: hier besteht noch ein gewaltiger Aufklärungsbe­darf.“
Und dann setzte er zu einem langen Vortrag an. Je länger dieser dauerte, umso mehr bereute Petersen seinen leichtferti­gen Einwurf.
„Ist Ihnen schon aufgefallen, dass Katzen sich an andere Stellen legen als Kühe?“ fuhr der Geodät fort.
Während Kamphausen schon äußerst gespannt auf Aufklä­rung wartete, konnte sich Petersen nicht verkneifen zu sagen:
„Natürlich ist mir das aufgefallen. Ich habe noch keine Kuh auf meinem Sofa gesehen.“
„Ich muss doch um etwas mehr Ernst bitten. Es geht ja doch um ein Thema, von dem die Gesundheit der Menschen abhängt. Wer ein offenes Auge für die Natur hat, wird sehen, dass die Kühe sich auf einer Wiese woanders hinlegen als Katzen, denn die Kühe sind sogenannte Strahlenflüchter, während die Katzen bestrahlte Flecken suchen. Die Tiere sind also durchaus sensibel für Erdstrahlen. Beim Menschen ist diese Sensibilität leider meist verloren gegangen.“
Dabei blickte er Petersen mit einem vorwurfsvollen Blick über seine Brille hinweg an und fuhr fort:
„Bei Kindern ist das noch anders. Sie werden wohl schon gesehen haben, dass Kinder bevorzugt leicht gekrümmt auf einer Seite schlafen. Sie weichen also mit ihrem Körper den Erdstrahlen aus.“
„Meinen Sie nicht, dass Kinder einfach so da liegen, weil sie das als eine entspannte Körperlage empfinden – gleichgül­tig wo ihr Bett steht?“
„Der Herr ist wohl besonders kritisch? Vielleicht sogar Jurist?“ fragte der Geodät.
„Ins Schwarze getroffen!“ antwortete Kamphausen trium­phierend, bevor Petersen den Mund aufmachte.
„Sie werden gleich ein sehr interessantes Erlebnis haben!“ prophezeite der Geodät dem sehr kritischen Petersen.
Er begann mit seinen praktischen Übungen. Er nahm eine vertrocknete Haselnussastgabel aus seinem Rucksack und erklärte, wie man sie zu halten hat. Dann schritt er das Grund­stück ab. Die Wünschelrute bewegte sich immer wieder ein wenig. Der Geodät klärte seine beiden Zuhörer über das Netz von Strahlungen auf, dem der Mensch ausgesetzt sei. Schließlich schlug die Rute ruckartig bis zum Boden aus, als die drei Männer den letzten Winkel des Grundstücks erreicht hatten. Es war dies ein kleiner Hügel, der sich etwa zehn Meter über der restlichen Fläche erhob.
„Hier ist eine Wasserader! Hier können Sie Ihren Brunnen anlegen!“ verkündete der Geodät.
„Meinen Sie nicht, dass weiter unten, näher am See, wo das Haus steht, auch Wasser im Boden ist?“ fragte Petersen.
„Auf keinen Fall. Sie können es selbst mit der Rute auspro­bieren!“
Er gab Kamphausen die Wünschelrute in die Hände und wies ihn ein, was er zu tun habe. Kamphausen spazierte mit der alten Astgabel über sein Grundstück und wartete darauf, dass sie nach Wasser „schrie“, wie es der Geodät ausgedrückt hatte. Er war dabei so locker und sensibel, wie es ihm erklärt worden war, und tatsächlich geriet die Rute immer wieder mal in leichte Schwingungen.
„Sehr gut!“ lobte der Geodät. „Das ist das Strahlengitter, das Sie spüren.“ An der Stelle, die er schon für den Brunnen geortet hatte, zog es die Rute so heftig nach unten, dass sie Kamphausen aus den Händen fiel.
