Begebenheiten (Entwurf)

© Peter Pöhl

Begebenheiten
                         






Inhaltsverzeichnis:                         
                               
  1.   Geballte Erotik
  2.    Eine Pechsträhne
  3.    Glück
  4.    Dorffest       
  5.    Yachtclubball
  6.    Ein besonderes Kind
  7.    Der Schrei
  8.    Bei Muttern
  9.    Der seltsame Tod des Herrn S.                                          
10.    Der alte Kapitän
11.    Der Golfplatz
12.    Der Ordensträger
13.    Auf dem Bauernhof
14.    Esoterik
15.    Tante Gisi macht das Internet kaputt
16. Tödliche Langeweile
17. Das letzte Original

1. Geballte Erotik



Als meine Frau die folgende Geschichte las, sagte sie:
„Das musst du streichen. Was sollen denn die Leute von uns denken?“
Ich fragte dann verwundert: „Wieso?“
„…weil jeder denkt, dass wir die Baumanns sind, besonders deshalb, weil ich gerne tanze, mich mit Turnen fit halte und gute Hotels liebe.“
„Ja, aber die Geschichte dreht sich doch um Erotik! Da kommt niemand auf die Idee, dass du gemeint bist“, erwider­te ich und lachte.
Meine Frau gab mir einen Knuff in die Seite:
„Hast du eine Ahnung…“
Weil es die Hauptaufgabe des Mannes ist, seine Frau zufrieden zu stellen, sei hier ausdrücklich versichert, dass die folgende Geschichte natürlich frei erfunden ist, denn es gehört sich selbstverständlich nicht, irgendwelche Intimitäten aus dem eigenen Eheleben in die Öffentlichkeit zu bringen, es sei denn, man ist ein Star und lebt davon, ständig auf irgendeine Weise für „Publicity“ zu sorgen.
Doch nun will ich Sie nicht länger auf die Folter spannen:

  Das Leben im Hotel hat schon seinen eigenen Reiz, und so wundert man sich nicht, dass es reiche Menschen gibt, die keine Wohnung und auch kein Haus ihr eigen nennen, weil sie sich lieber in einer mehr oder weniger luxuriösen Suite einer Nobelherberge einquartieren. Was den Reiz eines solchen Lebens ausmacht, ist natürlich zunächst einmal, dass man bestens bedient und verpflegt wird; man braucht sich also um den täglichen Kleinkram nicht zu kümmern. Und man ist im Hotel nie allein. Im Gegenteil: man kann andere Menschen beobachten, und das ist oft interessanter als irgend ein durchschnittlicher Film im Fernsehen oder ein langweiliges Buch.

   Die Baumanns hatten sich zur Silberhochzeit gegenseitig eine Reise in ein 5-Sterne-Hotel geschenkt und nun genossen sie zwei Wochen Traumurlaub. Wenn sie am Strand lagen und lasen, plauderten sie zwischendurch über ihre gemeinsa­men Jahre – und dabei gab es für sie viel zu lachen. Andere Paare, die sich nichts oder nur wenig zu sagen hatten, schau­ten interessiert und fast ein wenig neidisch zu und tuschelten manchmal untereinander über diesen „Sophia-Lo­ren-Verschnitt mit ihrem Freund“.

    Einmal, als Frau Baumann nach einem Einkaufsbummel, den sie allein unternommen hatte, an der Rezeption des Hotels den Zimmerschlüssel abholen wollte, sagte ihr die dort tätige Angestellte:
„Ihr Freund hat den Schlüssel gerade mitgenommen und ist schon ins Zimmer gegangen.“
„Sie reden von meinem Mann“, berichtigte Frau Baumann etwas indigniert.
Die Hotelangestellte beugte sich ein bisschen über die breite Theke zu ihr vor und sagte leise hinter ihrer vorgehalte­nen Hand mit einem etwas frivolem Lächeln:
„Wissen Sie, wenn man lange hier arbeitet, bekommt man einen Blick dafür, wer verheiratet ist und wer mit seinem Freund bzw. seiner Freundin hier ist. Daraus braucht man doch kein Geheimnis zu machen. Wir sind doch alle aufge­klärte Menschen.“
Einerseits fühlte sich Frau Baumann durch diese indiskre­ten Andeutungen geehrt. Dennoch fand sie, dass dem Hotel­personal nicht zustand, sich in solchen Vermutungen zu erge­hen. Sie sagte kühl:
„Vielleicht sollten Sie einmal einen Blick in unsere Pässe werfen, die sie ja noch in Ihrem Fach haben.“
„Entschuldigung! Ich habe es doch nicht böse gemeint.“
  Abends in der Bar hatten die Baumanns ein ähnliches Erleb­nis. Nachdem sie eine Zeit lang getanzt hatten und auf ihr Zimmer gehen wollten, sagte eine Frau:
„Es war eine Freude, Ihnen zuzusehen.“ Sie wandte sich an Frau Baumann: „Seit wann tanzen Sie und ihr Freund denn zusammen?“
„Seit wir verheiratet sind“, entgegnete Frau Baumann viel­sagend.
Hinterher in ihrem Zimmer unterhielten sich die Baumanns, was sie wohl an sich hätten, dass sie offenbar Objekt des allgemeinen Interesses waren. Sie ahnten nicht, was über sie getuschelt wurde: Ihre Zimmernachbarin zur Linken flüsterte beim Frühstücksbuffet einer anderen Frau zu:
„Haben Sie es heute Morgen auch wieder gehört?“
„Ja, der reine Wahnsinn! Ich habe auf die Uhr geschaut: 40 Minuten hat es gedauert. Die Frau hat gestöhnt und geschnauft, als wenn sie sich die Seele aus dem Leib keuchen würde. Und er…“
„So was gibt’s doch nicht in dem Alter. Die denken gar nicht daran, dass sie im Hotel sind, sonst würden sie sich doch ein bisschen beherrschen… bei der Lautstärke meine ich.“

   Am nächsten Morgen trafen sich die beiden Frauen zufällig zur selben Zeit:
„45 Minuten!“ lachte die eine.
„Ich habe sogar 46 Minuten gestoppt.“

  Wieder einen Tag später begegneten sich die Frauen beim Frühstücksbuffet, diesmal in Begleitung ihrer Männer. Die eine sagte zur anderen:
„Haben Sie es heute gehört? Jeden Tag das gleiche. Heute Morgen dachte ich: die Frau geht drauf, so hat die gestöhnt! Die arme Frau.“
Nun mischte sich der Ehemann der anderen Frau ein und meinte:
„Ich würde eher sagen: der arme Mann. Der klang für mein Gefühl wie kurz vor dem Verenden.“
Ein weiterer weiblicher Hotelgast hatte den letzten Satz mitbekommen und fragte:
„Wer stirbt hier im Urlaub?“
Die beiden anderen Paare lachten laut und erzählten bis ins kleinste Detail, was für eine Art von Morgenunterhaltung sie geboten bekamen. Eine der Frauen wiederholte zwischen der Schilderung der Einzelheiten immer wieder den Satz:
„Können Sie sich das vorstellen? Jeden Tag eine dreiviertel Stunde! Dabei sind die beiden mindestens fünfzig!“
„Na, ja“, meinte die neu Hinzugekommene, „Vielleicht machen die irgendetwas Indisches: Tantra oder Kamasutra. Da soll ja so etwas gehen.“
Aber ihr Ehemann fühlte sich offenbar kompetenter in solchen Dingen und sagte:
„Ob indisch oder französisch: Irgendwo hat alles seine Grenze. Ich glaube eher, dass die zwei sich jeden Morgen den gleichen Porno-Film aus dem Hotel-Programm anschauen.“
„Haben Sie eine Ahnung. Das ist ganz klar ein Live­Programm. Das hört man deutlich. Ich hole Sie mal in unser Zimmer, wenn es los geht.“

  Am nächsten Morgen hörten schon drei Paare zu, was der „Sophia-Loren-Verschnitt mit ihrem Freund“ trieb. Und so wusste es schließlich das ganze Hotel. Morgens sah man Paare langsam an dem betreffenden Zimmer vorbeigehen in der Hoffnung, etwas von der Akustik mit zu bekommen.

    Die Baumanns waren in einer Hinsicht fast ein wenig pedantisch: Wenn sie etwas machten, dann gründlich. Sie litten an einem „Ehegattensyndrom“, wie ihr Orthopäde ihr Leiden scherzhaft bezeichnet hatte. Sie hatten sich nämlich beide zur gleichen Zeit beim Bau ihres Hauses einen Band­scheibenvorfall zugezogen, eine höchst schmerzhafte Erkran­kung. Und da sie alles tun wollten, um ihre Wirbelsäule wieder in Ordnung zu bringen, turnten sie jeden Morgen mit Hingabe um die Wette.
Am letzten Urlaubstag passierte es sogar, dass das Hotel­bett dabei zusammenbrach.
An diesem Tag hatten die Baumanns mindestens ein halbes Dutzend Zuhörer, die dieses Ereignis mitbekommen hatten. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht im ganzen Hotel. Als die Baumanns im Speisesaal erschienen, um ihr Frühstück einzunehmen, deutete ein Mann gegenüber seiner Frau durch ein unhörbar leises Händeklatschen an, dass es eine beifallswürdige Leistung sei, beim (vermeintlichen) intensiven Eheleben ein stabiles Hotelbett zum Zusammen­klappen zu bringen. Automatisch klatschte die Ehefrau mit, und andere Gäste stimmten in den Applaus mit ein, auch wenn sie gar nicht wussten, um was es ging.
Das Ehepaar Baumann war etwas überrascht, um nicht zu sagen: verwirrt. Als erste hatte Frau Baumann ihre Fassung wieder gefunden. Sie sagte:
„Danke, danke. Wir haben aber auch unser Bestes gege­ben.“
Sie dachte, der Beifall bezöge sich auf ihr fleißiges Tanzen in der Bar, wo sie immerhin als ehemaliges Turnierpaar eini­ges geboten hatten. Als dann aber allgemeines Gelächter ausbrach, lachte sie mit.

So ist es halt manchmal im Leben, dass die Menschen total aneinander vorbeireden und lachen, ohne zu wissen, wieso.

2. Eine Pechsträhne


Fritz Kamphausen hatte Glück: Er hatte ein Haus an einem schleswig-holsteinischen See geerbt, das man nur als echtes Kleinod bezeichnen kann, und so bestand der Inhalt seiner nächsten Lebensjahre im wesentlichen darin, alles liebevoll zu restaurieren.
Im Sommer kam sein Freund Peter Petersen, um ihm ein bisschen zu helfen und gleichzeitig auch dort ein wenig Urlaub machen.
Am ersten gemeinsamen Abend saßen die beiden Männer lange beieinander, tauschten alte Erinnerungen aus und tranken einige Gläser Wein beim Schein von Kerzen und von zwei alten Petroleumlampen, denn das abgelegene Haus verfügte über keinen Stromanschluss. Als sie sich schließlich mit schwerem Kopf und einer Petroleumlampe in das Schlaf­zimmer zurückzogen, unterhielten sie sich noch eine Zeit lang im Bett und schliefen dann ein. Am nächsten Morgen erwachten sie gleichzeitig und trauten ihren Augen nicht: Sie waren im Gesicht schwarz wie die Schornsteinfeger. Nur das Weiß ihrer Augen hob sich in einem etwas merkwürdigen Kontrast vom allgemeinen Dunkel der Haut ab. Beide lachten eine Zeit lang über ihren Anblick und sahen dann doch mit einigem Entsetzen, dass sich das Schwarz im ganzen Zimmer ausgebreitet hatte. Die Ursache war die Petroleumlampe, die sie beim Einschlafen nicht ausgelöscht hatten und die die Nacht hindurch fürchterlich gerußt hatte. So hatten sie einen ganzen Tag lang zu tun, um das tiefe Schwarz des Raumes immerhin in ein zartes Hellgrau zu verwandeln. Zusammenfassend stellten sie am Abend fest:
„Ein rabenschwarzer Tag im wahrsten Sinne des Wortes.“
Eigentlich hatten sie sich ja etwas anderes vorgenommen: Sie wollten die Wasserversorgung des Hauses erneuern, denn aus der bisher genutzten Quelle tröpfelte das Wasser sehr dürftig, so dass man im Verlauf eines Tages nur einen Eimer des kostbaren Nasses zusammenbrachte. Fritz Kamphausen wollte Nägel mit Köpfen machen und hatte daher einen Wünschelrutengänger bestellt. Dieser erschien auch am nächs­ten Vormittag pünktlich zur vereinbarten Zeit. Er war ein kleiner älterer Mann, der den Eindruck machte, als wäre er schon ein wenig geschrumpft. Aber in seinem faltigen sonnen­gegerbten Gesicht leuchteten zwei wasserblaue flinke Augen, die erkennen ließen, dass doch noch eine Menge Leben in ihm steckte. Er stellte sich vor:
„Stempe, Geodät.“
Dass dies die Berufsbezeichnung für Landvermesser ist, war Kamphausen nicht bekannt. Er war daher der irrigen Meinung, dass der Mann ein wissenschaftlich ausgebildeter Rutengänger sei, und so lauschte er andächtig den einführen­den Worten, die dieser Mann seiner Tätigkeit vorausschickte, indem er über Strahlungen referierte, die aus der Erde kommen; die Ursache hierfür seien Wasseradern im Boden; weiter führte er aus, dass diese Strahlen Krebs erzeugen könnten.
„Dann müssten die Bewohner der Pfahlbauten also an Krebs gestorben sein!“ stellte Petersen etwas provokant fest.
Der Geodät schaute ihn herablassend, ja fast mitleidig an und sagte:
„Ich sehe: hier besteht noch ein gewaltiger Aufklärungsbe­darf.“
Und dann setzte er zu einem langen Vortrag an. Je länger dieser dauerte, umso mehr bereute Petersen seinen leichtferti­gen Einwurf.
„Ist Ihnen schon aufgefallen, dass Katzen sich an andere Stellen legen als Kühe?“ fuhr der Geodät fort.
Während Kamphausen schon äußerst gespannt auf Aufklä­rung wartete, konnte sich Petersen nicht verkneifen zu sagen:
„Natürlich ist mir das aufgefallen. Ich habe noch keine Kuh auf meinem Sofa gesehen.“
„Ich muss doch um etwas mehr Ernst bitten. Es geht ja doch um ein Thema, von dem die Gesundheit der Menschen abhängt. Wer ein offenes Auge für die Natur hat, wird sehen, dass die Kühe sich auf einer Wiese woanders hinlegen als Katzen, denn die Kühe sind sogenannte Strahlenflüchter, während die Katzen bestrahlte Flecken suchen. Die Tiere sind also durchaus sensibel für Erdstrahlen. Beim Menschen ist diese Sensibilität leider meist verloren gegangen.“
Dabei blickte er Petersen mit einem vorwurfsvollen Blick über seine Brille hinweg an und fuhr fort:
„Bei Kindern ist das noch anders. Sie werden wohl schon gesehen haben, dass Kinder bevorzugt leicht gekrümmt auf einer Seite schlafen. Sie weichen also mit ihrem Körper den Erdstrahlen aus.“
„Meinen Sie nicht, dass Kinder einfach so da liegen, weil sie das als eine entspannte Körperlage empfinden – gleichgül­tig wo ihr Bett steht?“
„Der Herr ist wohl besonders kritisch? Vielleicht sogar Jurist?“ fragte der Geodät.
„Ins Schwarze getroffen!“ antwortete Kamphausen trium­phierend, bevor Petersen den Mund aufmachte.
„Sie werden gleich ein sehr interessantes Erlebnis haben!“ prophezeite der Geodät dem sehr kritischen Petersen.
Er begann mit seinen praktischen Übungen. Er nahm eine vertrocknete Haselnussastgabel aus seinem Rucksack und erklärte, wie man sie zu halten hat. Dann schritt er das Grund­stück ab. Die Wünschelrute bewegte sich immer wieder ein wenig. Der Geodät klärte seine beiden Zuhörer über das Netz von Strahlungen auf, dem der Mensch ausgesetzt sei. Schließlich schlug die Rute ruckartig bis zum Boden aus, als die drei Männer den letzten Winkel des Grundstücks erreicht hatten. Es war dies ein kleiner Hügel, der sich etwa zehn Meter über der restlichen Fläche erhob.
„Hier ist eine Wasserader! Hier können Sie Ihren Brunnen anlegen!“ verkündete der Geodät.
„Meinen Sie nicht, dass weiter unten, näher am See, wo das Haus steht, auch Wasser im Boden ist?“ fragte Petersen.
„Auf keinen Fall. Sie können es selbst mit der Rute auspro­bieren!“
Er gab Kamphausen die Wünschelrute in die Hände und wies ihn ein, was er zu tun habe. Kamphausen spazierte mit der alten Astgabel über sein Grundstück und wartete darauf, dass sie nach Wasser „schrie“, wie es der Geodät ausgedrückt hatte. Er war dabei so locker und sensibel, wie es ihm erklärt worden war, und tatsächlich geriet die Rute immer wieder mal in leichte Schwingungen.
„Sehr gut!“ lobte der Geodät. „Das ist das Strahlengitter, das Sie spüren.“ An der Stelle, die er schon für den Brunnen geortet hatte, zog es die Rute so heftig nach unten, dass sie Kamphausen aus den Händen fiel.
„Phantastisch!“ begeisterte sich der Geodät. „Da haben Sie den Beweis! Er wandte sich an Petersen und fragte ihn: „Und nun Sie! Wollen Sie es nicht auch einmal probieren?“
Petersen nahm die beiden Äste der Wünschelrute mit einem etwas kritischem Gesicht jeweils zwischen Daumen und Zeigefinger seiner beiden Hände.
Der Geodät prüfte die Art des Griffs und sagte: „Merken Sie nicht, dass Sie nicht locker sind?“ Petersen lockerte sich so gut es ging und marschierte los. Die Rute rührte sich kein bisschen.
„So kann es nicht gehen!“ schimpfte der Geodät. „Ihre ganze Haltung ist verkrampft und der Körper ist total verspannt: Spüren Sie das nicht? Öffnen Sie sich! Seien Sie bereit, die Natur zu spüren!“
Kamphausen feixte seinen Freund an und fügte hinzu:
„Hab’ ich dir das nicht auch schon gesagt? Wenn nicht, hätte ich das tun sollen.“
Der Geodät fügte noch hinzu:
„Es ist immer das gleiche mit den Juristen. Alle Menschen können mit der Rute gehen, nur sie nicht. Ich frage mich manchmal, ob sie nicht vielleicht in ihrem Studium irgendwie verbogen worden sind.“
„Man muss nicht verbogen worden sein, wenn man nicht alles glaubt, was einem so erzählt wird“, entgegnete Petersen kühl.
Nachdem sich der Geodät verabschiedet hatte, meldete Petersen nochmals seine Zweifel an und sagte zu seinem Freund:
„Meinst du wirklich, dass da oben Wasser ist? Willst du nicht lieber einen zweiten echten Experten hinzuziehen?“
„Wieso? Bei mir hat die Rute doch auch ausgeschlagen. Was willst du eigentlich?“
Damit war die Diskussion beendet und die beiden Freunde machten sich ans Werk. Sie gruben ein großes Loch, das abends immerhin mannstief war.
Am nächsten Tag ließ Kamphausen einige Betonringe, wie sie für Gullys verwendet werden, anliefern. Sie wurden als Seitenwände in dem Loch versenkt. Dann gruben die beiden Männer weiter: Einer arbeitete unten im Loch und schaufelte die Erde in einen Eimer. Der andere zog diesen Eimer mit einer Schnur nach oben und leerte ihn aus. So ging es Tag für Tag. Manchmal war das Erdreich hart und zäh, dass es mit einem Pickel gelockert werden musste. Jeden Tag hofften sie, auf Wasser zu stoßen, denn sonst hätten sie sich diese Sklavenarbeit gar nicht zugemutet. Am elften Tag bei einer Tiefe von 11 m war es endlich so weit. Am Boden des Schachts wurde es feucht, ja es bildete sich eine Pfütze.
„Siehst du“, triumphierte Kamphausen, „wir hatten doch recht!“
Es wurde noch eine elektrische Pumpe installiert und dann wurde das Wasser über Rohre in die bestehende Wasserlei­tung eingespeist. Die beiden Freunde freuten sich über das gelungene Werk, das so viel Anstrengung gekostet hatte, und beschlossen, ihren Erfolg mit einer kleinen Party zu krönen. Eilig wurden Freunde und Frauen eingeladen.
Es wurde ein Sommerabend, wie man ihn nicht vergisst: die Luft war warm wie im Süden und der Mond ging über dem See auf wie ein riesiger roter Ballon. Alle waren sich einig, dass sie noch nie einen solchen Mond gesehen hatten.
Kamphausen sagte trocken:
„Der ist hier immer so.“ Er konnte sich unheimlich darüber freuen, wenn er andere auf den Arm nahm, ohne dass sie es merkten. Er fuhr fort: „Übri­gens haben wir heute Grund zum Feiern, weil es uns gelun­gen ist, einen neuen Brunnen anzulegen. Den müsst ihr jetzt mal besichtigen, damit ihr seht, wie wir in den letzten Tagen geschuftet haben.“
Er zündete mehrere Gartenfackeln an, und dann stiegen alle zum Brunnenschacht hinauf. Als Kamphausen den schweren Betondeckel öffnete, stellten sich alle voller Erwar­tung im Kreis herum auf. Jemand heulte ein schauerliches „Huuh“ in den Schacht hinunter und wartete auf ein Echo. Ein anderer rief scherzhaft:
„Hallo, ist da jemand?“
Kamphausen befestigte eine der Fackeln an einer mitge­brachten Schnur und ließ sie hinunter: „11m sind es bis zum Wasser! Das haben wir alles mit der Hand gegraben!“
„Gibt’s dafür nicht Maschinen?“ fragte jemand.
Ein Gast, Dr. Teide, war Geophysiker und gab auch seinen Kommentar ab:
„Also so etwas Merkwürdiges habe ich noch nie gesehen, nämlich dass man einen Brunnen auf einem Hügel gräbt. Wenn das Wasser da oben 11 m weit unten ist, heißt das, dass es unten vor dem Haus einen bis zwei Meter unter der Ober­fläche sein müsste.“
Kamphausen berichtete nun, dass er einen renommierten Wünschelrutengänger hinzugezogen habe, der sich noch nie geirrt habe.
Dr. Teide meinte: „Das ist doch alles Scharlatanarie! Der Mann hat nur deshalb Erfolg, weil überall im Boden Wasser ist; es fragt sich nur, wie tief.“
Kamphausen erzählte nun, dass er auch die Rute in die Hand genommen und gespürt habe, dass sie nur oben am Grundstück bis zum Boden ausgeschlagen habe; es könne also nicht sein, dass unten vor dem Haus auch Wasser zu finden sei.
Alle waren nun sehr daran interessiert, wer recht hatte. Genau genommen waren es nur die Männer, die es genau wissen wollten. Die Frauen setzten sich auf die Terrasse an der Seeseite des Hauses und genossen mit einem Getränk in der Hand den Ausblick auf das mondbeschienene Wasser.
Die Männer dagegen entwickelten einen Tätigkeitsdrang, als wenn sie von einem Wühlmausvirus befallen worden wären. Sie warfen ihre besseren Kleidungsstücke von sich. Bald stand der eine wie ein Gespenst in seinem weißen Ober­hemd da, während andere nur in der Unterhose zu graben begannen. Mit Schaufel, Pickel und Spaten werkelten sie reihum. Nur Kamphausen stand abseits und kommentierte die nach seiner Ansicht völlig überflüssigen Grabarbeiten mit sarkastischen Kommentaren wie:
„Heute schuftet ihr wie die Wilden und morgen seid ihr arbeitsunfähig und müsst zum Orthopäden. Mensch, die ganze Party ist im Eimer, wenn ihr euch nicht um die Weiber kümmert.“
Nun, die so titulierten Damen fanden es toll, einmal ganz unter sich sein zu können und richtig zu plaudern. Gelegent­lich schauten sie heimlich von ihrer Terrasse aus um die Hausecke zu den schwitzenden Männern in Hemden und Unterhosen und fanden dies so urkomisch, dass sie immer wieder in lautes Lachen ausbrachen.
Schon in 1,50 m Tiefe hatten die Schwerarbeiter, wie ihnen vorhergesagt worden war, tatsächlich das Grundwasser erreicht. Sie jubelten und gönnten sich ein Bier auf ihren „Sieg“.
In ihren Jubel mischten sich allerdings unglaublich grausi­ge Töne, die sich gar nicht beschreiben lassen. Die Ursache war bald ausgemacht: Einige Gänse, die keine Federn hatten, kamen daher gelaufen und klagten lauthals über ihr Schicksal. Es waren so schauerliche Töne, dass die Partygäste teilweise richtig geschockt waren. Um den weiteren Gang der Dinge zu verstehen, muss  man wissen, dass diese Geschichte unmittel­bar nach dem Kernkraftunglück von Tschernobyl spielt.
Eine Frau schrie:
„Um Gottes willen: Die sind alle verstrahlt. Die Federn gehen zuerst kaputt. Haut alle ab – so weit wie möglich.“ Alle stürzten zu den Autos und brausten davon.
Kamphausen war auch zunächst geflüchtet. Als er dann jedoch im Radio die Schlagerparade hörte, sagte er sich, es könne unmöglich irgendeine Gefahr drohen, weil sonst ja wohl das Programm geändert worden wäre. So kehrte er um, denn er musste noch die Lampions auslöschen und sein Haus abschließen, was er in der ersten Panik vergessen hatte. Er traf gerade noch die Bäuerin vom benachbarten Hof an, die nach ihren Gänsen sah. Als sie Kamphausen bemerkte, klagte sie ihm ihr Leid:
„Stellen Sie sich vor, was heute passiert ist: Die Gänse lagen plötzlich im Hof. Wir dachten, sie wären von einem bösen Nachbarn vergiftet worden, weil sie immer so ein Geschrei gemacht hatten. Wir glaubten daher, ihr Fleisch sei wegen des Gifts nicht mehr genießbar. Aber jedenfalls wollten wir noch die Federn retten und so haben wir die Gänse gleich gerupft, solange sie noch warm waren, denn dann gehen die Federn leichter raus. Danach haben wir sie auf den Misthaufen geworfen, und nun sind die armen Tiere wieder quicklebendig. Wie wir hinterher festgestellt haben, hatten die Gänse nur von der vergorenen Marmelade gegessen, die wir auf den Komposthaufen gegos­sen hatten. Sie waren also gar nicht tot, wie wir geglaubt hatten, sondern nur so stark betrunken, dass sie bewusstlos waren. Jetzt sind sie wieder aufgewacht. Was soll ich jetzt nur mit ihnen machen?“
Kamphausen wusste auch keinen Rat. Er war mit seinen Gedanken bei seinem gerade zu Ende gegangenen Urlaub, den er überflüssigerweise mit  Sträflingsarbeiten – nämlich Rußbeseitigung und Brunnengraben – zugebracht hatte; und gekrönt worden waren die Ferientage dann noch von einer total missglückten Party. Er fühlte sich als echter Pechvogel, obwohl er als Besitzer eines traumhaft schönen Anwesens eigentlich ein Glückskind war. Aber so ist es nun einmal mit dem Glück: Wer es besitzt, ist sich dessen oft gar nicht bewusst, sondern betrachtet es als Normalzustand.

   3.Glück

                                                       

    Ein paar junge Leute hatten sich zusammengefunden, um einen Geburtstag zu feiern. Wie es halt auf solchen Festen zugeht: Erst war die Stimmung sehr lebhaft. Man tauschte eine Fülle von Neuigkeiten aus. Spät abends schließlich, nachdem man einige Gläser Wein getrunken hatte, wurde man etwas elegisch und geriet sogar ins Philosophieren. Man versuchte, eine Antwort darauf zu finden, was denn das Glück sei und wie man es vielleicht für sich gewinnen und erhalten könne. Die Diskussion drehte sich zunächst um die üblichen Themen Geld, Gesundheit, Liebe, Familie, eigenes Haus.
„Geld macht nicht glücklich“, meinte ein junger Mann.
„Kein Geld auch nicht!“ entgegnete ein anderer sarkastisch.
In diesem Augenblick kam der Urgroßvater des Geburts­tagskindes, um die Gäste kurz zu begrüßen. Einer aus dem Kreis berichtete ihm, über was sie sich gerade unterhielten, und fragte ihn, ob er vielleicht auf Grund seiner größeren Lebenserfahrung eine Antwort beisteuern wolle.
„Nun“, begann er, „mit dem Glück ist das so eine Sache: Immer wenn du etwas erreicht hast, was dir einmal als einmal als besonders erstrebenswert erschienen ist, wird es dir zur Selbstverständlichkeit. Man sollte sich also immer wieder bewusst machen, was es einem bedeutet, dass man gesund ist, eine nette Familie hat usw. Aber das wird für euch ja wohl auch nichts Neues sein. Deshalb will ich euch eine kurze Geschichte erzählen, die zeigt, wie das Glück oft in kleinen Dingen oder sogar nur in Gesten liegen kann.
Wie ja wohl die meisten von euch wissen, war ich im letzten Krieg Soldat. Ich war auch in Stalingrad dabei, und ich will euch hier nicht von der Entscheidungsschlacht berichten und von dem, was die Soldaten dabei mitgemacht haben. Jedenfalls gehörte ich zu den wenigen Überlebenden auf deutscher Seite und kam in russische Kriegsgefangenschaft. Ich will euch nun auch nicht Einzelheiten darüber erzählen, wie sich die Russen verständlicherweise entgegen der Genfer Konvention an uns gerächt haben. Es ist ja eine historische Tatsache, dass nur wenige von uns das überlebt haben.
Weihnachten mussten wir in einem Bergwerksstollen arbeiten, in dem man sich nur auf dem Bauch kriechend bewegen konnte. Das Schlimmste war, dass am Boden des Schachts lauter Pfützen mit eingedrungenem Wasser standen. Man kann sich kaum etwas Scheußlicheres vorstellen, als total durchnässt in einer dreckigen Schlammschicht liegend arbeiten zu müssen. Als einer von uns trotzdem auf einmal das Lied „Stille Nacht“ anstimmte, schoss einer von unseren Bewachern von oben in den Schacht. Es war ein solcher Knall, dass ich dachte, es hätte mir das Trommelfell zerrissen. Der Mann schrie etwas, was sicherlich soviel bedeutete wie:
„Ruhe! Weiterarbeiten!“
So malochten wir vielleicht noch zwei Stunden, als ich auf einmal das Gefühl hatte, dass es heller würde. Ich schaute mich um und sah, dass von oben ein geschmückter Tannenbaum mit Kerzen an einem Seil heruntergelassen worden war. Und nun hörten wir von weit oben einen Chor russischer Frauen das Lied „Stille Nacht“ in ihrer Sprache singen. Da wussten wir, dass unsere Wächter ihren Posten verlassen hatten, denn wir hatten gehört, dass es ein todeswürdiges Verbrechen gewesen sein soll, mit uns Gefangenen Kontakt aufzunehmen. Wir versammelten uns um den Christbaum, fassten uns instinktiv bei den Händen und sangen mit.
Und ich sage euch: Da war keiner dabei, dem nicht die Tränen in den Augen standen. Und als dann noch ein Korb mit Gebäck zu uns herunter gelassen wurde, da begann mein ganzer Körper zu zittern und ich wusste, dass ich in meinem Leben wohl nie wieder von einem so gewaltigen Glücksgefühl erfasst, ja geradezu gerade zu erschüttert werden würde wie in diesem Augenblick.“

4. Dorffest

Im Sommer hat man oft den Eindruck, als ob in Bayern nur gefeiert wird: Ob es das 125-jährige Bestehen der Feuerwehr ist oder ob der Trachtenverein 100 Jahre alt geworden ist – überall gibt es einen Anlass für irgendein Fest. Wenn man aber keinen Grund zum Feiern hat, dann veranstaltet man eben ein Dorffest. 
„Ein gutes Essen hält Leib und Seele zusammen“, pflegt man hierzulande zu sagen, und der Bayer hat viel Seele, braucht also auch viel hochwertige Nahrung von den Weißwürsten bis zur  Schweinshaxe. Natürlich muss das Essen auch hinunter gespült werden, damit es gut verdaut wird. So fließt bei solchen Anlässen das Bier in Strömen, und mancher trinkt mehr, als ihm gut tut. Auf dem größten Volksfest der Welt, dem Oktoberfest, sieht man dann die „Bierleichen“ auf der Wiese liegen, und damit das Ganze keinen schlechten Eindruck macht, sind emsige Sanitäter am Werk, um diese Betrunkenen einzusammeln.
Auf den kleinen, aber gemütlichen Dorffesten ist natürlich alles nicht so durchorganisiert, aber trotzdem verläuft der Spaß in geordneten Bahnen, wie mit dem folgenden Beispiel belegt werden soll:
In Martinsberg hatte man das ganze Dorfzentrum in ein einziges Gasthaus verwandelt: Man hatte Biertische und Bänke aufgestellt, und die Wirte des Ortes sorgten für das leibliche Wohl der Bevölkerung. Weil das Wetter schön war, war auch der letzte Platz besetzt. Natürlich gab es das Bier nur literweise, als „Maß“, wie der Bayer zu sagen pflegt.
Gemeindekanzleivorstand Josef Wildinger saß vor seinem fast leeren Maßkrug und zwirbelte nachdenklich seinen Schnurrbart nach oben. Das Thema, über das er nachdachte, ist unschwer zu erraten: Er war sich nicht mehr ganz sicher, wie viel Bier er nun eigentlich getrunken hatte und ob er wohl schon die Grenze seiner Belastbarkeit erreicht hatte. Er stand einmal kurz versuchsweise auf. Dies ging zwar noch einiger­maßen, aber doch etwas unsicher, und so seufzte Wildinger nur kurz:
„O je“, als er an seinen Heimweg dachte. Er leerte seinen Maßkrug und rief der Bedienung zu:
„Zenzi, zoin!“ – was sich ins Hochdeutsche übersetzt etwas umständlicher ungefähr so anhören würde:
„Fräulein Crescentia, ich möchte bitte bezahlen.“
Die so Angesprochene eilte herbei, donnerte die rekordver­dächtige Menge Krüge, die sie schleppte, auf den Tisch, schob Wildinger einen davon zu und sagte:
„Erst muaßt no den da trinken. Der stammt von einem ungenannten Spender.“
„Des geht doch net. I bin doch Beamter. Des wär’ ja Beste­chung.“
„Eben drum bleibt der Spender ja ungenannt. Er möchte sich bei dir für irgendwas bedanken. Und da wär’ es doch unhöflich, wenn du das net annimmst. Bestechung ist es ja nur, wenn du weißt, von wem es kommt und wofür.“
Das klang logisch, und so sagte Wildinger:
„Also, richt’ dem Spender aus, dass ich die Maß auf sein Wohl trinke.“
Er stand auf, hob den Krug und rief laut in die Runde: „Prost alle miteinander!“
Beinahe hätte er auf den „edlen Spender“ getrunken, aber das ging ja nicht wegen der Bestechung.
Eine halbe Stunde später machte er sich auf den Heimweg. Im Sitzen war ihm gar nicht bewusst geworden, wie sehr ihm der Alkohol zu Kopf gestiegen war: Er hatte nun ziemliche Mühe, einigermaßen geradeaus zu gehen. Dabei hatte das Pech, dass er an verschiedenen Ständen vorbei gehen musste, wo allerlei Versuchungen auf ihn warteten, denen er nicht gewachsen war: Da war zunächst der Stand des Katholischen Frauenbundes. Dort bot man neben Selbstgebasteltem aus dem Kindergarten auch einen Kräuterlikör aus dem nahen Kloster an, wobei der Erlös natürlich einem guten Zweck dienen sollte.
„Ja, grüaß di, Seppi”, rief  eine der Frauen. „Ich glaub’, du brauchst a Stärkung für deinen Heimweg. Den da muasst probieren.“
Sie schenkte ihm ein Glas Likör ein und hielt es ihm hin. Wildinger war einer jener gutmütigen Männer, die nicht „nein“ sagen können, bei Frauen schon gar nicht. Diese Schwäche war übrigens auch der Grund dafür, dass er seit 25 Jahren mit seiner Frau Lissy verheiratet war. Er dachte gerade an sie, die längst schon zu Hause im Bett lag. Und deshalb hatte ein schlechtes Gewissen, weil er eigentlich schon hätte bei ihr sein sollen, anstatt mehr zu trinken, als er vertrug. Um nicht umzufallen, hatte er sich lässig bei dem Katholischen Frauenbund an die Verkaufstheke des Standes gelehnt – zu lässig, denn plötzlich fiel er um und lag am Boden.
Die katholischen Frauen umringten ihn besorgt und stellten Diagnosen vom Herzinfarkt bis zur Volltrunkenheit. Letztere Annahme war allerdings nur eine Einzelmeinung von Monika Stadelmeier. Die anderen protestierten dagegen und sagten:
„Du denkst immer gleich schlecht von den Menschen. Der Seppi tut so etwas nicht.“
Ein Arzt, der zufällig auch gerade am Stand einkaufte, untersuchte Wildinger kurz und bemerkte:
„Ich glaube, der Seppi ist auch nur ein Mensch und hat es doch getan.“
Er wandte sich an einige Mitglieder des Trachtenvereins, die des Weges kamen, und forderte sie auf, Wildinger nach Hause zu bringen. Diese packten ihn und schleiften ihn mehr davon, als dass sie ihn trugen. An seinem Haus angekommen läuteten sie mehrfach und ausdauernd, jedoch ohne Erfolg.
Einer von ihnen hatte eine Idee: Das Fenster eines Zimmers war gekippt und mit einem Draht gelang es ihm, es zu öffnen. Er stieg in die Wohnung ein und öffnete von innen die Haustür. Dann trugen sie Wildinger in das eheliche Schlaf­zimmer, wo seine Frau so fest schlief, dass sie von dem Ganzen nichts mitbekam. Sie warfen Wildinger mit einem gewaltigen Plumps ins Bett, aber weder er noch seine Frau wachten davon auf.
Am anderen Morgen, als Frau Wildinger ihre Augen öffne­te, staunte sie nicht schlecht, als sie ihren Ehemann auf seinem Bett liegen sah. Er trug immer noch seinen Trachtenanzug und sein Hut lag schräg über seinem Kopf auf dem Kissen.
„Ja, Seppi, was ist mit dir los?“ rief sie so laut, dass sein Schlaf jäh unterbrochen wurde.
Er schaute an sich hinunter und erfasste blitzartig die Situation. Dann sagte er:
„Ich habe mich gestern so leise ausziehen wollen, um dich nicht zu wecken – da muss ich eingeschlafen sein.“
„Dann gib mir nur gleich deinen Trachtenanzug zum Bügeln.“
Und so war die Welt bei den Wildingers völlig in Ordnung, wie es sich in einer guten Ehe gehört.

5. Yachtclubball


Der Yachtclubball war das gesellschaftliche Ereignis in einer norddeutschen Hafenstadt, deren Namen hier lieber unge­nannt bleiben soll, um die Akteure nicht bloßzustellen. Alles, was Rang und Namen hatte, war gekommen. Und man feier­te, wie es bei Seeleuten der Brauch ist: Der Alkohol floss in Strömen und schließlich waren einige Ballbesucher total betrunken: Nun sind es ja meist die Männer, die den großen Durst zu entwickeln pflegen, aber dennoch war es dieses Mal die Frau des Oberbürgermeisters, die zuerst etwas ausfällig wurde. Ihr Mann führte sie daher auf die Toilette und duschte ihr dort den Kopf mit kaltem Wasser. Er stellte sie auf diese Weise soweit wieder her, dass er sie nach Hause bringen konnte. Zuvor ließ er noch verlauten, seine Frau fühle sich leider nicht wohl, und das war ja auch keineswegs gelogen.
Am schlimmsten hatte es den Präsidenten des Yachtclubs erwischt, einen Mann, der zahlreiche öffentliche Ämter inne hatte. Er saß im Kreis der Vereinsjugend und spann sein Seemannsgarn. Alles hörte ihm gebannt zu, auch wenn seine Zunge schon etwas schwer geworden war, denn da war keiner, der so gut und viel erzählen konnte wie er. Er war halt ein alter Seebär, der viel erlebt hatte auf den Meeren der Welt.
Schließlich kam er auf seinen Zustand zu sprechen:
„Was ein echter Seemann ist, den wirft so ein bisschen Alkohol nicht um. Ich werde jetzt zeigen, dass mir so ein paar Gläser nichts ausmachen: Ich werde ganz normal und völlig sicher mit dem Auto nach Hause fahren.“
Man redete wie mit Engelszungen auf ihn ein, er möge doch ein Taxi nehmen. Aber wie nun einmal Betrunkene sind: Je mehr man auf sie einzuwirken versucht, umso sturer werden sie:
„Ich bin ein Ostfriese und beweise euch jetzt einmal, was das bedeutet.“
Ein junger Mann wollte unter allen Umständen verhindern, dass womöglich ein Unfall passierte. Er ließ daher am Auto des Präsidenten die Luft aus allen Reifen heraus. Dann kehrte er in den Saal zurück, um dem Präsidenten zu melden, dass ein Übeltäter gerade mit einem Messer in die Reifen der geparkten Autos gestochen habe. Doch der Präsident war gerade im selben Moment auf einem anderen Wege hinaus zu seinem Auto gegangen und heimgefahren.
Am anderen Morgen berichtete er im Yachtclub, er habe die Polizei rufen müssen. Jemand sei in seine Garage einge­brochen und habe die Luft aus den Reifen seines Autos herausgelassen. Er habe das sehr merkwürdig gefunden, ebenso die Polizei, die keine Einbruchsspuren habe feststellen können.
Nicht weniger abenteuerlich verlief der Heimweg des zweiten Clubvorsitzenden. Auch dieser schwankte schon ziemlich stark, als er sich allein auf den Heimweg machte. Erst atmete er draußen wie befreit die kalte Winterluft ein. Dann hatte er das Gefühl, dass sich dadurch die Wirkung des Alko­hols verstärkte, denn plötzlich war er im wahrsten Sinne des Wortes vom rechten Wege abgekommen. Obwohl er seine Heimatstadt kannte wie kein anderer und er meinte, in jedem Winkel schon einmal gewesen zu sein, befand er sich plötzlich in einer Straße, die ihm völlig unbekannt vorkam. Er schrieb dies der Wirkung des Alkohols zu und glaubte, in seinem Zustand der Trunkenheit alles mit anderen Augen zu sehen; und so wunderte er sich nicht, dass er nun Dinge sah, die er vorher noch nie bemerkt hatte – zum Beispiel einen kunstvoll gegossenen Pfosten, der die Zufahrt zu einem Haus versperr­te. Dieser Pfosten brachte ihn auf eine Idee: Er wollte den Grad seiner Trunkenheit prüfen: Wenn es ihm gelänge, diesen Pfosten mit einem Bocksprung sturzfrei hinter sich zu brin­gen, dann war er nicht betrunken, sondern nur beschwipst. Er nahm also einen vorsichtigen kleinen Anlauf und bestand diese selbst gestellte Prüfungsaufgabe – wie er fand – bravou­rös. Nun fiel sein Auge auf einen Löwenkopf aus Messing, der an der dunklen Hauseingangstür als Griff diente. Was weiter passierte, blieb ihm nicht weiter in Erinnerung, nur dass er sich plötzlich im Zimmer einer Frau befand, die fürchterlich schrie, so dass er das Weite suchte.
Am nächsten Tag las er in der Zeitung unter der Über­schrift „letzte Meldung“:
„Unhold in der Stadt unterwegs: Ein junger Mann drang in das Schlafzimmer einer Frau ein – offenbar, um sie zu verge­waltigen. Er wurde durch das Schreien der Frau vertrieben.“
Es folgte die Beschreibung des Täters und ein Phantombild, dessen Ähnlichkeit nicht nur den zweiten Clubvorsitzenden erschreckte, sondern seine Ehefrau zu einem Witz anregte:
„Wenn ich dich nicht so gut kennen würde, würde ich glatt sagen: Du könntest es gewesen sein.“
Natürlich war diese Bemerkung eine weitere Aufregung für den Mann, der das Amt eines Schuldirektors inne hatte. Was würde passieren, wenn er die unbekannte Frau zufällig in der Stadt treffen würde? Wahrscheinlich würde er sofort hinter Gittern landen. Er musste also etwas tun. Am besten würde es sein, wenn er sich bei der Frau entschuldigen würde. Und so fuhr er alle möglichen Verbindungen zwischen dem Balllokal und seinem Haus erst mit dem Auto ab und dann nochmals mit dem Fahrrad – ohne Erfolg. Auch bei genauer Suche fand er weder den markanten Pfosten, über den er gesprungen war noch den Türknopf, der ihn so fasziniert hatte. Er war am Verzweifeln und lebte die nächsten Tage in ständiger Angst, verhaftet zu werden.
Schließlich normalisierte sich sein Zustand wieder, aber eines änderte sich in seinem Leben: Als selbst auferlegte Buße und reine Vorsichtsmaßnahme rührte er nie wieder einen Tropfen Alkohol an, was für ihn als Seemann eine fast übermenschliche Leistung war.