„Phantastisch!“ begeisterte sich der Geodät. „Da haben Sie den Beweis! Er wandte sich an Petersen und fragte ihn: „Und nun Sie! Wollen Sie es nicht auch einmal probieren?“
Petersen nahm die beiden Äste der Wünschelrute mit einem etwas kritischem Gesicht jeweils zwischen Daumen und Zeigefinger seiner beiden Hände.
Der Geodät prüfte die Art des Griffs und sagte: „Merken Sie nicht, dass Sie nicht locker sind?“ Petersen lockerte sich so gut es ging und marschierte los. Die Rute rührte sich kein bisschen.
„So kann es nicht gehen!“ schimpfte der Geodät. „Ihre ganze Haltung ist verkrampft und der Körper ist total verspannt: Spüren Sie das nicht? Öffnen Sie sich! Seien Sie bereit, die Natur zu spüren!“
Kamphausen feixte seinen Freund an und fügte hinzu:
„Hab’ ich dir das nicht auch schon gesagt? Wenn nicht, hätte ich das tun sollen.“
Der Geodät fügte noch hinzu:
„Es ist immer das gleiche mit den Juristen. Alle Menschen können mit der Rute gehen, nur sie nicht. Ich frage mich manchmal, ob sie nicht vielleicht in ihrem Studium irgendwie verbogen worden sind.“
„Man muss nicht verbogen worden sein, wenn man nicht alles glaubt, was einem so erzählt wird“, entgegnete Petersen kühl.
Nachdem sich der Geodät verabschiedet hatte, meldete Petersen nochmals seine Zweifel an und sagte zu seinem Freund:
„Meinst du wirklich, dass da oben Wasser ist? Willst du nicht lieber einen zweiten echten Experten hinzuziehen?“
„Wieso? Bei mir hat die Rute doch auch ausgeschlagen. Was willst du eigentlich?“
Damit war die Diskussion beendet und die beiden Freunde machten sich ans Werk. Sie gruben ein großes Loch, das abends immerhin mannstief war.
Am nächsten Tag ließ Kamphausen einige Betonringe, wie sie für Gullys verwendet werden, anliefern. Sie wurden als Seitenwände in dem Loch versenkt. Dann gruben die beiden Männer weiter: Einer arbeitete unten im Loch und schaufelte die Erde in einen Eimer. Der andere zog diesen Eimer mit einer Schnur nach oben und leerte ihn aus. So ging es Tag für Tag. Manchmal war das Erdreich hart und zäh, dass es mit einem Pickel gelockert werden musste. Jeden Tag hofften sie, auf Wasser zu stoßen, denn sonst hätten sie sich diese Sklavenarbeit gar nicht zugemutet. Am elften Tag bei einer Tiefe von 11 m war es endlich so weit. Am Boden des Schachts wurde es feucht, ja es bildete sich eine Pfütze.
„Siehst du“, triumphierte Kamphausen, „wir hatten doch recht!“
Es wurde noch eine elektrische Pumpe installiert und dann wurde das Wasser über Rohre in die bestehende Wasserlei­tung eingespeist. Die beiden Freunde freuten sich über das gelungene Werk, das so viel Anstrengung gekostet hatte, und beschlossen, ihren Erfolg mit einer kleinen Party zu krönen. Eilig wurden Freunde und Frauen eingeladen.
Es wurde ein Sommerabend, wie man ihn nicht vergisst: die Luft war warm wie im Süden und der Mond ging über dem See auf wie ein riesiger roter Ballon. Alle waren sich einig, dass sie noch nie einen solchen Mond gesehen hatten.