6. Ein besonderes Kind    


      Die Geburt war überstanden, und als Inge Pregel dann ihr eigenes Kind im Arm hielt, löste das bei ihr natürlich ein unbeschreibliches Glücksgefühl aus.
Wie wohl alle Mütter war die junge Frau der Überzeugung, dass ihr Kind das schönste war, das sie je gesehen hatte. Tatsächlich sah das Baby für ein Neugeborenes auch beson­ders gut aus: Es hatte eine glatte rosige Haut, pechschwarze Haare und ebensolche Augen, mit denen es seine Mutter anblickte, als wollte es sagen:
„Von mir hast du noch allerhand zu erwarten!“
Das einzige, was das Erscheinungsbild trübte, war, dass das Neugeborene einen großen blauen Fleck an der Stirn hatte, der seine Ursache darin hatte, dass es bei der nicht glatt verlaufenen Geburt heftig am Becken der Mutter angestoßen war. Der Arzt des Krankenhauses beruhigte die junge Mutter und sagte:
„So etwas passiert schon mal und ist kein Grund zur Besorgnis. Allerdings muss man das Ganze zunächst noch im Auge behalten.“
„Im Auge behalten“ wollten das Kind auch die Kinder­schwester und die Hebamme. Beide sagten fast wörtlich über­einstimmend das Gleiche:
„Ganz selten kommt es vor, dass man gerne sehen möchte, was aus einem Neugeborenen geworden ist. Aber Ihr Kind ist irgendwie ganz ungewöhnlich. Kommen Sie doch einmal wieder vorbei, wenn der Kleine so ungefähr ein Jahr alt ist. Ich würde mich freuen, ihn wieder zu sehen.“
Als die junge Mutter mit ihrem Kind zu Hause etwas zur Ruhe gekommen war, fragte sie sich doch, was an ihrem Kind denn so Besonders sei, dass die beiden Frauen seine weitere Entwicklung mit verfolgen wollten. Womöglich war es durch die schwere Geburt gefährdet, befürchtete die junge Frau. Die Befürchtungen bestätigten sich, als der Kinderarzt des Kran­kenhauses eine erschreckend hohe Rechnung übersandte, die einen ganzen Absatz von unverständlichen Diagnosen enthielt. Der junge Vater wälzte ein Gesundheitsbuch, um die lateinischen Ausdrücke zu übersetzen, doch fand er nur ein Drittel der Begriffe im Register, und dieses Drittel hatte harmlose Bedeutungen wie „Husten“ usw.

  Als das junge Paar dann sein Kind den Weisungen des Krankenhauses folgend vom Kinderarzt in der Nachbarschaft untersuchen ließ, befand dieser kurz und bündig:
„Alles in Ordnung!“
Im Gegensatz zum jungen Vater, den dieser Befund glücklich machte, war die besorgte junge Mutter mit dieser schlichten Diagnose nicht ganz zufrieden. Sie zückte die Rechnung aus dem Krankenhaus und sagte zum Arzt:
„Schauen Sie mal: Hier ist ein ganzer Absatz mit Krankhei­ten aufgeführt. Die können sich doch nicht alle in Luft aufge­löst haben.“
„Warum nicht?“ fragte der Arzt zurück. Er ging dann mit dem jungen Paar Punkt für Punkt die Rechnung durch:
„Also: hustet er noch?“
„Nein!“
„Na, sehen Sie!“
Schließlich kam er dann noch darauf zu sprechen, dass das Gehirn des Neugeborenen genauer untersucht worden war:
„Das ist eine Routinemaßnahme, wenn bestimmte Kompli­kationen bei der Geburt aufgetreten sind. Aber in der Rech­nung ist insoweit kein krankhafter Befund aufgeführt. Wenn Sie wollen, kann ich ja im Krankenhaus die Ergebnisse der Untersuchungen anfordern. Aber ich glaube, das ist nicht nötig. Schauen Sie doch Ihren Prachtkerl an.“
Die junge Mutter zweifelte immer noch ein wenig und sagte:
„Na ja, wenn Sie meinen… Ich hatte nur ein bisschen Angst, weil er bei der Geburt heftig an meinem Becken ange­stoßen ist und dadurch einen großen blauen Fleck an der Stirn hatte.“
Der Arzt beruhigte sie:
„So etwas bleibt eigentlich immer ohne Folgen. Manchmal habe ich aber sogar den Eindruck, als wenn solche Reizungen des Gehirns eine Art von Initialzündung sind, die einen höhe­ren Intelligenzquotienten erzeugen.“

   Zu Hause hatte das junge Paar Streit. Während der Mann dem Arzt vertraute, hatte seine Frau Bedenken:
„Merkst Du denn nicht, dass er mir nur meine Angst nehmen wollte? Der war doch selbst nicht überzeugt von dem, was er gesagt hat. Wahrscheinlich holt er sich die Befunde vom Krankenhaus, und  wenn wir das nächste Mal zu ihm kommen, sieht die Sache dann auf einmal ganz anders aus.“
Um es kurz zu machen: Auch beim nächsten Arztbesuch ergab sich kein Grund zur Besorgnis. So lebte das junge Paar mit seinem Kind ein paar Monate glücklich und zufrieden dahin, zumal ihr kleiner Sohn von allen als „so süß“ empfun­den wurde mit seinen schwarzen Haaren und seinen dunklen Augen.
Während der junge Vater die Geschichte mit dem blauen Fleck schon fast vergessen hatte, beäugte die Mutter ihr Kind immer mit einer gewissen Besorgnis. Sie stellte fest, dass es im Vergleich zu Gleichaltrigen zurück geblieben war. Als sie bei einer Freundin eingeladen war, die zur selben Zeit nieder gekommen war, ließen die beiden Frauen ihre Kleinen am Boden herumkriechen. Die Freundin war sehr stolz auf ihre Tochter:
„Schau!“ sagte sie, als die Kleine eine Staubfussel aufhob und in den Mund stecken wollte, was ihr natürlich verwehrt wurde: „In dem Alter müssen sie alles vom Boden aufheben und probieren.“
„Vielleicht ist meiner zu sehr Mann und interessiert sich nicht für Staub“, erwiderte die unsere junge Mutter.
Dann probierten die beiden Frauen, den Kindern ein wenig das Laufen beizubringen. Das kleine Mädchen stapfte tapfer Fuß vor Fuß, während der kleine Bub seine Füße schlapp hängen ließ wie zwei Würste. Er unternahm nicht einmal einen kleinen Versuch zu stehen. Die Freundin schaute zwar besorgt, doch sagte sie beruhigend:
„Bekanntlich sind die Buben immer hinten dran. Wie wir als Frauen wissen, bleibt das ja so ein Leben lang.“
Beide lachten, aber die Fröhlichkeit der jungen Mutter des Buben wirkte etwas gezwungen.
In der Folgezeit kam es zu ähnlichen Vorfällen und die junge Mutter sprach mit ihrem Mann über dieses Thema, wobei sie taktvollerweise mit der Feststellung schloss:
„In unserer Familie waren alle immer geistig gesund. Wie war das denn bei euch?“
„Spinnst du? Wenn wir beide einen Spätentwickler haben, ist das doch kein Grund, gleich von einem Gehirnschaden zu reden. Ich darf dich erinnern, dass du mir zu Beginn unserer Bekanntschaft erzählt hast, dass du auch eine Spätentwickle­rin gewesen bist, und dass ich geantwortet habe, dann würden wir ja gut zusammen passen, weil ich genauso hinten dran gewesen bin.“
„Du weißt aber doch, dass sich diese Feststellung nicht auch mein Gehirn, sondern auf meinen Busen bezog.“

  Als das Kind einfach nicht zu bewegen war, ein paar Worte zu sprechen, beschloss das junge Paar , den Kinderarzt erneut zu Rate zu ziehen. Dieser war trotz seiner etwa 60 Jahre ein Optimist mit jugendlich-fröhlicher Ausstrahlung. Dement­sprechend sagte er:
„Da lassen sie sich mal keine grauen Haare wachsen. Nehmen Sie Bismarck als Beispiel: Der lernte erst mit 4 Jahren sprechen und wurde doch einer der besten Redner, die wir in Deutschland hatten. Also alles ganz normal! Es ist doch das Schöne am Leben, dass sich nicht alles über einen Kamm scheren lässt.“
Auf dem Heimweg versuchte der junge Vater, seine Frau mit einem Witz zu beruhigen:
„Kennst du den? Ein kleines Kind will einfach nicht reden. Mit fünf Jahren sagt es plötzlich: ‚Das Essen schmeckt heute aber angebrannt!‘ Darauf sagt die Mutter: ‚Junge, du kannst ja reden. Warum hast du denn bisher nichts gesagt?‘ ‚…weil bisher immer alles in Ordnung war.‘“
Die Mutter kommentierte diesen Witz als völlig geschmacklos:
„Weißt du: Ich mache mir Sorgen, ob ich ein geistig behindertes  Kind habe, und du machst Witze.“
„Ich wollte dir nur dasselbe vermitteln, was der Arzt auch gesagt hat. Irgendwann einmal musst du auch begreifen, dass unser Kind in Ordnung ist.“

    Später, als das Kind in den Kindergarten kam, fragte die Mutter die Erzieherin, was sie denn von dem Kind halte.
Die Antwort lautete:
„Man merkt, dass es ein Akademiker­kind ist: sehr gescheit.“
Die Mutter bezweifelte auf Grund ihrer eigenen Beobach­tungen die Richtigkeit dieser Beurteilung und stellte deshalb ihren Kleinen bei einem Psychologen vor. Als dieser einen Akt anlegte und mit der Exploration begann, stellte er als erste Frage diese:
„Wie war der Verlauf der Geburt?“
„Sehr kompliziert. Ich war 18 Stunden im Kreißsaal. Das Kind wurde dann ziemlich gewaltsam herausgeholt.“
Der Psychologe warf sein langes Haar über die Schulter zurück, rückte seine Brille zurecht und sagte meinte vielsa­gend:
„Aha!“
Für die Mutter klang dies wie eine Art von Todesurteil.
Es folgten weitere Fragen, deren Sinn der jungen Mutter häufig verborgen blieb. Auch das Kind wurde natürlich einge­hend ausgeforscht und antwortete lustlos. Als es dann noch malen sollte, krakelte es ziemlich grantig vor sich hin. Ein vielsagendes „Aha!“ war zunächst alles, was der Psychologe von sich gab. Nur gelegentlich fügte er hinzu:
„Dachte ich mir’s doch!“
Dies erweckte bei der jungen Mutter den Eindruck von Kompetenz, ja geradezu von Hellsichtigkeit. Schließlich wagte sie die Frage, deren Antwort sie schon ahnte:
„Wie schaut es denn aus?“
„Schwer zu sagen!“ meinte der Psychologe vorsichtig. „Die Hirntätigkeit des Kindes ist wenig ausgeglichen: Es hat gibt da wenige intelligente Höhen, ja sogar Spitzen, aber auf der anderen Seite eine Menge Tiefen, die man eher als Blackouts bezeichnen muss. Es kann sein, dass sich das Ganze mit zunehmendem Alter ausgleicht, dann wird das Kind die Volksschule schaffen, wenn sie ihm viel helfen. Normal müsste ihr Kind jedenfalls für eine Zeit in die Sonderschule.“

   Die Mutter dachte an ein junges Ehepaar, das ein körperlich behindertes Kind liebevoll streichelnd ins Wartezimmer eines Arztes getragen hatte: Sie hatten es mit unheimlicher Geduld beruhigt, denn es hatte offensichtlich Angst gehabt. Als die junge Familie dann im Behandlungszimmer verschwunden war, hatte ein alter Mann bemerkt:
„Solche Menschen verderben die Preise im Himmel. Es könnte einem Angst werden, wenn man beim Jüngsten Gericht an ihnen gemessen wird.“
Der jungen  Mutter kam diese Szene in den Sinn, weil sie nun überzeugt war, ein geistig – wenn auch nicht so stark – behindertes Kind zu haben, und sie sich fragte, ob sie die Kraft und Liebe würde aufbringen können, die in dieser Lage notwendig sein würde. Und ihr  Ehemann?

  Als sie ihrem Mann das Ergebnis der psychologischen Unter­suchung eröffnete, sagte dieser:
„So ein Quatsch. Ich verlasse mich lieber auf das, was ich sehe, als auf einen Psychologen. Weißt Du übrigens, dass diese Leute heute noch darüber streiten, was überhaupt Intel­ligenz ist? Und da will so einer die Intelligenz unseres Kindes beurteilen…“
„Typisch Mann!“ antwortete die Frau. „Wenn es schwierig wird, wollt ihr die Realitäten nicht wahr haben.“
„Jawohl, typisch Mann: Wir sehen die Realitäten so wie sie sind, nicht so, wie ein anderer sie uns einredet.“
„Na wir werden ja sehen, wenn das Kind demnächst in die Schule kommt.“

  Der Schulbeginn schien dem Psychologen Recht zu geben: Das Kind war Legastheniker in einem Ausmaß, dass die Mutter sich fragte, ob es jemals Lesen und Schreiben lernen würde, denn auch die vielen Nachhilfestunden, die sie ihm gab, nützten nur wenig.
Bald zeigte sich, dass es beim Rechnen dasselbe war, aber für diese Schwäche gab es keine wissenschaftliche Bezeich­nung. Der Klassenlehrer befand bei einem Elternsprechtag, dass das Kind eben minderbegabt sei und die Eltern sich fragen müssten, ob sie nicht doch die Sonderschule ins Auge fassen sollten. Nun, um die Sonderschule kam man gerade noch herum, denn die Mutter gab ihren Beruf auf und betätigte sich weiterhin, aber noch intensiver als Hilfslehrerin.

   Als dann einmal am Schuljahresende das Lehrpersonal wechselte,  besuchte die Mutter gleich den ersten Eltern­sprechtag, weil sie meinte, es wäre sicher günstig, von vornherein Kontakt zum Lehrpersonal aufzunehmen und so ein für das Kind günstiges Klima zu schaffen. Die Klassenleh­rerin eröffnete der Mutter, dass es sich um einen „schwierigen Fall“ handele. Als der jungen Mutter die Tränen kamen, stellte sich heraus, dass die Lehrerin etwas ganz anderes meinte:
„Wissen sie, das ihr Kind hoch intelligent ist? Ich habe es mit Ihrem vermuteten Einverständnis getestet. Die Schwierig­keit ist, dass solche Kinder nicht in das Schulschema passen. Das gilt besonders für Ihr Kind, das ja wohl an einer ausge­prägten Legasthenie leidet und so mit der Schule schlechte Erfahrungen gemacht hat. Irgendwie müssen wir schauen, wie wir die Situation gemeinsam bewältigen.“
Die Mutter glaubte kaum, ihren Ohren trauen zu können. Als sie ihrem Mann von dieser Neuigkeit berichtete, antworte­te dieser nur:
„Siehst du, ich habe es dir ja gleich gesagt.“

    Das Kind bewältigte die Schule mit „Ach und Krach“. Vor dem Abitur stritten die Lehrer darüber, ob man dem jungen Mann die Reife für ein Studium bescheinigen könne. Den Ausschlag gab die Bemerkung eines Lehrers: „In dubio pro reo.“

   Es wäre schade gewesen, wenn man anders entschieden hätte, denn aus dem jungen Mann wurde einer unserer weni­gen bedeutenden Wissenschaftler.

7. Der Schrei


      Auf einem Gemälde von Munch ist bildlich das festgehal­ten, von dem hier die Rede ist: „Der Schrei“ – kein gewöhnli­cher, sondern ein fast schon tierisch klingender, schauerlicher Laut, bei dem man sich nicht ausmalen mag, was passiert sein könnte. Man hat das Gefühl, dass einem das Blut in den Adern gefriert und dass sich die Haare aufstellen. – Aber der Reihe nach:

     Frau Brander war ihre eigene Hausverwalterin. Sie hatte gerade wieder einmal viel zu tun, weil ein Mieter ausgezogen war und die Wohnung renoviert werden musste. Nach Feier­abend, als die Handwerker gegangen waren, putzte Frau Brander noch ein wenig in den Räumen herum. Da läutete es an der Tür. Frau Brander öffnete und vor ihr stand eine junge Frau, die ihr nicht unsympathisch war, wenn sie auch ein wenig zu alternativ wirkte mit ihren etwas wirren Haaren, dem langen schlichten, etwas lappigen Leinenkleid in grün und den nackten Füßen in lederberiemten Sandalen.
Die junge Frau grüßte freundlich und brachte ihr Anliegen vor:
„Frau Brander, ich bin Uschi Gerber und habe eine große Bitte: Ich habe von einem der Handwerker gehört, dass diese Wohnung renoviert wird. Da ich als Studentin noch keine Unterkunft gefunden habe, wollte ich Sie fragen, ob ich während des Umbaus in meinem Schlafsack dort oben auf dem Boden schlafen darf, bis ich eine Bleibe gefunden habe. Ich zahle selbstverständlich…“
„Um Gottes willen!“ unterbrach Frau Brander. Sie dachte an ihren Sohn, der mit seinen dreißig Jahren immer noch nicht verheiratet war, was sie als großes Unglück betrachtete, denn sie empfand das zum einen nicht als normal und sie wollte zum anderen endlich auch Enkel haben wie ihre Freundinnen, zumal sie Witwe war und gerne etwas mehr Leben um sich gehabt hätte. Die junge Frau wäre immerhin ein Köder, mit dem sie ihren Sohn vielleicht mit etwas Glück in den Hafen der Ehe locken konnte. So vereinbarte sie mit der jungen Frau die Einzelheiten über deren Verbleiben in den Räumen:
„Und wir hätten da noch ein Gästebett, das mein Sohn Ihnen gerne rauf bringen könnte, wenn Sie wollen.“
„Oh, ja, vielen Dank!“

    Abends, als der Sohn mit dem Gästebett erschien, schlief die junge Frau schon auf dem Boden und hatte die Woh­nungstür nicht einmal abgesperrt.
„Na, was sagst du zu ihr?“ wollte Frau Brander wissen.
„Schon eigenartig!“
Das war alles, was sie von ihm erfuhr.

Am anderen Morgen um etwa 5.00 Uhr wurde Frau Brander von einem schrillen Schrei geweckt, der ihr durch Mark und Bein ging. Sie ging auf den Flur und traf dort ihren Sohn. Beide fragten sich gleichzeitig:
„Hast du das auch gehört?“
Dann gingen sie hinaus ins Treppenhaus, wo auch schon die Mieter der Nachbarwohnung vor ihrer Tür standen. Sie waren sichtlich geschockt und meinten, es müsse ein Mord geschehen sein. Man war sich schnell einig, dass der Schrei von oben aus der Dachgeschosswohnung gekommen sein musste. Dennoch zögerten alle ein wenig, sofort hinauf zu laufen, denn es schauderte jeden vor dem Anblick, der sich dort vielleicht bieten würde.
Frau Brander hatte eine Idee, die den allgemeinen Schock ein wenig abbaute:
„Vielleicht gibt es eine ganz harmlose Erklärung. Gestern stand in der Zeitung ganz groß auf der Titelseite wieder mal der übliche Blödsinn über Sex. Ein indischer Guru schrieb, die Frauen sollten richtig schreien, wenn sie einen Orgasmus haben. Die ganze Nachbarschaft soll sich mit freuen. Vielleicht hat die neue Mieterin das in der Zeitung gelesen und Besuch gehabt…“
Frau Brander unterbrach sich, weil ihr das, was sie gerade gesagt hatte, selbst peinlich war.
„Aber nachschauen sollten wir doch“, warf ein junger Nachbar ein und stürmte auch schon die Treppe hinauf – gefolgt von den anderen. Vor der Tür zögerte er ein wenig und blickte fragend in die Runde der Mitbewohner.
Diesen kurzen Augenblick der Stille unterbrach ein zweiter Schrei, der alle erstarren ließ. Als erster hatte wiederum der junge Nachbar einen Entschluss gefasst. In seinem Gehirn war eine Szene abgelaufen, wie er sie schon oft in Kriminalfilmen gesehen hatte: In einer solchen Situation gab es immer wieder jemanden, der sich mit aller Macht gegen die Tür warf. Und so folgte er diesem Beispiel mit der ganzen Wucht seines Körpers. Er landete allerdings sehr unsanft auf dem Boden des Flures und rieb sich die schmerzende Schulter, denn die Tür war nicht verschlossen, ja nicht einmal eingeschnappt.
Nachdem er etwas unbeholfen aufgestanden war und durch den Flur vorwärts humpelte, folgten ihm die anderen, wobei sie ein Bild boten wie die sieben Schwaben in Grimms Märchen. Sie bewegten sich vorsichtig voran, wobei sich einer hinter dem anderen versteckte. Als der junge Mann schließ­lich die Hand auf die Klinke der Wohnzimmertür legte, flüs­terte Frau Brandner:
„Ob wir nicht doch lieber die Polizei rufen sollten?“
Aber der junge Mann hatte die Tür schon geöffnet, war dann zur Seite gesprungen, um sich dann vorsichtig umzu­schauen: Nichts war zu sehen, nur ein leerer Schlafsack. Uner­schrocken schlich sich der Mann weiter bis in die Küche vor: Wieder nichts!
„Sie ist nicht in der Wohnung“, stellte er fest.
„Sie muss doch da sein“, meinte Frau Brander und blickte sich suchend um. „Da ist sie ja auf dem Balkon.“
Und da sah man sie tatsächlich. Sie saß auf einer Decke im Schneidersitz und schien in eine Yoga-Übung versenkt zu sein. Dann stieß sie wieder diesen bewussten Schrei aus und schien aus ihrer Versenkung wieder ins normale Leben zurückzukehren. Sie stand auf, lächelte freundlich ihre Gäste an und erklärte ihnen:
„Wissen Sie, man soll jeden neuen Tag, den Gott uns schenkt, mit einem Urschrei begrüßen. Sie glauben gar nicht, wie viel Energie das für den Tag bringt.“
Leider hatte Frau Brander kein Verständnis für solche Erkenntnisse und erwiderte barsch:
„Und Sie glauben gar nicht, wie viel Energie Sie uns dadurch gekostet haben, dass Sie uns um 5.00 Uhr aus dem Bett gesprengt haben. Nehmen Sie also Ihren Schlafsack und lassen Sie Ihren Urschrei ab sofort woanders heraus, von mir aus im Wald.“
Die junge Frau blickte verständnislos in die Runde der Versammlung und fand:
Lauter spießige Gesichter. Dann packte sie ihre Sachen.