Kamphausen sagte trocken:
„Der ist hier immer so.“ Er konnte sich unheimlich darüber freuen, wenn er andere auf den Arm nahm, ohne dass sie es merkten. Er fuhr fort: „Übri­gens haben wir heute Grund zum Feiern, weil es uns gelun­gen ist, einen neuen Brunnen anzulegen. Den müsst ihr jetzt mal besichtigen, damit ihr seht, wie wir in den letzten Tagen geschuftet haben.“
Er zündete mehrere Gartenfackeln an, und dann stiegen alle zum Brunnenschacht hinauf. Als Kamphausen den schweren Betondeckel öffnete, stellten sich alle voller Erwar­tung im Kreis herum auf. Jemand heulte ein schauerliches „Huuh“ in den Schacht hinunter und wartete auf ein Echo. Ein anderer rief scherzhaft:
„Hallo, ist da jemand?“
Kamphausen befestigte eine der Fackeln an einer mitge­brachten Schnur und ließ sie hinunter: „11m sind es bis zum Wasser! Das haben wir alles mit der Hand gegraben!“
„Gibt’s dafür nicht Maschinen?“ fragte jemand.
Ein Gast, Dr. Teide, war Geophysiker und gab auch seinen Kommentar ab:
„Also so etwas Merkwürdiges habe ich noch nie gesehen, nämlich dass man einen Brunnen auf einem Hügel gräbt. Wenn das Wasser da oben 11 m weit unten ist, heißt das, dass es unten vor dem Haus einen bis zwei Meter unter der Ober­fläche sein müsste.“
Kamphausen berichtete nun, dass er einen renommierten Wünschelrutengänger hinzugezogen habe, der sich noch nie geirrt habe.
Dr. Teide meinte: „Das ist doch alles Scharlatanarie! Der Mann hat nur deshalb Erfolg, weil überall im Boden Wasser ist; es fragt sich nur, wie tief.“
Kamphausen erzählte nun, dass er auch die Rute in die Hand genommen und gespürt habe, dass sie nur oben am Grundstück bis zum Boden ausgeschlagen habe; es könne also nicht sein, dass unten vor dem Haus auch Wasser zu finden sei.
Alle waren nun sehr daran interessiert, wer recht hatte. Genau genommen waren es nur die Männer, die es genau wissen wollten. Die Frauen setzten sich auf die Terrasse an der Seeseite des Hauses und genossen mit einem Getränk in der Hand den Ausblick auf das mondbeschienene Wasser.
Die Männer dagegen entwickelten einen Tätigkeitsdrang, als wenn sie von einem Wühlmausvirus befallen worden wären. Sie warfen ihre besseren Kleidungsstücke von sich. Bald stand der eine wie ein Gespenst in seinem weißen Ober­hemd da, während andere nur in der Unterhose zu graben begannen. Mit Schaufel, Pickel und Spaten werkelten sie reihum. Nur Kamphausen stand abseits und kommentierte die nach seiner Ansicht völlig überflüssigen Grabarbeiten mit sarkastischen Kommentaren wie:
„Heute schuftet ihr wie die Wilden und morgen seid ihr arbeitsunfähig und müsst zum Orthopäden. Mensch, die ganze Party ist im Eimer, wenn ihr euch nicht um die Weiber kümmert.“
Nun, die so titulierten Damen fanden es toll, einmal ganz unter sich sein zu können und richtig zu plaudern. Gelegent­lich schauten sie heimlich von ihrer Terrasse aus um die Hausecke zu den schwitzenden Männern in Hemden und Unterhosen und fanden dies so urkomisch, dass sie immer wieder in lautes Lachen ausbrachen.
Schon in 1,50 m Tiefe hatten die Schwerarbeiter, wie ihnen vorhergesagt worden war, tatsächlich das Grundwasser erreicht. Sie jubelten und gönnten sich ein Bier auf ihren „Sieg“.
In ihren Jubel mischten sich allerdings unglaublich grausi­ge Töne, die sich gar nicht beschreiben lassen. Die Ursache war bald ausgemacht: Einige Gänse, die keine Federn hatten, kamen daher gelaufen und klagten lauthals über ihr Schicksal. Es waren so schauerliche Töne, dass die Partygäste teilweise richtig geschockt waren. Um den weiteren Gang der Dinge zu verstehen, muss  man wissen, dass diese Geschichte unmittel­bar nach dem Kernkraftunglück von Tschernobyl spielt.
Eine Frau schrie:
„Um Gottes willen: Die sind alle verstrahlt. Die Federn gehen zuerst kaputt. Haut alle ab – so weit wie möglich.“ Alle stürzten zu den Autos und brausten davon.
Kamphausen war auch zunächst geflüchtet. Als er dann jedoch im Radio die Schlagerparade hörte, sagte er sich, es könne unmöglich irgendeine Gefahr drohen, weil sonst ja wohl das Programm geändert worden wäre. So kehrte er um, denn er musste noch die Lampions auslöschen und sein Haus abschließen, was er in der ersten Panik vergessen hatte. Er traf gerade noch die Bäuerin vom benachbarten Hof an, die nach ihren Gänsen sah. Als sie Kamphausen bemerkte, klagte sie ihm ihr Leid:
„Stellen Sie sich vor, was heute passiert ist: Die Gänse lagen plötzlich im Hof. Wir dachten, sie wären von einem bösen Nachbarn vergiftet worden, weil sie immer so ein Geschrei gemacht hatten. Wir glaubten daher, ihr Fleisch sei wegen des Gifts nicht mehr genießbar. Aber jedenfalls wollten wir noch die Federn retten und so haben wir die Gänse gleich gerupft, solange sie noch warm waren, denn dann gehen die Federn leichter raus. Danach haben wir sie auf den Misthaufen geworfen, und nun sind die armen Tiere wieder quicklebendig. Wie wir hinterher festgestellt haben, hatten die Gänse nur von der vergorenen Marmelade gegessen, die wir auf den Komposthaufen gegos­sen hatten. Sie waren also gar nicht tot, wie wir geglaubt hatten, sondern nur so stark betrunken, dass sie bewusstlos waren. Jetzt sind sie wieder aufgewacht. Was soll ich jetzt nur mit ihnen machen?“
Kamphausen wusste auch keinen Rat. Er war mit seinen Gedanken bei seinem gerade zu Ende gegangenen Urlaub, den er überflüssigerweise mit  Sträflingsarbeiten – nämlich Rußbeseitigung und Brunnengraben – zugebracht hatte; und gekrönt worden waren die Ferientage dann noch von einer total missglückten Party. Er fühlte sich als echter Pechvogel, obwohl er als Besitzer eines traumhaft schönen Anwesens eigentlich ein Glückskind war. Aber so ist es nun einmal mit dem Glück: Wer es besitzt, ist sich dessen oft gar nicht bewusst, sondern betrachtet es als Normalzustand.

 

Der Ordensträger

Eines der merkwürdigsten Phänomene der Bundesrepublik Deutschland ist, dass praktisch alle diejenigen, die in der Zeit des Nationalsozialismus‘ Führungspositionen inne hatten, auch in der neuen Demokratie wieder ganz oben waren – natürlich geläutert, oder genauer gesagt: entnazifiziert. Eigentlich sollte ja das Entnazifizierungsverfahren dazu dienen, die ehemaligen Nazis auszusortieren. Tatsächlich aber wurde dieses Verfahren von den Beteiligten so gehandhabt, dass aus den Nazis der Nationalsozialismus herausgefiltert wurde. So konnte der ehemalige Kommentator der Judenge­setze Staatssekretär in Bonn werden, denn er hatte im Hitler­regime natürlich nur mitgearbeitet, um Schlimmeres zu verhüten.
Auch die Kriegshelden waren wieder ganz vorne mit dabei, denn schneidige Burschen konnte man auch beim Wiederaufbau des Landes gut brauchen. Außerdem waren diese Leute beim Volk beliebt, denn man hatte sie als Vorbil­der aufgebaut, und so etwas vergaß man nicht so schnell.