    Abends saß Frau Brander mit ihrem Sohn beisammen und sagte beiläufig:
„Eigentlich fand ich sie ja ganz nett, wenn sie nur nicht diese Macke hätte…“
Und ihr Sohn stimmte zu:
„Siehst du, so sind die Frauen von heute. Vielleicht verstehst du jetzt endlich, warum ich immer noch nicht verheiratet bin?“

8. Bei  Muttern


Wenn man in das heutige seelenlose München-Schwabing kommt, kann man sich kaum noch vorstellen, dass hier einmal ein Künstlerviertel existierte, das sein Flair der dort lebenden Boheme verdankte.
Nicht Banken, Versicherungen und der mehrspurige Auto­verkehr prägten damals das Gesicht der Leopoldstraße, sondern es waren die Lokale mit ihren einladenden gedeckten Tischen auf dem breiten Gehsteig, wo die Münchner abends flanierten und ihren Feierabend genossen. Die ganze Straße war eine einzige Kunstgalerie, in der man mit dem Schauen kaum fertig wurde. Die vielen Lokale von früher sind durch Büros finanzkräftiger Unternehmen verdrängt worden. Wo heute eine große Versicherung ihre Zentrale hat, tranken Studenten früher ein Glas Wein und aßen frisches Brot dazu, das sie mit süßem Senf würzten – ein typisches Abendessen für ihren schmalen Geldbeutel, denn man brauchte nur den Wein zu bezahlen. Als einmal jemand fragte:
„Wie wollt ihr denn so auf die Dauer existieren?“ antwor­tete der Wirt:
„Das ist eine Investition für die Zukunft. Wir glauben, dass ihr alle einmal später, wenn ihr viel verdient, wieder kommt und große Zechen macht.“
Nun, dieses „später“ hat es für diese Gastwirtschaft nie gegeben. Der Hauseigentümer sah seine Zukunft dort, wo er mehr Miete herausholen konnte.
                        
Die urigsten Lokale lagen damals in den kleinen Neben­straßen. Eines davon nannte sich: „Bei Muttern“. Hier konn­ten sich die Studenten bei Preisen wie in der Mensa richtig satt essen. Und alles schmeckte nicht nach Kantine, sondern frisch und individuell gekocht.
Die Gaststätteninhaberin entsprach genau dem Klischee-Bild einer bayrischen Wirtin: Urwüchsig, immer in Betrieb, ein wenig füllig, aber gerade noch recht, also mit einer Figur, die hierzulande als dantschig bezeichnet wird. Natürlich trug sie immer ein Dirndl, dessen weiter Ausschnitt ihren üppigen Busen voll zur Geltung brachte, besonders, wenn sie sich beim Kassieren zum Gast herunter beugte, als wollte sie sagen: „Schau her, auch diesen prächtigen Anblick hast du mitbe­zahlt!“
In vielen Fällen ersetzte die Wirtin den Studenten, die ja weit weg von zu Hause wohnten, die Mutter. Wenn einer von ihnen Sorgen – beispielsweise eine Klausur „verhauen“ – hatte, sah sie ihm das gleich an der Nasenspitze an. Sie setzte sich dann zu dem jungen Mann, schenkte zwei „Stamperl“ von ihrem Hausschnaps ein und hörte geduldig zu, was ihm auf der Seele lastete. Und bei diesem Gespräch spülte man gemeinsam den ganzen Kummer hinunter. So entwickelte sich die Wirtschaft zu einer Art von Kummerkasten. Das heißt freilich nicht, dass es dort traurig zugegangen wäre: eher im Gegenteil. Die Wirtin, die gegen Abend bereits ihr Quantum Alkohol mit ihren Gästen konsumiert hatte, lief zu Hochform auf. Wer hier einkehrte, vergaß seine Sorgen. Für ihn sah die Welt auf einmal wieder ganz anders aus.

Die Wirtin hatte sich eigentlich vorgenommen, die jungen Stundenten fern der Heimat ein wenig zu „bemuttern“. Doch spürte sie bald, dass dieses Konzept, das sie sich für ihr Lokal ausgedacht hatte, nicht recht funktionieren wollte. Denn die jungen Männer sahen in ihr weniger eine Mutterfigur als vielmehr eine reife Frau, die sich trotz ihrer fünfzig Jahre noch nicht „jenseits der Grenze von Gut und Böse“ befand. Und wenn sie, wie so oft, die einzige Frau im Kreis von lauter lebenslustigen oder besser gesagt: lebenshungrigen jungen Männern war, dann flogen die Anzüglichkeiten nur so hin und her. Die Wirtin mochte das, denn sie fasste Bemerkungen, bei denen sich ihre Geschlechtsgenossinnen von heute wohl an die Frauenbeauftragte wenden würden, als Komplimente auf. Sie konnte zur allgemeinen Belustigung recht derb „herausgeben“, und so geriet mancher Abend zu einer Art von Kabarett. Man hatte eine Menge Spaß und lachte viel.

Eines Tages passierte etwas Ungewöhnliches: Es erschie­nen zwei Herren im Lokal, die ganz offensichtlich nicht in den Kreis des üblichen Publikums zu passen schienen. Sie bestell­ten sich je ein Glas Apfelsaft.
Die Wirtin antwortete im Vorbeigehen kurz und bündig: „Hamma net! Mir san a Bierlokal!“
„Aber Sie müssen doch auch etwas Nicht-Alkoholisches haben.“
„A Glas Milch! Mit oder ohne Strohhalm?“ fragte die Wirtin höhnisch.
„Dann nehmen wir vielleicht doch lieber zwei Bier!“
An sich war die Lokalinhaberin ein Musterbeispiel einer bayrischen Gastwirtin: freundlich und aufgeschlossen. Aber auch das gehört zum bayrischen Wesen: Die Freundlichkeit kann schnell in Grantigkeit umschlagen, wenn die „Chemie nicht stimmt“.
Die Wirtin hatte eine sehr feine Spürnase und merkte, dass die beiden unbekannten Gäste irgendetwas im Schilde führten. Sie servierte ihnen das bestellte Bier und zog ihre große Kellnerinnenbörse:
„Darf ich gleich kassieren?“ Auf diesen Weise gab sie den beiden zu verstehen, dass sie hier nicht willkommen waren.
Einer der beiden Männer wagte, ein „Nanu?“ anzumerken.
Die Wirtin erwiderte kühl:
„Also wollen Sie jetzt Ihr Bier trinken und bezahlen oder lieber gehen?“
„Wir zahlen ja schon. Warum denn so unfreundlich?“
„Wie man in den Wald hinein schreit, schallt es wieder heraus“, antwortete die Wirtin und verschwand.
Die beiden Männer saßen sehr lange vor ihrem Bier, auch noch, als es längst schal geworden war.

Als die Wirtin zwei Studenten bat, ihr beim Aufstellen eines neuen Bierfasses zu helfen, gingen die beiden unbekann­ten Männer mit nach hinten in den Hausflur.
„Wollen Sie vielleicht auch mit anpacken?“ fragte die Wirtin.
„Wenn’s sein muss. Sonst suchen wir nur das Klo.“
„G’radaus!“ zeigte die Wirtin mit dem Zeigefinger.
Die beiden verschwanden in der Toilette und kamen dann wieder vorbei, um beim Aufstellen des Bierfasses zuzusehen. Irgendwie schienen sie enttäuscht zu sein, dass alles ganz normal wie am Schnürchen lief.

Später, als das Lokal sich füllte, saßen die beiden Männer plötzlich im Kreise von Studenten und horchten sie aus:
„Wir sind hierher gekommen, um etwas zu erleben. Uns wurde gesagt, das es hier besonders abenteuerlich sein soll.“
„Wenn Sie Bier trinken als abenteuerlich ansehen, dann schon“, lachte einer von den jungen Leuten.
„Wir haben da etwas anders gehört. Uns wurde gesagt, dass man mit der Wirtin…, na, Sie wissen schon. Man muss nur  das Stichwort ‚Bierfass‘ fallen lassen.“
„Ja natürlich kann man mit der Wirtin ein Bierfass aufstel­len, aber wieso soll das ein Abenteuer sein?“ fragte einer der Studenten, der zwar begriffen hatte, auf was die Männer hinaus wollten, der aber so tat, als verstünde er die Anspie­lung nicht.
Die beiden Männer hinter ihrem schalen Bier hatten nun die Nase voll. Sie verabschiedeten sich. Sie wären sicher noch geblieben, wenn sie gewusst hätten, was sie versäumten.

Die Wirtin trug wieder Bier durch das Lokal. Als sie bei einem Studenten vorbei ging, sagte sie leise zu ihm:
„Du schaust mich die ganze Zeit so an. Ich glaube du brauchst es.“
Der junge Mann wurde rot und war so verlegen, dass er nicht antwortete.
Sie streckte die Hand aus und sagte:
„Also komm mit.“
Die beiden verschwanden kurz in einem kleinen Raum hinter der Bar. Als sie wieder herauskamen, sagte die Wirtin zu dem jungen Mann:
„So, nun kannst du wieder in aller Ruhe deine Nase in die Lehrbücher stecken.“
Die Wirtin sah in ihren männlichen Gästen hormongesteu­erte Wesen, die nur dann in der Lage waren, ihren Studien nachzugehen, wenn sie den Hormonstau abgebaut hatten. Und dabei half sie eifrig mit. Sie betrachtete dies als eine Art von Lebenshilfe, die natürlich auch ihr gut tat. Sie wäre sicherlich sehr beleidigt gewesen, wenn sie gewusst hätte, aus welchem Grund die beiden Beamten der Sittenpolizei ihr Lokal aufgesucht hatten. Sie notierten am nächsten Morgen in einer Akte über das Lokal „Bei Muttern“:
„Es ist nicht nach­weisbar, dass die Wirtin nebenher ein Bordell betreibt.“

9. Der seltsame Tod des Herrn S.


Herr S. war ein Mann, der immer gesund gelebt hatte. Seine Arztbesuche beschränkten sich im wesentlichen auf die alljährliche Routineuntersuchung seines Gebisses. Als er in den Ruhestand trat, entschloss er sich, einen weiteren Gesundheits-Check über sich ergehen zu lassen. Er hatte gelesen, dass Männer in einem gewissen Alter Darm und Prostata untersuchen lassen sollten. Und so fand er sich eines Morgens bei einem Urologen ein. Nachdem dieser seine Untersuchungen abgeschlossen und alles in Ordnung befunden hatte, fragte er Herrn S., ob er den schon einmal seine vielen Leberflecken von einem Dermatologen habe begutachten lassen. Herr S. verneinte.
„Nun, dann würde ich Ihnen empfehlen, das einmal machen zu lassen.“
„Wieso, sind da etwa welche entartet?“ fragte Herr S. besorgt.
„Nein, das nicht“, antwortete der Arzt. „Aber wenn man so viele Flecken hat wie Sie, sollte man schon einmal nachschauen lassen…“
„Na, gut, dann mach’ ich es eben, wenn Sie meinen.“
So kam Herr S. nach dem Zahnarzt und dem Urologen nun ganz ungewohnt zu seinem dritten Arztbesuch.
Der Dermatologe besichtigte die Leberflecken, fand aber nichts Besonderes. Dafür entdeckte er etwas anderes:
„Ihre Brüste sind verschieden!“
Herr S. schaute an sich herunter und blickte den Arzt fragend an.
„Ist Ihnen noch nicht aufgefallen, dass die linke Brustwarze anders aussieht als die rechte?“
„Nein, so genau habe ich mich noch nicht angeschaut!“
„Nun, da sollte man ein Mammografie machen lassen.“
Frau S. bekam einen Lachanfall, als ihr Mann ihr von dem Ergebnis seines letzten Arztbesuchs berichtete.
„Mammografie bei einem Mann – so etwas habe ich noch nie gehört. Ich glaube, da schickt dich ein Arzt zum nächsten, weil es an dir etwas zu verdienen gibt. Schließlich bist du ja Privatpatient.“
„Also, so ganz aus der Luft gegriffen ist die Idee mit der Mammografie nicht. Meine Brüste sind nämlich nicht gleich.“
„Ich glaube, das ist bei den meisten Frauen nicht anders, wenn ich dir das einmal vorführen darf…“
„Bei uns ist es immer das Gleiche. Wenn ich etwas habe, nimmst du das nicht ernst, während ich mir bei dir schon Sorgen machen soll, wenn du nur hustest.“
„Gönn’ dir nur deinen Arztbesuch, du wirst schon sehen…“
 
Drei Tage später war Herr S. in der Praxis eines Röntgen-Arztes. Dort versuchte eine Arzthelferin schließlich doch mit Erfolg, sein bisschen Brust zwischen zwei Scheiben einzuklemmen, um dann eine Aufnahme zu machen – offenbar erfolgreich, denn nach einer Viertelstunde kam der Arzt und eröffnete ihm den Befund:
„Auf dem Röntgenbild ist ein Geschehen zu identifizieren, das unklar ist. Kein Grund zur Beunruhigung! Aber sicherheitshalber sollten Sie doch eine Gewebeprobe entnehmen lassen. Brustkrebs gibt es nämlich auch bei Männern, beispielsweise, wenn sie sich einmal dort verletzt haben.“

Als er nach Hause kam, erwartete ihn seine Frau schon an der Tür mit einem vielsagenden oder besser gesagt: vielfragenden: „Na-a-a?“
Er berichtete, wie es Männer nun einmal zu tun pflegen, in einer Art von Telegrammstil, dass er sich eine Gewebeprobe entnehmen lassen müsse.
Aber Frauen nehmen diese Form von Kurzbericht nicht so einfach hin, und so ruhte Frau S. nicht eher, als bis sie alle Einzelheiten bis ins letzte Detail erfahren hatte.
Beim Stichwort „Brustverletzung“ fragte sie nach:
„Sag mal, wann hast du dir denn die Brust verletzt?“
„…nicht ich mir“, erwiderte Herr S, „sondern du mir. Du weißt doch, dass du mit schon oft beim Du-weißt-schon deinen spitzen Ellbogen genau da hinein gerammt hast.“
„Nun hör aber auf. Du willst doch wohl nicht behaupten, dass ich am Ende Schuld bin, wenn du womöglich Brustkrebs hast?“
„Ich behaupte gar nichts, sondern habe nur deine Frage beantwortet, wann und wie meine Brust malträtiert worden ist.“

Um diesen Disput zu verstehen, muss man wissen, dass das Ehepaar gerne nebeneinander zu liegen pflegte. Dabei hatte er seinen linken Arm unter ihren Kopf gelegt und ihren Körper mit seinem rechten Arm umfasst. Da sie auf ihrer rechten Seite lag, hatte sie ihren linken Arm um ihren Mann gelegt, aber wohin mit dem rechten?
Das Problem soll hier nicht lang und breit erklärt werden. Probieren Sie es einfach einmal aus! Der rechte Arm der Frau ist in dieser Lage irgendwie nicht richtig unterzubringen. Und so hatte sich Herr S. gelegentlich bei seiner Frau beklagt, dass sie ihm dauernd ihren spitzen Ellbogen in seine Brust gestoßen hatte.
Sie aber hatte nur ironisch erwidert, er solle nicht so wehleidig sein.
                            
Ja, und dann kam eines Tages das Ergebnis der Gewebsuntersuchung: Krebs. Herr S. konnte dieses an sich niederschmetternde Ergebnis nicht recht ernst nehmen. Und auch seine Frau lachte erst einmal, als ihr Mann ihr seinen Befund eröffnete:
„Also Krebs vom Liebesleben, das kann nicht wahr sein. Da ist irgendwo der Wurm drin in der Diagnose. So etwas gibt es einfach nicht.“

Später, als es Herrn S. schlechter ging und seine Frau Schuldgefühle entwickelte, beruhigte er sie und sagte:
„Also, das mit deinem Ellbogen war nur ein Witz. Streich das endlich aus deinem Gehirn. In Wirklichkeit bin ich einmal beim Mountainbiken auf die Brust gefallen und habe mir sehr weh getan. Daraus ist sicher dieses blöde Geschwür entstanden.“
Dies beruhigte Frau S. nur oberflächlich. Sie wurde das Gefühl nicht los, dass sie schuld an dem immer traurigeren Zustand ihres Mannes sein könnte. Allein diese bloße Möglichkeit belastete sie. Und als ihr Mann im Krankenhaus ans Bett gefesselt war, brachte sie wieder das Gespräch auf dieses Thema, das ihr auf der Seele brannte.
„Ach, weißt du“, begann Herr S., „das ist ganz einfach: Ich werde wieder gesund, und dann ist das Thema sowieso erledigt.“
„Und wenn nicht?“
„Na, ja, dann werde ich wissen, woran ich gestorben bin. Wenn es ein Tod durch Liebesleben war, werde ich im Sarg liegen und so lachen, dass es dich anstecken wird.“
„Hör bloß auf mir dem makabren Gerede!“ fand Frau S. und wechselte das Thema.
         
Unerwartet starb Herr S. einen Tag später. Als er beerdigt wurde, folgte seine Witwe umrahmt von ihren Kindern dem Sarg. Als der Sarg in die Grube gesenkt wurde, brach Frau S. in ein schrilles Gelächter aus, das der Trauergemeinde durch Mark und Bein ging. Zwei Verwandte hakten Frau S. unter und führten sie zu einem Taxi. Sie ließen sie in die nächste Nervenklinik transportieren, wo sachkundige Ärzte sofort eine passende Diagnose fanden, deren lateinischen Namen sie ganz schlicht wie folgt übersetzten: „Die Nerven sind ihr halt durchgegangen. So was kommt öfter vor.“