Einer von diesen, die einst aus der Hand des „Führers“ persönlich sein Ritterkreuz empfangen hatten, war ein Mann, der hier Eduard Strasnitz genannt werden soll, denn das, was er unter dem Siegel der Verschwiegenheit seinem besten Freund erzählt hat, soll jedenfalls insoweit geheim bleiben, dass man nicht weiß, wessen Geschichte denn nun eigentlich hier erzählt wird.
Strasnitz hatte das Ritterkreuz dafür bekommen, dass er ganz allein ein feindliches MG-Nest „ausgehoben“ hatte. Nach seiner Schilderung war es allerdings nicht gerade eine Heldentat gewesen, die er vollbracht hatte. Er selbst hatte mit seinen Kameraden von seiner MG-Stellung aus den Gegner beschossen, bis eine Granate einschlug und alle tötete bis auf Strasnitz, der ohnmächtig mit ausgebreiteten Armen auf dem Wall lag, den er und seine Kameraden errichtet hatten, als sie in einem Erdloch Stellung bezogen hatten. Aber wie voraus­zusehen war, hatten weder das Loch noch der Wall einen ausreichenden Schutz bieten können.
Nach dem Granateinschlag besichtigten die Gegner kurz den Erfolg des Beschusses, doch mehr als eine oberflächliche Betrachtung wollten sie dem Ort des Grauens lieber nicht widmen. Sie zogen sich wieder zurück und legten sich nach den Anstrengungen, die hinter ihnen lagen, erst einmal schla­fen, da augenscheinlich keine Gefahr mehr drohte, denn insgesamt hatte sich nun die Front weit nach vorn verlagert, nachdem das letzte deutsche MG-Nest ausgeschaltet worden war.
Strasnitz wachte auf und überlegte, was er tun sollte. Gefangenschaft würde seinen sicheren Tod bedeuten – das hatte man ihm oft genug warnend gesagt, also entschied er sich fürs Kämpfen. Er schlich zur feindlichen Stellung und schlachtete die schlafenden Gegner mit dem Bajonett ab. Einzelheiten des grausigen Geschehens seien dem Leser erspart.  Immerhin wurde der Vorfall in den Zeitungen, die ja damals alle regierungstreu waren, in allen Details geschildert. „Einer gegen zehn!“ lauteten die Schlagzeilen über diese „Heldentat“.
Doch Strasnitz wurde nicht recht glücklich über dieses Lob, sondern hatte sein ganzes Leben lang Tag für Tag das grausa­me Geschehen von damals genau vor seinem inneren Auge.
Viele Jahre später erreichte er eines der höchsten Ämter in unserem Staat. Er war auch einer der bedeutendsten Redner im Deutschen Bundestag. Aber seinem Freund gegenüber bekannte er:
„Du glaubst nicht, welche Konzentration mich jede Rede kostet, denn genauso wie ich dabei an das Thema und die Formulierung des nächsten Satzes denke, genauso sehe ich die Menschen vor mir, die ich im Krieg getötet habe. Immer wieder habe ich die Tat gebeichtet und die Absolution erhal­ten, aber es nützt alles nichts: Ich komme nicht darüber hinweg. Ich lebe halt mit meiner Schuld so vor mich hin und tue meine Pflicht. Aber ich bin froh, wenn mein Leben vorbei ist!“
Sein Freund versuchte, ihn zu beruhigen: „Es war doch Krieg und das, was du gemacht hast, haben doch sicher Tausende getan.“
Aber Strasnitz wehrte ab: „Du kannst leicht reden, weil du nicht weißt, wie das ist. Ich denke mir oft, dass es besser gewesen wäre, wenn ich damals getötet worden wäre. Ich kann das alles einfach nicht mehr ertragen.“
Aber Gott hatte ihm ein langes Leben auferlegt: Er starb im Alter von 97 Jahren und betrachtete seine vielen Lebensjahre als sehr lange Bußzeit, die er wirklich durchlitten hatte. Bei seinem letzten Atemzug seufzte er: „Nun habe ich es gesühnt.“

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8 Kommentare zu „Leseecke

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