10. Der alte Kapitän

Wenn man sich den perfekten Kapitän in der Phantasie vorstellen würde, würde das Ergebnis sicherlich nicht so vollkommen ausfallen, wie dieser Mann es war, der alle Meere der Welt bereist hatte. Er hatte seine Laufbahn noch zur Zeit der Segelschifffahrt begonnen: Kapitän Hansen war ein Seemann wie aus dem Bilderbuch. In seinem wettergegerbtem Gesicht strahlten zwei so blaue Augen, als hätten sie die Farbe der Südsee angenommen. Auch wenn er immer freundlich drein schaute, hatte er doch eine solche Dynamik in seinem Blick, als wollte er einen Haufen wilder Matrosen von einer Meuterei abhalten.
Jetzt auf seine alten Tage hatte er sich einen ruhigeren Beruf als Lotse gesucht. So hatte er mehr Zeit für seine Familie und auch für sich selbst. Aber in seinen Gedanken schien er oft irgendwo in weiter Ferne zu sein, und manchmal erzählte er Geschichten von seinen Reisen, die viel interessanter und spannender waren als jeder Fernsehfilm.
Als sein Sohn seinen 14. Geburtstag feierte, wurden die Freunde eingeladen, und Kapitän Hansen trug zum Gelingen des Festes bei, indem er einige Zauberkunststücke vorführte. Mit einem „Abrakadabra“ verwandelte er Wasser in Wein oder erriet genau, welche Karte man aus einem ganzen Stoß heraus gezogen hatte.
„Ach, Kinder!“ sagte er. „Das ist in Wirklichkeit ja gar kein Zaubern. Das sind ja nur Tricks.“ Und dann erklärte er, wie seine Kunststücke funktionierten.
„Aber bitte nicht weiter verraten, denn eigentlich hätte ich euch gar nicht in diese Geheimnisse einweihen dürfen. Wo kämen wir Magier denn hin, wenn jeder weiß, wie’s geht.
Wisst ihr eigentlich, dass es auch echte Zauberer gibt? Den ersten sah ich, als ich ungefähr so alt war wie ihr. Ich hatte damals als Moses, das heißt also als Schiffsjunge, auf der Pamir angeheuert, einem Segelschiff, das später in einem Sturm mit Mann und Maus untergegangen ist. Die Reise ging damals nach Indien und wir kamen infolge eines heftigen Sturms nicht gleich in unserem Bestimmungshafen an, sondern in einem Nest, dessen Namen ich vergessen habe. Kaum hatten wir angelegt, bauten die Einwohner einen ganzen Markt mit Waren, Souvenirs und allerhand Merkwür­digkeiten auf. Sogar eine Art von Theater veranstalteten sie: Da tanzten Derwische in wilden Drehungen, dass ich mich wunderte, weshalb sie nicht irgendwann einmal vor lauter Schwindel umfielen. Ein Fakir legte sich auf einem Nagelbett in die Sonne. Und ein Schlangenbeschwörer ließ eine Schlange aus einem Korb heraus die seltsamsten Körperdrehungen machen. Ich sage euch: Das war eine so fremde Welt, dass ich mich gar nicht genug wundern konnte und mir leider die Worte fehlen, euch alles so zu schildern, wie es wirklich war. Nun werdet ihr vielleicht sagen, das alles sei gar nichts so Besonderes, denn das hättet ihr im Fernsehen auch schon einmal vorgeführt bekommen.
Ihr müsst euch vorstellen: Für mich war das alles völlig neu, denn damals gab es das Fernsehen noch nicht. Ich würde euch auch gar nichts davon erzählt haben, wenn nicht etwas geschehen wäre, was mir unvergesslich bleiben wird: Mit ein paar Handgriffen hatten einige Männer eine Bühne aufgebaut und dann erschien auf ihr ein ganz in weiß gekleideter Inder, dessen Art von Turban anzeigte, dass er offenbar einer höhe­ren Gesellschaftsschicht – oder wie die Inder sagen: Kaste – angehörte. Er schwang ein dickes Tau, das auf einmal wie eine Turnstange senkrecht da stand. Der Inder kletterte mit einer unglaublichen Leichtigkeit und Behändigkeit hinauf, wobei sich das Seil ständig verlängerte. Der Mann wurde langsam immer kleiner, je höher er stieg, und entschwand schließlich unseren Blicken irgendwo im Himmel.
Unser Kapitän hat das Ganze genau fotografiert, und dabei passierte etwas ganz Merkwürdiges: Ich hatte auch ein paar Abzüge von den Fotos erhalten und zeigte sie meiner damali­gen Freundin, die nun meine Frau ist. Sie sah auf den Bildern etwas ganz anderes als ich: Sie sah nur einen lachenden Inder mit einem Seil in der Hand. Erst dachte ich, sie wollte mich necken. Dann aber merkte ich, dass alle, die die Schau des Inders gesehen hatten, immer noch unter einer Art von Hypnose standen, sobald sie die Fotos zu Gesicht bekamen. Wir sahen alles so, wie wir es damals erlebt hatten. Bei uns wirkte also auch noch nach Jahren der Zauber, den der Inder fest in unsere Gehirne eingefügt hatte
Kinder, jetzt werdet ihr sagen, Hypnose ist doch auch nichts Besonderes; das kennen wir schon, wenn auch nicht in solchen Einzelheiten. Deshalb will ich euch jetzt noch eine Geschichte erzählen, bei der es mir heute noch kalt den Rücken herunter läuft, obwohl das Ganze schon mehr als 40 Jahre her ist.
Ich habe immer schon gern gelesen und habe deshalb ständig in Bücherläden herum gestöbert. In London gab es früher eine Gasse, in der viele Buchhändler ihre Geschäfte hatten. Jeder hatte sich auf ein anderes Wissensgebiet speziali­siert, wie beispielsweise Seefahrt oder Autos. Vor einem Laden saß ein typischer alter Jude, wie man an seiner Kleidung unschwer erkennen konnte. Er hatte in seinem Schaufenster ein Schild aufgehängt, auf dem stand: „Abenteu­erliteratur, Grenzerfahrungen, Esoterik und geheime Wissen­schaften.“ Ich ging hinein, denn das Wort „geheim“ hatte mich neugierig gemacht. Der Alte folgte mir und fragte mich nach meinen Wünschen. Ich sagte ihm, dass mich die gehei­men Wissenschaften interessieren würden.
„Junger Mann“, sagte er. „Tun Sie sich das nicht an. Das ist gefährlich. Lassen Sie die Finger davon.“
„Ich denke, Sie wollen doch Ihre Bücher verkaufen?“
„Ja, natürlich, aber ich will auch, dass jeder das Buch bekommt, das zu ihm passt. Das Zeug hier“, er deutete auf einen Stapel, „ist nichts für Sie.“
Trotzdem nahm ich eines dieser Bücher in die Hand, das durch seinen roten Ledereinband auffiel, zuckte aber gleich wieder zurück, denn mich hatte ein leichter elektrischer Schlag getroffen hätte, als wenn ich an einen geladenen Weidezaun geraten wäre. Im selben Moment fiel ein Sonnen­strahl auf die merkwürdigen goldenen Symbole, die auf dem roten Buchdeckel abgedruckt waren. Die Zeichen flammten auf, als würden sie brennen.
Ich schlug den Titel auf: Er bestand aus Krakeln, die fremd­artig aussahen, die ich aber weder als arabisch noch als kyril­lisch identifizieren konnte. Mit Sicherheit waren es auch weder Hieroglyphen noch Keilschriftzeichen. Das Ganze sah eher danach aus, als handele es sich um die oberen Teile von Buchstaben.
Darunter stand in mehreren Sprachen in rot das Wort „Warnung“ und dann folgte ebenso mehrsprachig folgender Text: „Wenn Sie beginnen, dieses Buch zu lesen, verlassen Sie die normale Welt und begeben sich freiwillig in das Reich Luzifers. Sie lassen sich auf ein Spiel ein, bei dem Sie Ihre Seele für immer verlieren können.“
„Na, so ein Blödsinn!“ sagte ich zu dem neben mir stehen­den Buchhändler, als ich die Warnung halblaut vor mich hin las.
„Das würde ich nicht sagen“, erwiderte er. „Lassen Sie die Finger davon. Solche Bücher sind nicht für neugierige junge Leute geschrieben, sondern für Menschen in verzweifelter Lage, die mit vollem Risiko aus ihrer Krise herauskommen wollen.“
„Ich nehme es trotzdem!“ sagte ich.
Er nannte mir einen Preis, der offensichtlich zu hoch war, aber jedes Handeln erwies sich als aussichtslos.
Als ich in meinem Londoner Hotel neugierig in dem Buch blättern wollte, stellte ich zu meinem Erstaunen fest, dass die Seiten leer waren. Da es noch nicht zu spät war, eilte ich zurück in die Buchhändlergasse, doch konnte ich das Geschäft des alten Juden nicht wieder finden. Ich ging die Gasse auf und ab, bis ich schließlich den Buchladen fand, der direkt benachbart war. Ich konnte mich noch genau an dessen Schaufensterdekoration erinnern. Ich fragte dort nach dem Laden des alten Juden. Man sagte mir, so etwas habe es in dieser Gasse noch nie gegeben. Als ich kurz davor war, an meinem Verstand zu zweifeln, erschrak ich plötzlich, denn ich sah den Juden in seinem schwarzen Kaftan auf mich zukom­men.
„Hallo!“ sagte ich. „Ich habe gerade ein Buch bei Ihnen gekauft. Ich möchte es zurückgeben, weil die Seiten leer sind.“
„Bei mir gekauft?“ kicherte er. „Bitte, wann und wo soll denn das gewesen sein?“
„Na, hier in Ihrem Geschäft!“
„In welchem Geschäft bitte schön?“ fragte er weiter mit einem unverschämten Grinsen im Gesicht.
Nun wurde ich auch patzig: „Entweder geben Sie mir das Geld zurück oder ich rufe die Polizei.“
„Nicht dass ich die Polizei fürchten würde, aber zeigen Sie doch mal das seltsame Exemplar da unter ihrem Arm her.“
Ich reichte es ihm und er musterte es intensiv, roch am Ledereinband, hauchte auf die Goldsymbole, die daraufhin aufleuchteten.
„Aha!“ bemerkte er. „Ein Zauberbuch hat sich der junge Herr gekauft. Damit muss man freilich richtig umgehen können. Und auf welchen Seiten fehlen nun die Buchstaben?“
Er gab mir das Buch zurück und ich blätterte mit dem Daumen von vorn bis hinten. Es war alles bedruckt.
„Komisch!“ stammelte ich.
„Sehr komisch!“ kicherte er. „Haben der junge Herr vielleicht zu viel getrunken?“
„Quatsch, kein Glas. Sie wissen genau, was los ist!“
„Ich weiß gar nichts, aber vielleicht wissen Sie mehr, wenn Sie das Buch gelesen haben.“
Ich fand den Kerl so unverschämt, dass ich grußlos davon eilte.
„Auf Wiedersehen!“ rief er mir nach. „Lassen Sie sich Zeit und passen Sie auf, dass Sie unterwegs nicht wieder alle Buch­staben verlieren.“
Auf dem Weg in mein Hotel blätterte ich öfter in dem Buch, um mich zu vergewissern, ob die Buchstaben vielleicht wieder verblassen würden. Aber sie blieben klar und deutlich stehen.
Abends im Bett begann ich zu lesen und das, was ich in dem Buch fand, war so aufregend, dass ich die ganze Nacht hindurch nicht mehr davon los kam.
Ich erfuhr, wie man mit den verschiedensten Zaubereien alles erreichen kann, was man will: Macht oder Geld. Ja man konnte sogar nach Einnahme bestimmter Substanzen in die Gehirne anderer Menschen schauen und sie beeinflussen.
Ich war arm und jung, und so interessierte mich vor allem natürlich der Reichtum. Ich stellte mir vor, was ich alles tun und erleben könnte, wenn ich genügend Geld hätte. Nur hatte die Sache einen Haken: Man musste mit Luzifer persönlich über diese Angelegenheit verhandeln. In dem Buch war genau beschrieben, wie man vorzugehen hatte, um den Teufel erscheinen zu lassen, ohne dass einem dabei etwas passieren konnte. Es wurde aber ausdrücklich darauf hingewiesen, dass der winzigste Fehler zum Tode führen kann und dass dann natürlich die Seele in die Hölle wandern würde.
Als ich wieder von London nach Hause zurückkehrte, berichtete ich meinem Freund von meinem Abenteuer. Der lachte mich aus und meinte, das sei alles Unsinn.
„Na, dann probieren wir es halt einmal aus!“ meinte ich.
„Da wirst du vielleicht eine Enttäuschung erleben“, antwortete er.

   In dem roten Buch stand, dass man zuerst bei Vollmond um Mitternacht beim letzten Schlag einer Kirchturmuhr einen Zwölfender, also einen Hirsch, der zwölf Geweihspitzen hat, erschießen muss. Und so warteten mein Freund und ich auf die erste Vollmondnacht. Es verstrich fast ein halbes Jahr, bis sich endlich einmal der Vollmond an einem wolkenfreien Himmel zeigte. Aber im Wald war es trotzdem dunkel, und wir sahen weder Hirsch noch Reh.
Dann gingen wir das Abenteuer anders an: Wir durch­streiften die Wälder unserer Umgebung und beobachteten die Wildrudel. Dabei stellten wir fest, dass es zwar die verschie­densten Hirsche gab, aber es war keiner mit zwölf Geweihen­den dabei.
Als wieder einmal der Vollmond hell vom Nachthimmel leuchtete, konnte ich nicht schlafen und ging vor unser Haus. Ich sah, dass mein Freund ebenfalls auf der Straße war.
„Ich wollte dich gerade wecken“, sagte er. „Ich habe das Gefühl: heute klappt es.“
„Dann probieren wir es halt“, erwiderte ich.
Er holte das Jagdgewehr seines Vaters und ich nahm meinen Rucksack.
Dann machten wir uns auf den Weg. Wir spazierten zu einer Waldlichtung, in der ein kleines Kirchlein stand, das dem heiligen Hubertus, dem Patron der Jäger, gewidmet war. Der Vollmond stand über dem Kirchturm, aus dem der Elf-Uhr-Glockenschlag ertönte. Ich wunderte mich sehr, denn das kleine Kirchlein hatte überhaupt keine Uhr und auch kein Schlagwerk, das die Stunden hätte anzeigen können. Das wusste ich genau, weil ich schon einmal in den Turm hinauf­gestiegen war.
An der Außenmauer des Kirchenschiffs war ein riesiges altes Gemälde des heiligen Hubertus angebracht, das nun im Mondlicht wirkte, als würde es von einem Scheinwerfer ange­strahlt: Man sah den Heiligen mit dem Gewehr im Anschlag knien; vor ihm stand ein riesiger Hirsch, zwischen dessen Geweihästen ein Kreuz leuchtete.
Mir graute: Der unheimliche Glockenschlag, das helle Kreuz… Es war, als sollte ich vor einem gefährlichen Schritt gewarnt werden.
„Schau hin, ein Zwölfender!“ sagte mein Freund und deutete auf das Heiligenbild.
„Komm! Gehen wir wieder ins Bett“, meinte ich.
In diesem Augenblick spazierte ein Rudel Rehe in die Lichtung, in der das Kirchlein stand. Geführt wurde es von einem Zwölfender. Mir stockte der Atem.
„Jetzt brauchen wird nur noch zu warten, bis es zwölf Uhr schlägt“, flüsterte mein Freund.

Um Mitternacht schwieg der Glockenturm des Kirchleins, aber dafür hörte man umso lauter die Schläge der Uhr des Doms aus der nahen Stadt.
Mein Freund zählte mit:
„…vier, fünf…“ Er hob dabei langsam das Gewehr und zielte.
„.. zwölf!“ schrie er schließlich und feuerte gleichzeitig. Der Schuss krachte so laut, als wenn er von einer Kanone stamm­te. Und der Hirsch fiel wie vom Blitz getroffen zu Boden.
Wir flohen erst einmal in das tiefe Dunkel des Waldes, weil wir fürchteten, dass jemand den Schuss gehört haben könnte. Aber es blieb ruhig.
Dann schlichen wir im Schatten der großen Bäume zu dem erlegten Hirsch. Wir hatten die Anleitung, was nun zu tun war, wortwörtlich im Kopf:
Ich hatte daher in meinen Rucksack die notwendigen Uten­silien dabei und entnahm ihm einen sogenannten Hirschfän­ger, also ein großes Messer. Ich schlitzte damit dem Hirsch das Fell auf und schälte es von seinem Körper. Dann breiteten wir es auf dem Boden aus. Um diese Stelle gossen wir aus einem mitgebrachten Kanister drei konzentrische Kreise aus Öl. Dabei murmelten wir die Zauberformeln aus dem roten Buch, die ich heute noch nach den vielen Jahren auswendig kann. Aber ich werde sie hier nicht bekannt geben, damit sich niemand auf die Nachahmung unseres Experiments einlässt. Am Schluss tauchten wir noch vier Tannenzweige erst in das Blut des Tieres und dann in Öl. Nun mussten wir nur noch das Ganze anzünden. Mir zitterten meine Hände so sehr, dass ich die Streichhölzer aus meinem Rucksack an meinen Freund weiter reichte. Er entflammte die drei Ölkreise und die vier Tannenzweigfackeln. Das sah sehr gespenstisch aus und mir kamen Zweifel, ob wir nun weiter machen sollten, denn die Angst löste bei mir einen Schüttelfrost aus, der meinen ganzen Körper erbeben ließ. Meinem Freund ging es offenbar nicht anders, denn sein Gesicht war so weiß geworden, dass es direkt zu leuchten schien. Dennoch sprach er mit fester, aber rauer Stimme die letzte Zauberformel, die mit den Worten: „Luzifer, Luzifer…“ begann.
Kaum hatte er geendet, zerriss ein Blitz den Nachthimmel und ein Donnerschlag streckte uns zu Boden. Ich bekam gera­de noch mit, dass Luzifer in einer Rauchwolke aus dem Erdboden stieg. Dann wurde ich ohnmächtig und hörte aber trotzdem wie von fern seine Stimme:
„Was ist euer Begehren? Warum habt ihr mich gerufen?“
Ich erwachte, als mein Freund mich mit einem Tannen­zweig kitzelte und rief:
„He, wach endlich auf!“
„Mich hat es umgehauen vor Schreck. Was ist denn passiert?“
„Luzifer war da und wollte wissen, was wir wollen. Aber ich bekam kein einziges Wort heraus. Dabei wollte ich nur ‚Geld‘ sagen. Aber ich konnte nur krächzen und husten. Dann sagte Luzifer noch, wir sollten es niemals wieder wagen, ihn nochmals zu belästigen, wenn wir nicht wissen, was wir wollen.“
„Das werden wir wohl auch nie wieder tun“, sagte ich und merkte jetzt erst, dass das Haar meines Freundes grau gewor­den war. Ich schaute eine Locke meines Haars an, die ich von meiner Stirn vor mein Auge zog, und stellte erfreut fest, dass mir meine Ohnmacht anscheinend das Schicksal meines Freundes erspart hatte.
Seitdem liegt das geheimnisvolle Buch in meinem Tresor. Eigentlich hätte ich es ja verbrennen wollen, aber dann sagte ich mir, dass ich es vielleicht doch einmal in höchster Not noch einmal dringend brauchen könnte.“
Mit diesen Worten schloss der alte Kapitän seine Erzählung ab und blickte in die Runde:
„Ihr habt ja richtig rote Backen gekriegt, Kinder! So ist es recht, dann jetzt weiß ich, dass meine Geschichte richtig spannend war. Aber jetzt muss ich euch doch fragen: Wisst ihr eigentlich, was Seemannsgarn ist? Das sind atemberauben­de Reiseberichte, die Seeleute erzählen, die aber nur einen Nachteil haben: Sie sind nicht wahr. Und ihr habt doch wohl gemerkt, dass ich dieses Mal für euch ein besonders feines Seemannsgarn gesponnen habe. Da war sogar noch etwas Jägerlatein dabei.“
Er lachte und auch die ganze Runde um ihn herum lachte befreit mit.

Abends im Bett lachte auch die Frau des Kapitäns und sagte: „Und ich war so blöd und habe dir bisher deine Geschichten immer geglaubt. Aber jetzt höre ich auf einmal, dass alles gar nicht wahr ist.“
„Glaube mir: Ich habe das wirklich alles so erlebt!“ flüsterte der Kapitän bedeutungsvoll. „Aber ich konnte den Kindern doch nicht die Wahrheit zumuten. Daher habe ich so getan, als sei alles nur ein Märchen.“
Die Frau stöhnte: „Jetzt weiß ich aber wirklich nicht mehr woran ich bin.“
Ob es dem Leser genauso geht?

11. Der Golfplatz


Um die Geschichte zu verstehen, muss man viele Jahre zurückgehen, genauer gesagt sogar Jahrzehnte: Alexander Müller und Jörg Trausmann konnten sich schon als Schüler nicht ausstehen. Müller war ein Schüler, wie ihn sich die Lehrer wünschen: fleißig und angepasst. Er hatte sich als Stammplatz die mittlere Bank in der ersten Reihe ausgesucht, und wenn der Lehrer eine Frage stellte, schoss Müllers Finger so schnell in die Höhe, dass Trausmann prophezeite, dieser würde irgendwann einmal in der Nase des Lehrers landen.
An dieser Bemerkung sehen wir schon, dass Trausmann ein völlig anderer Typ war. Er saß die ganze Schulzeit hindurch auf der letzten Bank. Er lehnte die Schule aus inne­rer Überzeugung ab, denn er betrachtete sie als eine Art von geistigem Gefängnis. Deshalb meldete er sich grundsätzlich nicht zu Wort, denn –  so pflegte er zu sagen –  hierzu sei er nicht verpflichtet und:
„…wenn die da was von mir wollen, sollen die sich doch rühren.“
Am liebsten hätten die Lehrer ihn deshalb aus der Schule geekelt, denn sie fanden, dass „ein fauler Apfel eine ganze Obstkiste verderben“ könne. So sehr sie sich auch bemühten: es gelang ihnen nicht ein einziges Mal, Trausmann sitzen zu lassen, denn dazu war er zu intelligent.
So war die Zukunft der beiden Schüler für die Lehrerschaft klar vorgezeichnet: Aus Müller würde einmal etwas Großes werden, während man von Trausmann nichts erwarten könne.
Auf der Universität kehrten sich plötzlich die Verhältnisse um: Müller studierte Jura, begriff wenig und das auch nur langsam, so dass er schließlich nach einigen zusätzlichen Semestern doch noch mit Müh‘ und Not sein Examen schaffte. Da er aber als schlecht benoteter Jurist keine Anstellungschan­cen hatte, trat er in die Regierungspartei ein und so schaffte er es im Lauf der Jahre, vom schlichten Stadtrat zum Oberbür­germeister einer Kleinstadt aufzusteigen.
Trausmann dagegen, der seine Freiheit in der Natur genie­ßen wollte, studierte Forstwirtschaft mit Begeisterung und ohne Probleme. Schließlich landete er als Forstdirektor in derselben Stadt, in der Müller Oberbürgermeister war. Als eines Tages die Partei der Grünen an Trausmann herantrat, für den Stadtrat zu kandidieren, konnte er nicht ablehnen, denn die Stadt hatte ihre Begehrlichkeit auf verschiedene Biotope gerichtet, die ihm sehr am Herzen lagen.
Die Biotope lagen rund um ein kleines Dorf, dessen Einwohner darüber sehr unglücklich waren, dass ihre ursprünglich gebliebene Heimat in die Stadt eingemeindet worden war. Ihre Ortschaft bestand aus ein paar Bauernhöfen und einem Schloss mit Kirche, die beide viel besuchte Sehens­würdigkeiten waren.
Zu diesem Ensemble gehörte natürlich auch ein Gasthaus, dessen Wirtsleute früher einmal hauptsächlich von den vielen Wallfahrern gelebt hatten, die das Gnadenbild in der Kirche besuchten. Im Kunstführer stand darüber etwas, was von den Bewohnern des Dorfes als bodenlose Gemeinheit bezeichnet wurde:
„Wie immer, wenn sich ein Pfarrer und ein Gastwirt gut verstehen, so entstand auch hier eine der bedeutendsten Wall­fahrten des Landes.“
Doch in der heutigen Zeit steht man anscheinend auch von Seiten der Kirche gewissen Wundern etwas kritischer gegen­über, und so gab es plötzlich keine einzige offizielle Wallfahrt mehr zu diesem Gnadenbild, und die Bedeutung der Kirche nahm so stark ab, dass sich gelegentliche Besucher den Schlüssel zum Gotteshaus in der Gastwirtschaft holen mussten.
Der jetzige junge Wirt sann auf Abhilfe. Er war natürlich in die Regierungspartei eingetreten, denn einerseits spekulierte er darauf, dass auf diese Weise einige Veranstaltungen für ihn abfallen würden und andererseits war es sowieso immer gut, über die richtigen Verbindungen zu verfügen.
Innerhalb der Partei kamen sich der Wirt und der Oberbür­germeister näher, denn sie waren Menschen vom gleichen Schlag. Und eines Tages überraschte der Wirt seinen neu gewonnen Freund mit einer tollen Idee: Man solle doch die Wiesen des Dorfes in einen Golfplatz umwandeln. Die Bauern seien fast alle dafür, denn sie würden auf diese Weise mehr verdienen als mit der Landwirtschaft. Und schließlich würde auch er seine einfache Gaststätte in ein nobles Golfhotel umwandeln. So hätten alle ihren Nutzen davon, auch die Stadt, die natürlich durch den Golfplatz mehr und zahlungs­kräftigere Gäste anwerben könne.
Den beiden gelang es, ihre Partei von den Vorteilen des Golfplatzes zu überzeugen, und so kam dieses Thema als einer der Hauptpunkte in das Wahlprogramm.
Wie es bei solchen Planungen üblich ist, formierte sich bald eine Widerstandsgruppe, die aus den unterschiedlichsten Menschen bestand: Da waren zunächst einmal einige quer­köpfige Bauern, die ihr Dorf so erhalten wollten, wie sie es von ihren Vätern übernommen hatten. Dann gab es da noch die Menschen, die grundsätzlich jeden Eingriff in die Natur verdammten. Zu diesen gehörte auch Forstdirektor Traus­mann, dessen Stimme insofern ein besonderes Gewicht zukam, weil er zum einen der einzige Akademiker war und so über mehr Beredsamkeit verfügte als der Rest; zum anderen verwaltete er einen großen betroffenen Grundstücksbestand, der dem Staat gehörte. So wurde er zum Sprecher des neu gegründeten Vereins „Kein Golfplatz hier“.
In einer Gründungsversammlung des Vereins entwarf man einen Schlachtplan, wie man das Golfplatz-Projekt zu Fall bringen könne: Man würde geschlossen in die nächste Bürger­versammlung ziehen und eine Abstimmung beantragen, die man natürlich gewinnen würde, denn diese Veranstaltung erfreute sich keines großen Interesses und war immer nur spärlich besucht. Trausmann triumphierte schon im voraus und sagte, dass der Stadtrat es wohl kaum wagen werde, gegen den Beschluss der Bürgerversammlung dennoch den Golfplatz zu bauen.
Der Plan des Vereins hatte nur einen Fehler: Er blieb nicht geheim. Und so freute sich der Oberbürgermeister, seinem früheren Mitschüler, den er nie hatte leiden können, eins auswischen zu können. Er formierte also seine eigenen „Bataillone“: Parteimitglieder, deren Familienangehörige und Freunde sowie Gesinnungsgenossen, die „für den Fortschritt“ waren, sie alle lud er ein, unbedingt zur Bürgerversammlung zu kommen. Und als diese stattfand, konnte er bei der Abstimmung genüsslich feststellen, dass die meisten Bürger die richtige Entscheidung für die Zukunft der Stadt getroffen hätten:
„Und die Quertreiber sind – Gott sein Dank –  in der Minderheit geblieben“, fügte er hinzu und warf Trausmann einen triumphierenden Blick zu. Das hätte er nicht tun sollen, denn Trausmann konnte es nicht ausstehen zu verlieren, schon gar nicht gegenüber Leuten wie Müller, und so sann er auf Rache.
Er traf sich mit einem alten Bauern, über den er einmal gesagt hatte, der wüsste mehr über den Wald als die gesamten Forstwirtschaftler der Universität. Der Mann war also nicht nur intelligent, sondern auch vertrauenswürdig und verschwiegen. Er war also genau der Richtige, mit dem man einen guten Schlachtplan entwerfen konnte. Natürlich hatte dieser Bauer sich auch schon des öfteren Gedanken darüber gemacht, wie man das Golfplatzprojekt zu Fall bringen könnte: Er meinte, die reichhaltige Flora, die aus seltenen Pflanzen bestand, müsse doch ausreichen, um das ganze Gebiet unter Naturschutz zu stellen.
„Normalerweise schon!“ entgegnete Trausmann. „Nicht aber, wenn politische Interessen dahinterstehen. Da muss uns schon was Stichhaltigeres einfallen. Und weil ich gerade an Müller denke: Wie wär’s, wenn wir einen Frosch erfinden, den es gar nicht gibt: den blauäugigen Großmaulfrosch?“
„Gute Idee, aber ob wir damit durchkommen?“
„Probieren geht über studieren. Das ist unsere einzige Chance!“
Der Bauer hatte im Sommer Feriengäste auf seinem Hof, die er gelegentlich durch die forsteigenen Biotope führte. Dabei erklärte er ihnen die Besonderheiten der feuchten Auenlandschaft.
Als er wieder einmal mit einer Gruppe von Gästen unterwegs war, blühten gerade ganze Mengen von Iris. Es war die schönste Zeit für eine solche Führung. Und der Bauer wies die Gäste auf dies und jenes hin, was sie vielleicht sonst übersehen hätten: seltene Gräser und Blumen, hier einen Laubfrosch und dort einen Salamander. Die Gäste waren begeistert, denn die meisten von ihnen hatten diese Tiere noch nie in ihrem Leben gesehen.
Als sich die Gruppe einem Tümpel näherte, platschte gera­de ein Frosch ins Wasser, der durch das leichte Beben des moorigen Bodens aufgeschreckt worden war. Der Bauer gab sich ganz aufgeregt:
„Habt’s den g’sehn? Des war der blauäugige Großmaul­frosch! Wir hab’n g’meint, der wär‘ längst ausg’storb’n. Den letzten hat mein Großvater g’seh’n. Der hat ihn mir genau beschrieben. Und jetzt ist doch noch einer da. Des is wie a Wunder.“

    Natürlich hatten alle dieses Wunder beobachtet und hätten – wie halt die Leute so sind – geschworen, dass der Frosch tatsächlich blaue Augen und ein großes Maul gehabt hatte.
„Eigentlich g’hört so was in die Zeitung“, fand der Bauer, und eine Biologielehrerin, die an der Führung teilgenommen hatte, stimmte ihm eifrig zu. Der Bauer sah sie erfreut an und bat sie:
„Würden Sie so nett sein und das übernehmen. Sie können das viel besser als unsereiner, der mit dem Schreiben immer ein wenig auf Kriegsfuß steht.“
„Selbstverständlich gern“, erwiderte sie und setzte sich noch am selben Abend hin, um den Artikel für die Zeitung abzufassen.
Und dann konnte man tatsächlich zwei Tage später im Tagblatt lesen:
„Sensation! Blauäugiger Großmaulfrosch entdeckt!“
Der Bauer wunderte sich sehr, wie genau die Biologielehre­rin diesen eigentlich ja gar nicht existenten Frosch beschrieben hatte. Einen passenden Scherz hatte die Frau auch noch in dem Artikel untergebracht: Der blauäugige Großmaulfrosch sei sozusagen der Politiker unter seinen Artgenossen: er quake mehr und lauter als die anderen.
Natürlich wunderte sich auch Forstdirektor Trausmann, wie perfekt sein Plan funktionierte.
Alsbald kam ein Professor mit seinen Biologiestudenten aus der fernen Großstadt, um das seltene Tier zu besichtigen und zoologisch einzuordnen. Obwohl die Gruppe die ganzen Semesterferien in dem Biotop zubrachte, bekam sie den Frosch nicht zu sehen.
Trausmann sah seinen Plan schon scheitern, aber er hatte Glück: Aus der Tatsache, das man den Frosch nicht hatte finden können, schloss der Professor messerscharf, dass das Tier noch seltener sei, als angenommen, und er verkündete stolz, man werde die Nachforschungen nicht eher aufgeben, bis man den Frosch gefunden und kategorisiert habe; offen­sichtlich handele es sich um eine Art, die es nur hier gebe. Und dafür hatte der Professor auch schon eine Theorie, die mit dem Rückzug der Gletscher aus dem Voralpengebiet zusammenhing, die aber so kompliziert ist, dass ihre Wieder­gabe hier zu weit führen würde.
Wie Trausmann vorausgesehen hatte, wurde die ganze Umgebung des Dorfes unter Naturschutz gestellt. Ja, sie wurde sogar in die Liste besonders wertvoller Biotope der Europäischen Union aufgenommen.
Damit war das Schicksal des geplanten Golfplatzes besie­gelt.
Wie Politiker nun einmal sind, sah Müller keinen Anlass, von einer Niederlage zu reden, sondern sprach von einem Glücksfall, der die Region weit über die Grenzen hinaus bekannt gemacht habe. In der Tat kamen Naturfreunde aus aller Welt, um nach dem blauäugigen Großmaulfrosch zu suchen. Und das Seltsame an der ganzen Geschichte ist, dass immer wieder Leute aufgeregt berichteten, sie hätten ihn sogar gesehen – den blauäugigen Großmaulfrosch.
Auch Trausmann stellte fest, dass der Großmaulfrosch sich immer mehr ausbreitet, wenn auch nicht im Biotop, dafür aber in der Politik: er sitze tief im Sumpf und gebe mit seinem „Blabla“ Laute von sich, die dem Quaken eines Frosches sehr ähnlich sind.

12. Der Ordensträger


Eines der merkwürdigsten Phänomene der Bundesrepublik Deutschland ist, dass praktisch alle diejenigen, die in der Zeit des Nationalsozialismus‘ Führungspositionen inne hatten, auch in der neuen Demokratie wieder ganz oben waren – natürlich geläutert, oder genauer gesagt: entnazifiziert. Eigentlich sollte ja das Entnazifizierungsverfahren dazu dienen, die ehemaligen Nazis auszusortieren. Tatsächlich aber wurde dieses Verfahren von den Beteiligten so gehandhabt, dass aus den Nazis der Nationalsozialismus herausgefiltert wurde. So konnte der ehemalige Kommentator der Judenge­setze Staatssekretär in Bonn werden, denn er hatte im Hitler­regime natürlich nur mitgearbeitet, um Schlimmeres zu verhüten.
Auch die Kriegshelden waren wieder ganz vorne mit dabei, denn schneidige Burschen konnte man auch beim Wiederaufbau des Landes gut brauchen. Außerdem waren diese Leute beim Volk beliebt, denn man hatte sie als Vorbil­der aufgebaut, und so etwas vergaß man nicht so schnell.
Einer von diesen, die einst aus der Hand des „Führers“ persönlich sein Ritterkreuz empfangen hatten, war ein Mann, der hier Eduard Strasnitz genannt werden soll, denn das, was er unter dem Siegel der Verschwiegenheit seinem besten Freund erzählt hat, soll jedenfalls insoweit geheim bleiben, dass man nicht weiß, wessen Geschichte denn nun eigentlich hier erzählt wird.
Strasnitz hatte das Ritterkreuz dafür bekommen, dass er ganz allein ein feindliches MG-Nest „ausgehoben“ hatte. Nach seiner Schilderung war es allerdings nicht gerade eine Heldentat gewesen, die er vollbracht hatte. Er selbst hatte mit seinen Kameraden von seiner MG-Stellung aus den Gegner beschossen, bis eine Granate einschlug und alle tötete bis auf Strasnitz, der ohnmächtig mit ausgebreiteten Armen auf dem Wall lag, den er und seine Kameraden errichtet hatten, als sie in einem Erdloch Stellung bezogen hatten. Aber wie voraus­zusehen war, hatten weder das Loch noch der Wall einen ausreichenden Schutz bieten können.
Nach dem Granateinschlag besichtigten die Gegner kurz den Erfolg des Beschusses, doch mehr als eine oberflächliche Betrachtung wollten sie dem Ort des Grauens lieber nicht widmen. Sie zogen sich wieder zurück und legten sich nach den Anstrengungen, die hinter ihnen lagen, erst einmal schla­fen, da augenscheinlich keine Gefahr mehr drohte, denn insgesamt hatte sich nun die Front weit nach vorn verlagert, nachdem das letzte deutsche MG-Nest ausgeschaltet worden war.
Strasnitz wachte auf und überlegte, was er tun sollte. Gefangenschaft würde seinen sicheren Tod bedeuten – das hatte man ihm oft genug warnend gesagt, also entschied er sich fürs Kämpfen. Er schlich zur feindlichen Stellung und schlachtete die schlafenden Gegner mit dem Bajonett ab. Einzelheiten des grausigen Geschehens seien dem Leser erspart.  Immerhin wurde der Vorfall in den Zeitungen, die ja damals alle regierungstreu waren, in allen Details geschildert. „Einer gegen zehn!“ lauteten die Schlagzeilen über diese „Heldentat“.
Doch Strasnitz wurde nicht recht glücklich über dieses Lob, sondern hatte sein ganzes Leben lang Tag für Tag das grausa­me Geschehen von damals genau vor seinem inneren Auge.
Viele Jahre später erreichte er eines der höchsten Ämter in unserem Staat. Er war auch einer der bedeutendsten Redner im Deutschen Bundestag. Aber seinem Freund gegenüber bekannte er:
„Du glaubst nicht, welche Konzentration mich jede Rede kostet, denn genauso wie ich dabei an das Thema und die Formulierung des nächsten Satzes denke, genauso sehe ich die Menschen vor mir, die ich im Krieg getötet habe. Immer wieder habe ich die Tat gebeichtet und die Absolution erhal­ten, aber es nützt alles nichts: Ich komme nicht darüber hinweg. Ich lebe halt mit meiner Schuld so vor mich hin und tue meine Pflicht. Aber ich bin froh, wenn mein Leben vorbei ist!“
Sein Freund versuchte, ihn zu beruhigen: „Es war doch Krieg und das, was du gemacht hast, haben doch sicher Tausende getan.“
Aber Strasnitz wehrte ab: „Du kannst leicht reden, weil du nicht weißt, wie das ist. Ich denke mir oft, dass es besser gewesen wäre, wenn ich damals getötet worden wäre. Ich kann das alles einfach nicht mehr ertragen.“
Aber Gott hatte ihm ein langes Leben auferlegt: Er starb im Alter von 97 Jahren und betrachtete seine vielen Lebensjahre als sehr lange Bußzeit, die er wirklich durchlitten hatte. Bei seinem letzten Atemzug seufzte er: „Nun habe ich es gesühnt.“

13. Auf dem Bauernhof


Frank Rischard war entsetzt: Seine kleine Tochter Sophia hatte nicht nur eine lila Kuh gemalt, sondern hatte auch steif und fest behauptet, sie wisse genau, dass eine Kuh eben so ausse­he. Das Alter von Sophia sei hier diskret verschwiegen, denn der Irrtum, dem sie erlegen war, ist geradezu typisch für Kinder, die in der Stadt wohnen und Kühe nur von einer Schokoladenreklame kennen.
So fasste Rischard den Entschluss, den nächsten Urlaub auf einem Bauernhof zu verbringen. Solange seine Frau noch lebte, hatte die dreiköpfige Familie während der Ferien immer in besseren Hotels gewohnt. Gerade deshalb fand es Rischard gut, einmal in eine völlig andere Umgebung zu fahren, damit nicht vielleicht traurige Erinnerungen wach würden.
So fuhr also Rischard zum „Quartiermachen“ nach Tirol, nachdem er seine Tochter bei der Oma untergebracht hatte.
Er unternahm eine Skitour in einem abgelegenen Tal und schaute sich die prächtigen Höfe an, die an den schönsten Aussichtspunkten der Sonnenhänge lagen. Als er schließlich den höchstgelegenen Hof erreicht hatte, stach ihm ein etwas verwittertes Marienbild ins Auge, das über der Eingangstür hing. Während er es näher betrachtete, kam zufällig die Bäue­rin heraus.
„Das ist aber ein schönes altes Bild, das Sie da über der Tür hängen haben“, sagte Rischard. „Ich bin zwar kein Kunstex­perte, aber für mich als Laien ist es genauso großartig gemalt wie ein echter Holbein. Ich würde mir so ein wertvolles Bild ins Zimmer hängen, aber nicht draußen über die Tür, wenn ich mir diesen Rat erlauben darf.“
Die Bäuerin wehrte ab: „Das Bild hängt nun schon seit mehreren hundert Jahren dort und hat dem Haus immer Segen gebracht, und deshalb bleibt es auch dort, wo es immer war.“
„‚Seit mehreren hundert Jahren‘, sagen Sie. Dann wissen Sie vielleicht auch, wie das Bild da hin gekommen ist?“
„Der Überlieferung nach war einmal ein Maler auf dem Hof. Der war krank gewesen und ist hier herauf gekommen, um sich zu erholen. Er hat da droben im Heu geschlafen und ein wenig das Vieh gehütet. Als er dann wieder ganz gesund war, hat er zum Dank das Bild gemalt. Aber wie der Mann geheißen hat, das weiß ich nicht.“
„Ich mache Ihnen einen Vorschlag: In München beginnt demnächst die Ausstellung ‚Bayrische Frömmigkeit‘. Da ist auch Kunst aus Tirol mit inbegriffen. Ein Bekannter von mir organisiert das Ganze. Dem würde ich das Bild gern zeigen. Vielleicht habe ich doch recht und es ist etwas Besonderes.“
Rischard holte seinen Ausweis heraus und erklärte sich bereit, eine Kaution da zu lassen, aber die Bäuerin lachte und sagte:
„Wenn man da heroben wohnt, sieht man alles klarer. Das gilt auch für Menschen. Bei Ihnen brauche ich weder Ausweis noch Kaution. Sie müssen mir nur versprechen, das Bild in einer Woche wieder zu bringen. Wenn es länger weg wäre, bekäme ich Angst, dass uns der Segen fehlen könnte.“
Rischard konnte also das Gemälde mitnehmen und zeigte es seinem Bekannten. Der war ganz begeistert, als er nur einen kurzen Blick darauf geworfen hatte:
„Ich glaube: da wird es keinen Zweifel geben, wenn man es genauer untersucht: Das wirklich ist ein echter Holbein.“
Dies wurde dann auch durch eine Expertise bestätigt. Nachdem Rischard mit der Bäuerin kurz darüber gesprochen hatte, wurde das Bild restauriert und auf der Ausstellung gezeigt. Außerdem wurde eine Kopie gefertigt.
Mit beiden Bildern kehrte Rischard auf den Hof zurück und schlug der Bäuerin vor, die Kopie draußen über der Tür und das Original in der Stube aufzuhängen. Die Bäuerin war damit einverstanden, nachdem sie den wahren Wert des Gemäldes erfahren hatte.
„Darf ich Sie für Ihre Bemühungen zu einem Urlaub auf unseren Hof einladen, wenn Ihnen das nicht zu schlicht und einfach ist…?“ fragte sie.
„Ja gern, denn gerade deshalb bin ich ja damals zu Ihnen heraufgestiegen: Genau so einen Hof suchte ich, um mit meinem Kind Urlaub zu machen.“

Im folgenden Sommer kam Rischard dann mit seiner Tochter. Die war ganz aufgeregt, denn so ein Urlaub bedeutete für sie ein gewaltiges Abenteuer. Als Vater und Tochter über die Wiesen hinauf wanderten, war ihr doch ein wenig bang vor den großen Kühen, doch ihr Vater würde sie schon beschüt­zen. Darum schwand ihre Angst doch recht bald. Und als ihr die Bäuerin bei einer Begrüßungsbrotzeit die Kühe einzeln mit Namen vorstellte, schienen diese fast menschliche Züge anzu­nehmen:
„Schau mal, die da oben ist Soraya. Das ist noch eine ganz junge. Die hat immer Unsinn im Kopf. Dauernd muss sie ganz hoch hinaufsteigen. Oft habe ich sie schon irgendwo herunter holen müssen. Ich glaube sie denkt, dass sie eine Gams ist.“
Und so ging es weiter. Die Bäuerin erzählte noch, dass eine Kuh hochträchtig sei und vielleicht in der Nacht ein Kalb zur Welt bringen würde. Deswegen werde ihr Mann heute im Stall schlafen.
„Papa, darf ich auch im Stall schlafen?“ fragte das Mädchen.
Rischard schüttelte den Kopf und die Bäuerin sagte:
„Wir haben keine zweite Liege für den Stall, aber ich werde dich wecken, wenn es so weit ist.“
Sie hatte das so leichthin gesagt, ohne die Absicht zu haben, dies auch in die Tat umzusetzen, aber Rischard nahm sie beim Wort:
„Versprochen ist versprochen. Das können wir meiner Tochter nicht antun, dass wir sie durchschlafen lassen.“
Tatsächlich war es dann nachts so weit. Der Bauer weckte seine Frau und die wiederum ihre Gäste.
Es war eine schwere, schmerzhafte Geburt: Die Bäuerin hielt die Kuh an einem Strick und hatte ihren Kopf an den der Kuh gelehnt. Als der Kuh vor Schmerzen die Tränen herunter rannen, weinte sie mit, denn sie hatte sieben Kinder zur Welt gebracht und wusste, wie die Kuh litt: Der Bauer hatte nämlich schwere Arbeit zu leisten, um das Kalb mit einem sogenannten Kälberstrick heraus zu bringen.
Rischard hatte im ersten Augenblick Angst, dass er einen Fehler gemacht hatte, als er sein Kind mit in den Stall genom­men hatte, denn zunächst hatte es so ausgesehen, als wenn die Geburt übel enden würde – aber dann war das Kälbchen da und die Kuh schleckte ihr Neugeborenes ab. Das war eine Szene so voll von Frieden und Glück, dass er glaubte im Stall von Bethlehem zu sein. Und seine Tochter sagte:
„Danke, dass ihr mich mitgenommen habt. Ich habe etwas gesehen, was ich nie im Leben vergessen werde, weil es so schön war.“
Am anderen Morgen gab es noch eine große Überraschung: Auch eine Ziege hatte Junge bekommen, aber sie wollte eines der neugeborenen Zicklein nicht annehmen, weil es ihr als zu schwach erschien.
„Das ist nun einmal so in der Natur“, sagte die Bäuerin.
„Wir können das Kleine doch nicht sterben lassen“, protes­tierte das Mädchen. Und so durfte sie das Zicklein mit der Flasche aufziehen. Sie war ganz glücklich über jeden kleinen Fortschritt, den ihr Pflegling machte. Und als sich der Urlaub dem Ende zuneigte, war die kleine Ziege genauso gesund und munter wie ihre Geschwister.
Auf dem Hof war noch ein Tier, das eigentlich zuerst hätte genannt werden müssen, denn es war die „Hauptperson“. Dieser Ausdruck ist zwar normalerweise für ein Tier nicht angemessen, traf aber bei diesem kleinen Schäferhundwelpen den Nagel auf den Kopf, denn man hatte das Gefühl, alles würde sich um ihn drehen. Jeder spielte mit ihm und stellte allerhand Unsinn mit ihm auf. So biss der Kleine in alles, was ihm zum Spaß hingehalten wurde: in Schuhe, Hosen, Kissen, Holzscheite usw. Dabei führte er sich auf, als ob er einen Todfeind zu erledigen hätte. Er knurrte und biss in die alten Pantoffeln, die man auf dem Hof benutzte, bis sie aussahen wie nasse Lappen. Und jeder lachte über diese Scherze. Überhaupt fühlte sich der kleine Hund wie der Herrscher auf dem Hof. Er versuchte mit wüstem Gekläff, sämtliches sonstige Getier von dort zu vertreiben, wo er sich gerade aufhielt. Doch Soraya zeigte ihm seine Grenzen, indem sie ihm einen kräftigen Tritt verpasste, so dass er tagelang humpelte.
Als Rischard und seine Tochter sich von den Bauern verab­schiedeten, hätte das kleine Mädchen den Hund am liebsten mitgenommen. Die Bäuerin hätte ihn auch ohne weiteres hergegeben, denn sie hatte das Tier nur widerstrebend aufge­nommen, nachdem es bei einem Wurf auf dem Nachbarhof übrig geblieben war. Aber Rischard machte seiner Tochter klar, dass in ihrem Leben in der Großstadt ein solcher Hund keinen Platz hätte.
So verabschiedete sich das Mädchen schweren Herzens von seinen Tierfreunden, wobei es seinem Vater das Verspre­chen abnahm, im nächsten Jahr wieder hierher zu fahren.

Im Sommer darauf war alles anders. Als Richard mit seiner Tochter wieder auf den Hof kam und die Bäuerin begrüßte, sauste das Mädchen gleich davon, um nach den Tieren zu sehen. Enttäuscht kam sie zurück:
„Wo sind denn…?“
„Ich weiß schon, was du wissen willst“, unterbrach sie die Bäuerin. „Den Hund haben wir leider dem Jäger mitgeben müssen und erschießen lassen, denn der ist sehr bösartig geworden. Der hat die Leute gebissen und war richtig gefähr­lich. Weißt du: entweder erzieht man einen Schäferhund oder man spielt mit ihm, bis er Spaß und Ernst nicht unterscheiden kann. Dann muss man ihn eben wegtun.“
Dem Mädchen kullerten die Tränen aus den Augen. Dann rannte sie davon.
Der Vater sagte:
„Lassen wir sie. Sie muss das erst einmal verarbeiten.“
„Da gäbe es noch mehr zu verarbeiten“, meinte die Bäue­rin, „denn die Kuh und das Kälbchen haben wir an den Schlachthof verkauft, und das Zicklein haben wir zu meinem Geburtstag gebraten. Sie glauben gar nicht, wie gut das geschmeckt hat.“
„Um Gottes Willen fangen Sie bloß nicht vor meiner Toch­ter damit an.“
Das kleine Mädchen kam zurück mit einem Kätzchen auf dem Arm:
„Schau mal, Papa, wie süß es ist. Es schnurrt ganz laut. Ich glaube, es mag mich.“
„Warum sollte es dich nicht mögen? Alle mögen dich doch“, ergänzte der Vater.
„Meinst du auch, dass der Liebe Gott das Kätzchen gemacht hat, damit ich nicht mehr so traurig bin?“
„Ganz bestimmt!“
Und als Rischard später mit seiner Tochter Hand in Hand über die Wiesen hinunter zum Sonntagsgottesdienst ins Dorf hinunter wanderte, fiel ihm ein Satz ein, den er einmal zu seiner Frau gesagt hatte und den er halblaut vor sich hinmur­melte:
„Gelt, wir zwei sind ein tolles Team.“
Seine Tochter lächelte ihn an und sagte:
„Ja, aber so etwas muss man viel lauter und fröhlicher sagen!“
Und später in der Messe überkam Rischard plötzlich ein Gefühl großer Dankbarkeit, denn die Trauer, die sich wie ein eiserner Ring um sein Herz gelegt hatte, schien freundlicheren Erinnerungen an die Vergangenheit Platz zu machen, und auch der Blick in die Zukunft war auf einmal nicht mehr so trostlos.

14. Esoterik


Wahrscheinlich sagen die Frauen ja dasselbe über uns Männer, aber wir finden halt doch immer wieder, dass das weibli­che Geschlecht manchmal zu sehr merkwürdigen Einfällen neigt. Zu den Frauen, die hier gemeint sind, gehört auch Angelika Hinterstoisser. Sie werden sie gleich kennen lernen und ihr beipflichten, dass dieser Name weder zu ihr, noch zu dem passte, was sie so trieb. Weil nach ihrem Empfinden ihr Vor- und Nachnamen nicht recht zusammen passten und sondern irgendwie ein Widerspruch in sich zu sein schienen, hatte sie sich den „Künstlernamen“ Angèle Hoissier zugelegt (der französisch auszusprechen ist!), obwohl sie eigentlich nichts mit Kunst zu tun hatte, sondern mit jenem nebulösem Themenkreis, den man mit Parapsychologie, Geheimwissen­schaft, Esoterik und dergleichen beschreiben könnte.
Obwohl Angèle ihrem Künstlernamen nach eher zu den Engeln unter den Frauen zu zählen wäre, spürte sie doch plötzlich in sich die Berufung, eine Hexe zu werden. So etwas kommt bei Frauen öfter vor, seit in den Medien von solchen fraulichen Fähigkeiten die Rede ist.
Sie werden vielleicht finden: eine Hexe passt nicht in die moderne Gegenwart, sondern eher in „Hänsel und Gretel“. Aber Sie täuschen sich. Gerade in unserer aufgeklärten Zeit besteht ein großes Bedürfnis nach Zauberei und allem, was damit zusammenhängt: Da sind zunächst einmal die vielen Leute, die wissen wollen, wie es um ihre Zukunft steht, und die sich ihr Schicksal voraussagen lassen. Dann gibt es die Kranken, die ihre letzte Hoffnung auf eine solche weise Frau setzen. Und schließlich bilden die unglücklich Verliebten eine gewaltige Klientel jener Kräuterweiblein, die gewisse Tränke zu kochen oder zu mixen verstehen. All dies war Alltag für Angèle, aber es genügte ihr nicht.
Sie las in einem ihrer Lehrbücher, dass die Frauen, die sich heute wieder der Hexerei widmen, meist reinkarniert, also wiedergeboren sind, nachdem sie im Mittelalter als Hexen verbrannt wurden. Weiter entnahm sie dem Buch, dass man sich unter Hypnose in sein früheres Leben zurückversetzen lassen könne. Gerade dies wollte sie auch einmal ausprobie­ren. So suchte sie einen Mann auf, von dem sie in der Presse wahre Wunder gelesen hatte. Der riet ihr allerdings aus verschiedenen Gründen davon ab, dass sie sich im Zustand der Trance gleich ganz bis ins Mittelalter zurück versetzen lassen würde, sondern sondern fand, es reiche, wenn sie erst einmal beim Ursprung ihres eigenen Lebens beginne; schließ­lich müsse sie das Ganze ja auch seelisch irgendwie verkraf­ten, meinte er.
Angèle war einverstanden und als sie hypnotisiert worden war, rollte ihr Leben vor ihrem inneren Auge ganz von vorne ab: Sie sah ihre Eltern in jungen Jahren vor sich. Sie hörte ihren Vater die abgedroschene Frage stellen:
„Geh’n wir zu dir oder sehen wir uns lieber meine Briefmarkensammlung an?“
Ihre Mutter war nur zu gern bereit und fand:
„Bei mir sind wir schneller.“
Sie sah dann etwas angewidert ihre Eltern wie in einem Pornofilm: beim Entkleiden und beim … na ja, Sie wissen schon, was dann kommt.
Mitten in voller Aktion hielt ihre Mutter auf einmal für einen Augenblick inne und fragte:
„Sag mal, wie spät ist es eigentlich?“
Ihr Vater war über diese Frage nicht nur überrascht, sondern geradezu so verärgert, dass er vergaß, sich rechtzeitig zurückzuziehen, um das zu verhüten, was beide nicht wollten.
„Na, wenn das gut geht“, meinte ihre Mutter. „Ich habe zur Zeit meine gefährliche Phase.“
Es ging nicht gut: Sie wurde schwanger. Als sie darüber Gewissheit hatte, sagte sie ihm Bescheid. Und dann saßen sie beide da und stellten übereinstimmend fest: „So eine Scheiße!“
Angewidert erwachte Angèle aus ihrer Trance und sagte jedem, der es wissen wollte:
„Macht so was bloß nicht. Das Leben ist schon schwer genug. Da muss man sich nicht noch in frühere Zeiten zurückversetzen lassen und die auch noch durchleben. Irgendwo erreicht da jeder die Grenze seiner Belastbarkeit und wird vielleicht sogar verrückt.“
Angèle wurde zwar nicht verrückt, aber sie wurde niemals das Gefühl los, ein ungeliebtes Dasein zu fristen. Zu echter Lebensfreude war sie nicht mehr fähig, aber vielleicht ging es ihr so wie vielen anderen auch, die ihr Leben damit zubrin­gen, dass sie ihren Beschäftigungen nachgehen und in der Freizeit Ablenkung durch oberflächliches Amüsement suchen.



15. Tante Gisi macht das Internet kaputt



Ich habe eine ganze Reihe von Tanten gehabt, die alle ihre ganz besonderen Eigenheiten hatten: von merkwürdig bis bemerkenswert.
Tante Gisi war eher der bemerkenswerte Typ. Sie wird mir unvergesslich bleiben. Ich sehe sie noch vor mir sitzen: In ihrem von grauen Locken umspielten blassen Gesicht steckten zwei himmelblaue Kinderaugen, mit denen sie mich immer über ihre Lesebrille hinweg anschaute. Und diese Augen waren voll von Fröhlichkeit und Unternehmungslust, auch wenn Tante Gisi eigentlich eine „arme Haut“ war, wie man zu sagen pflegt. Im Krieg war ihr Haus von einer Bombe getroffen worden. Als man sie wider Erwarten lebend aus den Trümmern ausgegraben hatte, wurde sie gegen ihren energischen Protest ins Krankenhaus transportiert. Sie hatte nämlich eine klaffende Wunde und eine riesige Beule am Kopf und der Arzt fand, es müsse geklärt werden, ob ihr Gehirn Schaden genommen habe. Nachts entfloh sie allerdings wieder aus der Klinik, nachdem ihre Wunde genäht worden war, denn sie fürchtete, sie könnte sehr schnell in einer Gummizelle landen, wenn sie erst einmal den Neurologen in die Hände fallen würde. Nachdem nun ihr Haus zerstört war, wurde sie vom Wohnungsamt in einer Souterrain-Wohnung untergebracht, die sich allerdings als unbeheizbares Kellerloch erwies. An den Wänden blühten Eiskristalle, was zwar wunderschön aussah, aber leider zur Folge hatte, dass Tante Gisi so schlimm an Rheuma erkrankte, dass sie schließlich ins Altersheim musste. Hier befiel sie immer häufiger die Angst, dass sie nun in geistiger Hinsicht ebenso abbauen könnte wie körperlich.

„Das kann doch nicht ohne Folgen geblieben sein, wenn mir ein Haus auf den Kopf gefallen ist“, sagte sie öfter und fragte mich gelegentlich, ob ich fände, dass sie noch normal sei. Ich antwortete ihr dann immer:

„Nein, du bist nicht normal. Du bist ganz außergewöhnlich!“
Aber sie zitierte dann immer unter Anspielung auf ihr Rheuma den Spruch der alten Römer: „Mens sana in corpore sano“ und schloss daraus, ihr Gehirn müsse also genau so hinfällig sein wie ihr Körper. Ich tröstete sie mit dem Hinweis, dass dieses Zitat unvollständig sei, weil das Wort „sit“ (deutsch: „sei“) fehle: Die Römer hätten also nicht festgestellt, sondern nur gewünscht, dass ein gesunder Geist in einem gesunden Körper wohnen sollte. Als wir wieder einmal im Gespräch auf dieses Zitat kamen, überraschte sie mich mit der Frage, ob ich noch aus meiner Schulzeit Cäsars „Gallischen Krieg“ besitzen würde.
„Ja, aber was willst du denn damit?“ fragte ich erstaunt.
„Na, was wohl? Latein lernen natürlich. Mit irgendwas muss man sich ja hier im Heim beschäftigen.“
Die Familie belächelte diese Idee als typisch für Tante Gisi und keiner glaubte, dass bei ihrem Lateinlernen etwas heraus kommen würde. Aber dann staunten alle nicht wenig:
Nach etwa einem Jahr hatte sie tatsächlich den „Gallischen Krieg“ ausgelesen – natürlich in Latein – und sie hatte diese Lektüre, mit der ich mich in meiner Schulzeit nur widerwillig gelangweilt hatte, zu meiner Überraschung spannender gefunden als jeden Krimi.
Nun suchte sie neue Herausforderungen. Als ich sie wieder einmal besuchte, beauftragte sie mich, ihr einen Computer zu kaufen. Ich verkniff mir die Frage, ob es sich noch lohne, im Alter von weit über 80 Jahren mit einem PC zu beginnen, und meinte vorsichtig:
„Bedenke bitte, dass du keinen Kurs in der Volkshochschule besuchen kannst. Du musst also alles selber lernen.“
„Warum nicht? Ich bin ja nicht blöd‘! Wenn ich so mit kriege, wer von meinen Bekannten ins Internet geht – da kann ich nur sagen: Ich bin auch nicht dümmer.“
Wir besprachen dann die Sache genauer. Sie war von ihrer Idee nicht abzubringen und entschied sich für ein Laptop, weil sie häufig im Bett lag.
Sie wünschte sich, wie ich nicht anders erwartet hatte, natürlich ein Notebook von Apple, denn das gefiel ihr am besten. Sie war der Überzeugung, vom äußeren Erscheinungsbild eines Computers auf sein Innenleben schließen zu können, und so war meine Idee, ihr für den Anfang ein billigeres Gerät vorzuschlagen, von vornherein zum Scheitern verurteilt. Nachdem ich das Notebook gekauft und bei ihr abgeliefert hatte, freute sie sich wie ein Kind, dem soeben sein Lieblingswunsch erfüllt worden ist. Ich sehe sie heute noch vor mir, wie sie geradezu zitternd vor Begeisterung mit den Händen über dem Paket herum wedelte.
„Das ist ja heute ein Tag wie Weihnachten!“ jubelte sie.
Sie packte das Paket, das ich ihr mitgebracht hatte, sorgfältig, ja geradezu andächtig aus und ließ sich dabei nicht helfen, denn sie wollte selber genau sehen, was sie da alles bekommen hatte. Sie entließ mich ziemlich schnell mit dem Bemerken, sie habe ja nun unheimlich viel zu tun.
Ich bot ihr meine Hilfe an beim Einrichten des Notebooks und bei den ersten Schritten. Aber sie lehnte ab, denn sie wollte erst einmal in aller Ruhe die Gebrauchsanleitung lesen.
Zu Hause staunte ich nicht wenig: Beim Abrufen meiner Mails war auch eine Nachricht von Tante Gisi dabei:


„Lieber Peter,


ich bin so glücklich, dass ich es geschafft habe, mein Notebook in Betrieb zu setzen. Es war ganz einfach, weil gleich auf dem Monitor eine Anleitung erschien, die alles ganz genau erklärt hat, so dass auch Leute wie ich damit zurecht kommen können.
Nun bin ich so aufgeregt, dass ich wohl heute Nacht gar nicht schlafen kann. Ich werde wohl dauernd im Internet „surfen“, wie man zu sagen pflegt. Du siehst, ich bin schon eine richtige „Userin“ geworden und kann – wie Du wohl jetzt gemerkt hast – sogar schon mit den Fachausdrücken um mich werfen.
Viele Grüße und nochmals vielen Dank
Deine Tante Gisi.“


Ich antwortete ihr natürlich gleich mit einer netten Mail und lobte sie überschwänglich.
Am nächsten Tag war ihre Freude vorbei: Das Telefon läutete. Tante Gisi war dran und weinte bitterlich. Sie konnte zuerst gar nicht reden vor lauter Schluchzen. Nach ein paar tröstenden Worten brach es aus ihr heraus:
„Ich habe das Internet kaputt gemacht! Komm bitte ganz schnell her!“
Ich versuchte, sie zu trösten, indem ich sagte, das Internet halte schon etwas mehr aus als die Attacken einer alten Dame.
Sie erwiderte:
„Wir haben hier eine Computer-Expertin. Das ist Schwester Mathilde. Die kennt sich wirklich gut aus und die hat eindeutig festgestellt, dass das Internet kaputt ist, seit ich da rein gegangen bin.“
„Also ich schau mir das mal an“, sagte ich und war schon kurz darauf bei ihr.
Vor ihrer Zimmertür hielt mich eine andere Bewohnerin des Altenheims auf und sprach mich an:
„Sind Sie der Computerexperte, der das Internet reparieren soll? Reden Sie der Frau da drinnen mal ordentlich ins Gewissen. Die hat geglaubt, sie könne so ganz einfach ohne einen Kurs bei der Volkshochschule ins Internet gehen. Unglaublich!“
Das war der Zeitpunkt, Tante Gisi beizustehen. Ich erklärte der alten Dame, dass ich das Internet an diesem Tag schon durch gecheckt und alles in Ordnung gefunden hätte.
„Und wieso geht dann mein Computer auch nicht?“
„Da will ich ja nun gerade feststellen“, antwortete ich. „Aber geben Sie bitte nicht dieser Frau hier die Schuld. Sie ist ja so unglücklich, dass sie geweint hat, als sie mich gerufen hat.“

Ich klopfte an Tante Gisis Zimmertür und als ich eintrat, saß sie geröteten Augen auf dem Rand ihres Betts.
Ich begrüßte sie und tröstete sie:
„Nun reg‘ dich mal gar nicht auf. Jetzt schaue ich mir mal an, was los ist.“
Ich schaltete ihr Notebook ein – und tatsächlich kam ich nicht ins Internet.
„Server nicht gefunden“, stand auf dem Schirm.
Ich erklärte Tante Gisi, dass nicht das Internet kaputt sei, sondern nur ihre Verbindung dorthin nicht funktioniere. Die Ursache war schnell gefunden: Ich suchte Schwester Mathilde auf, die in der Telefonvermittlung saß. Dort herrschte ein wüstes Gewirr der verschiedensten Kabel und ich bemerkte, dass ein Stecker lose in den Leitungen hing. Ich fragte die Schwester, ob das so in Ordnung sei. Sie erwiderte erschrocken:
„Natürlich nicht! Kein Wunder, das das Internet nicht geht.“ Sie steckte das Kabel in die Steckdose und ich ging zurück zu Tante Gisi um ihr zu melden:
„Befehl ausgeführt! Internet repariert!“
„Ach Quatsch! Mit so was macht man keine Witze. So schnell kann das doch gar nicht gehen.“
„Bei mir schon!“
„Na dann schauen wir mal, ob du nur Sprüche machst.“
Sie setzte ihr Notebook in Betrieb und als sie ins Internet kam, stieß sie einen Freudenschrei aus und hopste trotz ihres Rheumas vor Begeisterung auf ihrem Bettrand herum.
„Du bist der Größte. Das musst du von mir haben!“
Sie schrieb mir eine Liste von Altenheiminsassen auf, die alle einen Computer hätten, und beauftragte mich, überall Bescheid zu sagen, dass das Internet wieder funktioniere.
Ich machte also meine Runde, wobei ich immer wieder betonte, dass Tante Gisi mit dem Ausfall des Internets nichts zu tun gehabt habe, sondern der Fehler in der Zentrale des Hauses gelegen habe. Ich meldete stolz, dass ich den Fehler gefunden und behoben hätte.
Ich bekam einen Haufen Trinkgeld, sogar ein Hunderter war dabei. Er stammte von einer alten Dame, die auf mein Zögern erklärte:
„Nehmen Sie‘s nur. Ich kann es ja sowieso nicht mit ins Grab nehmen.“

Natürlich überzeugte mich dieses Argument.

Inzwischen habe ich doch ein bisschen Gewissensbisse, weil ich Tante Gisi bei ihrem Notebook so unterstützt habe. Als ich kürzlich im Internet surfte, erschien plötzlich auf meinem Schirm eine rote Schrift:
„Hackerattacke von Tante Gisi!“
Ich war von den Socken! Als ich dann mit meinem PC meine wissenschaftliche Arbeit weiter schreiben wollte und die Worte eingab: „Das Problem der ungleichen Verteilung…“, erschien auf dem Schirm ein völlig anderer Text: „Komm zum Kaffee zu Deiner Tante Gisi!“ Ich rief gleich bei meiner Tante an. Sie entschuldigte sich reuig und erzählte mir, dass der Neffe einer Heiminsassin ein bekannter Hacker sei, der sogar schon Banken beraten habe. Bei dem nehme sie zur Zeit Privatstunden und sie fügte hinzu:
„Schade, dass ich schon so alt bin. Noch nie war die Welt so voller Wunder wie jetzt.“
Ja wirklich! Tante Gisi war auch so ein Wunder. Das merkte ich auch kürzlich in einem Elektromarkt. Als ich mir dort einen neuen Fernseher kaufte, gab ich dem Verkäufer für die Rechnung meine Anschrift an. Als er sie hörte, stutzte er kurz und fragte:

„Sind Sie verwandt mit einer alten Dame gleichen Namens, die im Rollstuhl sitzt?“

Ich befürchtete das Schlimmste und verneinte die Frage.

Darauf antwortete den Verkäufer:

„Dann seien Sie froh. Die kommt gelegentlich her und will Verschiedenes wissen, von dem ich keine Ahnung habe. Die Frau kennt sich besser aus als ich.“

Aber jetzt hat der Mann seine Ruhe: Tante Gisi ist plötzlich gestorben, und es kommt mir so vor, als wenn ein bisschen weniger Farbe in der Welt ist.

16. Tödliche Langeweile

Ich habe zur Zeit eine geradezu tödliche Langeweile, wobei mir zunächst gar nicht bewusst war, dass dies nicht nur so dahin gesagt war, sondern dass das Wort „tödlich“ zur Wirklichkeit werden würde. Vor fünf Jahren, als ich noch arbeitete, fand ich das Leben zwar weniger langweilig, aber dafür fühlte ich mich unwohl und sah mich vor meinem inneren Auge immer als eine Art Hamster in einem Laufkäfig.

Ich hatte also die Wahl zwischen Unwohlsein und Langeweile und habe mich, wie es mir wohl jeder nachfühlen kann, für die Arbeitslosigkeit entschieden, die einem ein bequemes und – mit ein wenig Nebeneinkünften – auch auskömmliches Leben ermöglicht. Und so sitze ich manchmal da und denke über mich nach: Ich habe nun mit meinen 22 Jahren alles hinter mir: Alkohol, Drogen, Weiber… Aber das kann doch nicht alles gewesen sein! Da muss es doch noch etwas geben: Gott oder so!

Also das mit Gott habe ich mir natürlich schon etwas genauer durch den Kopf gehen lassen, doch bin ich zu dem Schluss gekommen: Ich werde nie ein Weihwasserfrosch, denn ich finde, das ist eher was für kleine Kinder und alte Leute. Ich kann mit Gott nichts anfangen und habe ihn daher aus meinem Leben gestrichen. Ich brauche ihn nicht und er mich sowieso nicht, wenn es ihn denn wirklich geben sollte. Und seine Bibel nützt mir auch nichts, denn ich kann ihr nicht entnehmen, was Leute in meiner Lage nun anfangen sollen. Ich brauche nämlich irgendeinen besonderen Kick, und über so etwas hat Jesus nichts gesagt und Buddha übrigens auch nicht. Der grinst und schweigt. Ich bin also ein Suchender, und „Wer suchet, wird etwas finden“, pflegt man zu sagen und so ist mir jetzt etwas eingefallen, etwas ganz Besonderes.

Die Idee ist mir gekommen, als ich meiner Lieblingsbeschäftigung nachging und aus dem Fenster schaute. Ich mache es mir dabei immer so richtig gemütlich, wie es die alten Rentner tun: mit einem Kissen auf dem Fensterbrett. Und dann studiere ich die vielen Passanten auf der Straße, am liebsten natürlich die jungen Frauen, wie sie so daher kommen: Die einen tippeln mit einem wohl trainierten Gang durch die Straße: Sie wiegen sich beschwingt in den Hüften – und das ist nicht das Einzige, was schwingt. Sie sind es, die mir das Aus-dem Fenster-Schauen zur Gewohnheit werden ließen. Und dann gibt es noch die vielen anderen Frauen, bei denen ich lieber wegschaue: Am schlimmsten sind die, die ich „Maschinengewehre Gottes“ getauft habe, also solche, die mit klackenden Absätzen in einem wüsten Stakkato ihrem Büro oder Geschäft zustreben. Männer sind da anders: Die Berufstätigen eilen zu ihrem Arbeitsplatz und sind daran zu erkennen, dass sie einheitlich schwarze Anzüge als eine Art Uniform tragen und sich nur die Freiheit nehmen, bei der Krawattenfarbe zwischen lila und blau zu wählen. Arme Schweine! denke ich mir immer, aber am ärmsten unter den Männern sind die Typen dran, die es unter den Frauen nicht gibt: Ich rede von jungen Burschen, die so daher kommen, dass man schon äußerlich erkennt, wer sie sind: „Loser“, also Strandgut der Gesellschaft. Dies bringen sie auch in ihrem Outfit zum Ausdruck: bunte Haare, Irokesenhaarschnitt oder eine blöde Mütze, gepierct und tätowiert, meist eine Bierflasche in der Hand und eine Zigarette im Mundwinkel… Auch sie haben sich meist als Kontrast zu den Berufstätigen uniformiert, nämlich mit Hosen, deren Schritt zwischen den Kniekehlen hängt und den Eindruck erweckt, sie hätten hinein …

Sie denken: ich schweife ab? Nein, ich musste ein wenig ausholen, um auf mein Thema zu kommen. Die „Loser“, die ich gerade beschrieben habe, sind doch Leute, die einfach keine Daseinsberechtigung haben. Nachts schleichen sie herum, besprühen Häuserwände mit Parolen oder Schweinereien, zerkratzen Autos oder zünden sie sogar an. Diese Leute gehören weg. Und ich habe beschlossen, das zu erledigen.

Das musste natürlich sorgfältig geplant werden. Als ich im Sommer in Kroatien beim Baden war, traf es sich gut, dass meine Pensionswirtin von ihrem verstorbenen Mann eine ganze Waffensammlung geerbt hatte und sich freute, als ich ihr ein Jagdgewehr abkaufte.

Nach meiner Rückkehr heckte ich einen Plan aus, auf den ich stolz bin, denn er kann mit Fug und Recht als das perfekte Verbrechen bezeichnet werden:

Ein Haus in unserer Straße wurde total saniert, und die Wohnungen, die nun leer standen, waren zur Vermietung ausgeschrieben. Ich setzte mich mit dem Hauseigentümer in Verbindung und gab vor, Interesse zu haben. Er führte mich durchs Haus. Ich entschied mich für ein nobles Atelier im obersten Stockwerk und erfreute den Mann mit der Bemerkung, dass ich die geforderte Wuchermiete angemessen fand und nicht versuchte, den Preis zu drücken. Allerdings fügte ich hinzu, ich müsse die Wohnung noch meiner Frau zeigen. (Ich habe natürlich in Wirklichkeit keine Frau – wozu auch?) Da der Vermieter auswärts wohnte, vereinbarten wir, dass er mir einen Wohnungsschlüssel da ließ und ich ihm diesen dann zuschicken würde, wenn ich meiner Frau die Wohnung gezeigt hätte.

Ich ließ mir einen Zweitschlüssel machen und sandte das Original dem Vermieter in einem Brief zurück – vorsichtshalber mit falschem Absender: Leider gefalle die Wohnung meiner Frau nicht, so schrieb ich dazu.

Obwohl das, was ich bisher getan hatte, eigentlich nichts Besonderes war, war ich doch schon recht aufgeregt. Würde ich den Mut aufbringen, meinen Plan weiter zu verfolgen oder würde ich am Ende als Feigling vor mir selbst da stehen?

Mir fiel ein Krimi ein, in dem die Mafiosi ihre Gewehre in Geigenkästen verstaut hatten. Genau so würde ich auch mein Gewehr vom Auto aus in die leer stehende Wohnung transportieren. Ich kaufte also einen Geigenkasten, dem ich allerdings gleich ansah, dass er kürzer war als mein Gewehr. Aber auch da hatte ich einen guten Einfall: Ich entfernte erst einmal die Innereien aus dem Instrumentenkoffer und bohrte dann oben ein Loch für den Lauf. Nachdem ich das Gewehr hinein gepackt hatte, tarnte ich das Laufende mit einer bunten Troddel. Das sah recht lustig aus, und niemand würde auf die Idee kommen, dass ich im Begriff war, ein überflüssiges Menschenleben auszulöschen.

Ich merke gerade, dass ich mich hier zu sehr bei den Vorbereitungen aufhalte, und schreite nun also gleich zur Tat:

Ich ging in die Atelierwohnung und musterte genau die Fenster der gegenüberliegenden Straßenseite: Überall waren die Stores zugezogen. Niemand beachtete mich also. Ich öffnete ein Fenster gerade so weit, dass der Lauf meines Gewehrs hindurch passte.

Dann musste ich schnell handeln: Durch mein Zielfernrohr sah ich einen jugendlichen Penner durch die Straße schwanken. Ich drückte ab und der Mann fiel um wie eine Figur in einer Schießbude auf dem Oktoberfest.

Gewehr einpacken, Deckel des Geigenkastens zu, Troddel auf den Lauf setzen – waren eins. Und schon sauste ich durchs leere Treppenhaus hinunter. Draußen mischte ich mich betont langsam unter die Passanten. Etliche schickten sich gerade an, neugierig den erschossenen Mann zu besichtigen. Ich tat dies nicht, denn ich hatte keine Gewissensbisse und wollte mir beim Anblick des Toten auch keine holen.

Ich ging nach Hause und widmete mich wieder meiner Lieblingsbeschäftigung: Ich schaute aus dem Fenster. Auf der Straße war nun allerhand los: Ein Krankenwagen, ein Polizeiauto und der Notarzt kamen mit Blaulicht herbei gerast. Erst herrschte eine hektische Betriebsamkeit. Dann aber, als feststand, dass dem Erschossenen nicht mehr zu helfen war, begannen die Kriminalbeamten ihre präzise Ermittlungsarbeit. Einer kam vor unser Haus, wo nun etliche aus den Fenstern hinunter schauten. Er rief herauf, ob jemand etwas gesehen habe. Alle – auch ich natürlich – verneinten dies. Interessant zu beobachten war, dass die Beamten aus der Lage des Toten und dem Einschusskanal präzise schlossen, dass die tödliche Kugel aus einer der Neubauwohnungen gekommen sein dürfte. Die Beamten durchsuchten daher das Gebäude. Ich hatte genug gesehen und setzte mich vor den Fernseher.

Nachts schlief ich sehr gut, allerdings nur kurz, denn in aller Frühe läutete die Türglocke. Ich konnte mir nicht vorstellen, wer da kommen würde, denn normalerweise besuchte mich niemand. Wenn es einmal läutete, waren es fast immer Kinder, die auf diese Weise den Leuten einen Streich spielten. So entschloss ich mich, die Tür gar nicht erst zu öffnen. Als dann aber das Läuten intensiver wurde, zog ich mir meinen Bademantel über, schaute aus dem Fenster und sah meinem Entsetzen die Polizei unten vor der Haustür stehen. Eine Beamtin bemerkte mich und rief:

„Polizei, bitte machen Sie auf!“

Mit schlotternden Knien ging ich in den Flur meiner Wohnung und drückte mit zittriger Hand auf den Türöffner.

„Ruhe bewahren!“ dachte ich.

Die Beamten kamen die herauf, wobei ihr festes Schuhwerk auf der Holztreppe sich nach drohendem Unheil anhörte. Es waren ein Mann und eine Frau: Der Polizist schaute etwas muffig drein, aber seine Kollegin, die rein optisch betrachtet zu schade für ihre Uniform war, schaute mir fest in die Augen und sagte:

„Jetzt seien Sie ehrlich! Haben Sie uns etwas zu gestehen?“

Ich bemühte mich, die Fassung zu bewahren und fragte:

„Wie sind Sie denn auf mich gekommen?“

„Ich stelle hier die Fragen!“ sagte die Frau mit einer künstlichen Strenge, die gar nicht zu ihr passen wollte. „Wo ist denn Ihr Auto?“

„Vor dem Haus!“

„Dann ziehen Sie sich was an und kommen Sie mit!“

Mir fiel ein, dass das Gewehr noch im Auto war, weil ich am Tag zuvor zu faul gewesen war, es in einem See zu versenken. Ich musste ja unbedingt fernsehen.

Am Auto angekommen wusste ich: Mein Spiel war aus. Ich öffnete den Kofferraum, deutete auf das Gewehr und sagte:

„Da haben Sie, was sie suchen!“

„Vielen Dank! Aber das haben wir gar nicht gesucht. Wir fahnden eigentlich nach einem Unfallflüchtigen, der eine Frau tot gefahren hat, und darum überprüfen wir alle neuen weißen VW Golf GTI.“

Verdammt! Wie kann man nur so blöde sein wie ich. Nun sitze ich in einer Zelle und denke nach. Gibt es doch einen Gott und hat der mich bestraft?

Gerade war ein junger Anwalt da, den man mir als Pflichtverteidiger bestellt hat. Er ist ein raffinierter Jurist, der alle Tricks drauf hat. Als ich ihm meine Version der Tat erzählte, sagte er :

„Um Gottes Willen! Da wird Sie der Psychiater für unzurechnungsfähig erklären und Sie werden in eine Anstalt eingewiesen. Wer weiß, wann sie da wieder raus kommen. Wenn Sie aber sagen, Sie hätten mit dem Gewehr nur so ein bisschen spielerisch die Leute durchs Zielfernrohr angeschaut und dabei habe sich ein Schuss gelöst: Dann ist das fahrlässige Tötung und wenn Sie sich reuig geben, sich entschuldigen oder sogar ein wenig weinen können, besteht sogar die Chance, dass Sie Bewährung bekommen.“

Das ist ja nun doch wieder ein Lichtblick und so übe ich zur Zeit Reue ein. Das ist für mich gar nicht einfach, den ich spüre weder Schuld noch das Bedürfnis zu sühnen. Warum auch? Ich habe ja nur eine Aufgabe erledigt.

​17. Das letzte Original

Ich sah ihn – oder besser gesagt: – erlebte ihn erstmals in St. Bartholomä. Sie kennen doch sicherlich diesen weltberühmten Wallfahrtsort am Königssee mit dem kleinen Kirchlein, dessen rote Kuppeln vor der gewaltigen grauen Watzmannostwand eines der beliebtesten Fotomotive darstellen.

Wie es sich für eine Wallfahrtskirche gehört, liegt nebenan ein malerisches Gasthaus, in dem man es sich gut gehen lassen kann. Jedes Jahr kommen viele Touristen aus aller Herren Länder, um dieses herrliche Stückchen Erde mit seinem einmaligen Gotteshaus zu bestaunen.

Auch ich war wieder einmal an diesem meinem Lieblingsort. Ich kam von einer Bergtour zurück und hatte genug von der Sonne. Ich setzte mich daher nicht in den überfüllten Biergarten des Gasthauses, sondern in das Jagdzimmer, wo zu meinem Erstaunen eine ganze Gruppe von Touristen beisammen saß. Die Leute hatten die Tische zusammen gerückt und hörten sich staunend an, was ihnen ein Typ erzählte, der irgendwie kostümiert aussah, als würde er einen Wilderer in einem Heimatfilm darstellen: Er trug eine grüne bayrische Tracht mit einem merkwürdigen großen grünen Schlapphut, den er trotz der Hitze nicht abgelegt hatte. Unter breiten Krempe seiner urigen Kopfbedeckung blitzen ein paar lustig-listige Augen heraus. Der Rest des Gesichts war von einem wilden schwarzen Vollbart verdeckt. Während er sprach, wippte eine lange gebogene weiße Feder auf seinem Hut und seine Zuhörer hingen fast so andächtig an seinen Lippen, als ob sie in der Kirche eine ergreifende Predigt anhören würden.

Ich grüßte kurz und der Mann erwiderte meinen Gruß mit einem merkwürdigen, kaum merklichen Augenzwinkern, als wollte er sagen:

„Wir zwei gehören doch zusammen. Lass mich nur machen!“

Er hatte wohl an meiner Ausrüstung gemerkt, dass ich Bergsteiger bin und dass ich über das, was er erzählte, eigentlich nur lachen konnte:

„Ich komme gerade aus der Watzmannostwand“, erzählte er. „Im unteren Teil, wo noch Latschen wachsen, bleiben oft die Gämsen nach ihrem Winterschlaf mit ihren Krickerln, als den Hörnern, hängen, und da muss ich dann hinaufsteigen und sie befreien – ein lebensgefährlicher Job – und schlecht bezahlt obendrein.“

Dieses offene Eingeständnis seiner desolaten Finanzverhältnisse brachte ihm ein Glas Schnaps ein, das einer der Touristen spendierte.

Er zeigte auf einen langen Wanderstab hinter sich, der am oberen Ende eine kleine Astgabel aufwies:

„Damit hake ich die Tiere los.“

„Und wie spüren Sie denn diese armen Tiere auf?“ fragte eine ganz faszinierte Zuhörerin.

„Nun, das ist ganz einfach! Die Gämsen schreien halt in ihrer Not. Haben Sie nicht auch schon so einen Schrei gehört?“

Die Leute schüttelten den Kopf.

Die erwähnte Zuhörerin schaute ihn bewundernd an und sagte:

„Sie sind doch Jäger, und ich dachte immer, dass Sie da auf Tiere schießen müssen.“

„Nein, nein, im Gegenteil! Wir Jäger sind in erster Linie Heger: Wir kümmern uns um die Tiere. Sie würden ja verhungern, wenn wir sie nicht im Winter füttern würden. Wir erschießen nur die kranken und verletzten Tiere, um ihnen das Leiden zu ersparen. Da haben sie es besser als wir Menschen. Sonst aber schauen wir halt in unserem Revier nach dem Rechten. Ich will Ihnen da mal ein Beispiel geben…“

Er schaute zu mir herüber mit einem Blick, der zu sagen schien:

„Wehe, wenn du dich einmischt!“

Er machte eine Kunstpause, um die Spannung zu erhöhen, und fuhr dann fort:

„Heuer waren die Zugvögel zu spät dran. Der Winter ist zu plötzlich herein gebrochen. Als die Vögel hier ankamen, machten sie auf dem schon zugefrorenen Königssee Rast, um Kräfte zu sammeln für den Flug über die Berge. Aber als sie wieder starten wollten, konnten sie nicht weg fliegen, weil ihre Füße angefroren waren. Ich habe deshalb eine Motorsäge geholt und das Eisstück, auf dem sie sich niedergelassen haben, ausgesägt. Und dann habe ich einmal in die Luft geschossen mit dem Erfolg, dass alle Vögel gleichzeitig los geflogen sind – mit der Eisscholle an den Füßen. So sind sie schließlich in Italien angekommen, wo die Leute nur so gestaunt haben.“

Dann sprach er einen der Zuhörer an, der ihn etwas skeptisch anschaute:

„Das stand dann sogar in der Zeitung. Haben Sie das nicht auch gelesen?“

Der Zuhörer schüttelte den Kopf, aber die Zweifel schienen ihm vergangen zu sein.

Der „Wilderer vom Silberwald“ hatte sein Pulver noch nicht verschossen:

„Waren Sie schon in der Kirche? Die ist von König Ludwig erbaut worden. Der war oft und gerne hier, und wenn er kam…“

„Halt, halt!“ rief jetzt einer der männlichen Zuhörer dazwischen. „Das stimmt doch gar nicht. Die Kirche stammt aus dem Jahr 1134 … steht hier in meinem Führer und sie ist in ihrer jetzigen Form schon 1697/98 errichtet worden.“

Der Wilderertyp musterte den Zwischenrufer streng und sagte:

„Geben Sie mal her!“ wobei er auf den Kunstführer deutete, den der Mann in der Hand hielt. Dann las er kurz darin und meinte mitleidig:

„Aha! Ein Reclam-Führer! Und Sie glauben, was da drin steht?“ Er warf einen Blick hinein und fuhr fort:

„Hier steht, dass König Ludwig die Kirche restauriert haben soll. Ja, unser König war halt so bescheiden, dass er nicht als Spender und Erbauer in die Geschichtsbücher eingehen wollte. Außerdem fand er es besser, wenn die Kirche ein ehrwürdiges Alter hätte, und so kam das zustande, was Sie in Ihrem Führer gelesen haben. Aber das ist wissenschaftlich längst überholt.“

Die Zuschauer staunten über das profunde Wissen des vermeintlichen Jägers, der nun zu einer neuen Geschichte anhob:

„…Wo war ich noch gleich stehen geblieben. Ach so! König Ludwig kam im Winter mit dem Pferdeschlitten von München an den Königssee. Er fuhr immer bei Nacht. Und vorn und hinten ritten Fackelträger. Auf einem Gemälde in der Pinakothek ist das dargestellt – märchenhaft, sage ich Ihnen. Von Schönau aus ließ sich der König in einem goldenen Nachen über den See rudern, und dann hat er hier in der Stube über Ihnen (er deutete mit dem Zeigefinger nach oben) übernachtet. Natürlich musste sein Bett mit einem Ziegelstein vorgewärmt sein und eine Jungfrau musste ihn schon erwarten…“

Wieder wurde er von einer Frau unterbrochen:

„Und ich dachte, der König wäre schwul gewesen.“

„So ein Unsinn!“ Er deutete auf das König-Ludwig-Bild, das hinter ihm in der Stube hing und sagte zu der Frau:

„Jetzt frage ich Sie: Sieht so ein Schwuler aus? Als Frau müssen Sie doch ein Gefühl dafür haben.“

Die Frau schwieg betreten. Er fuhr fort:

„Dass der König schwul gewesen sein soll, ist eine reine Verleumdung, die erst später aufgekommen ist. Der Ort Berchtesgaden wollte nicht als schäbiger Kuppler dastehen, der dem Herrscher seine jungen Mädchen als Lustobjekt zur Verfügung stellte. Deshalb hat man eine rührende Geschichte erfunden nämlich, dass die jungen Damen ihrem König nur die eiskalten Füße gewärmt haben. In Wirklichkeit gibt es wohl keinen echten Berchtesgadener, der nicht mindestens – wenn auch stark verdünntes – königliches Blut in den Adern hat.“

Ich hatte inzwischen gegessen und musste aufbrechen. Ich winkte mit einer Hand und sagte, um nicht zu stören, ganz leise: „Auf Wiedersehen!“

Ich wusste nicht, wie schnell sich der Gruß bewahrheiten würde.

Als ich gegen Abend in das Schiff einstieg, um über den See zurück zu fahren, kam jener Wilderertyp daher und setzte sich neben mich. Er grinste mich an und fragte:

„Wie fanden Sie meine Vorstellung? War das nicht Jägerlatein vom Feinsten?“

„Und ich dachte, Sie wären gar kein Jäger!“

„Bin ich auch nicht. Wissen Sie: Ich mache mir manchmal meinen Spaß daraus, die Leute ’nauf zu schießen, also hinters Licht zu führen. Wenn Sie ehrlich sind, habe ich den Leuten doch ein tolles Urlaubserlebnis geboten. Die denken, dass Sie einem richtigen Urbayern begegnet sind, dabei stamme ich aus Köln. Alle habe ich überzeugt, obwohl es lauter Ärzte sind, die hier an einem Kongress teilnehmen. Da bin ich richtig stolz drauf! Schließlich bin ich nur ein einfacher Maler mit Volksschulbildung und habe einen Haufen Akademiker rein gelegt. Ich hab‘ gar nicht gedacht, dass die Studierten so blöd sind.“

„Danke für die Aufklärung!“ lachte ich, denn ich bin auch Akademiker.

Er hatte das offenbar richtig verstanden und ergänzte:

„Entschuldigung! Nicht alle sind so!“

Das war dann doch immerhin tröstlich für mich. So unterhielten wir uns noch, bis wir ausstiegen.

Ich dachte, ich würde ihn nie wieder sehen. Aber dann war ich sehr überrascht, ihn plötzlich in meiner Nachbarschaft zu treffen. Er hatte dort eine alte Hütte gemietet. Als ich einmal vorbei ging, lud er mich zu sich ein. Er hatte schon sein Quantum getrunken und schwankte ein wenig, als er uns beiden ein Gläschen Schnaps einschenkte, um mir mitzuteilen:

„Ich feiere heute, dass ich den wichtigsten Entschluss meines Lebens gefasst habe: Ich werde heiraten! Darauf stoßen wir jetzt an. Meine Auserwählte ist übrigens gelähmt.“

Ich muss etwas verdutzt geschaut haben, als wir und zu prosteten. Deshalb öffnete er eine Schublade und holte einen Stoß von Fotos nackter Frauen heraus.

„Schauen Sie mal. Bisher habe ich die Frauen immer nur benutzt, um meinen Spaß zu haben. Das hier sind sie fast alle.“

Er reichte mir die Fotos und ich schaute sie mir kurz durch, ob ich vielleicht eine davon kennen würde. Das war – Gott sei Dank – nicht der Fall. Dann bemerkte ich:

„… dass die sich alle so fotografieren ließen.“

„Da muss man sich halt was einfallen lassen. Ich habe den Weibern gesagt, dass ich nur treu sein kann, wenn ich ein Nacktfoto von ihnen auf dem Nachttisch habe. Und so kamen dann all diese Bilder zustande.“

„Tolle Idee! Die muss ich mir merken“, bemerkte ich, weil ich glaubte, ich müsste die Sammlung irgendwie kommentieren. „Aber Sie waren beim Thema Heiraten.“

„Ich habe mir gedacht, dass die Bilanz meines Lebens bisher nicht gut aussieht: Als Maler habe ich Häuser zu überhöhten Preisen angestrichen und als Mann habe ich die Weiber reingelegt. Da musste ich nun einfach auch mal was Gutes tun.“

„Haben Sie sich das auch gut überlegt?“ fragte ich, denn ich konnte mir nicht recht vorstellen, dass eine Ehe unter diesen Voraussetzungen gut gehen würde.

„Klar! Meine künftige Frau und ich haben natürlich lange darüber diskutiert.“

„Und was hat sie gesagt?“

„Na ja, wie zu erwarten fand sie: ‚Besser mal zwei Wochen glücklich als gar nicht!‘“

„Dann kann ja nichts schief gehen“, kommentiere ich diese Ehe, die dann doch zu meinem großen Erstaunen bis zum Tode seiner Frau hielt.

Da ich auf meinem Weg in die Stadt immer an seiner Hütte vorbeiging, hielt er mich darüber auf dem Laufenden, was es Neues in seinem Leben gab. Mal modellierte er Tiere aus Beton, die er gut verkaufen konnte. Mal kaufte er sich ein uraltes Motorboot, das er mit einer selbst geschnitzten, bunt bemalten Galionsfigur verzierte, deren spitze Brüste, wie er es ausdrückte „waffenscheinpflichtig“ waren. Mit diesem Boot fuhr er die ganze Donau hinunter und er berichtete, er sei überall bestaunt worden. Die Leute hätten immer gesagt, sie hätte sich die Deutschen ganz anders vorgestellt. (Ich übrigens auch!)

Und als ich wieder einmal in seiner Hütte war, traute ich meinen Augen nicht: Er hatte alle Möbel giftgrün gestrichen und mit alpenländischen Mustern bemalt. So etwas wird sicherlich für den normalen Menschen ein Gräuel sein, für ihn war es Ausdruck seiner künstlerischen Persönlichkeit und seiner großen Liebe zu Bayern, wie sie in besonderem Maße den Preußen zu eigen ist. Er lebte nun in dem Gefühl, kein schlichter Anstreicher mehr zu sein, sondern ein Kunstmaler.

Als solcher brauchte er natürlich ein neues Tätigkeitsfeld, und weil er die Augen offen hielt, fand er alsbald ein geeignetes Objekt: Am Kruzifix in einer Waldkapelle am Rande der Stadt waren die Farben ziemlich verblichen und er fand, dass der Anstrich erneuert werden müsste. Er nahm also das Kreuz mit nach Hause, schmirgelte die alte Farbe ab und strich dann den Gekreuzigten weiß an, denn er fand, Tote seien nun einmal weiß, obwohl er noch nie einen Toten gesehen hatte. Ich durfte den entscheidenden Teil der Renovierungsarbeiten mitverfolgen, denn er brauchte einen Bewunderer:

Er hatte das Kruzifix auf dem Tisch liegen und malte die Augen des Gekreuzigten mit einem Streichholz an, das er mit seinem Taschenmesser angespitzt und in schwarze Tusche getaucht hatte. Mit diesem seltsamen Werkzeug zeichnete er auch noch die Augenwimpern. Den Mund malte er mit knallroter Farbe, die er einfach einer Dose entnahm, ohne sie vorher abzutönen. So entstand ein Gesicht, das man eher einer Puffmutter als dem Gottessohn zugeordnet hätte, zumal es auch noch von langen schwarzen Haaren umrahmt wurde.

Daraufhin entnahm er nochmals eine kleine Menge roter Farbe aus der Dose und goss sie sorgfältig in die Höhlungen der Wunden, die in den Körper des Gekreuzigten geschnitzt waren. Dann stellte er das Kreuz auf und die rote Farbe lief aus diesen Löchern wieder heraus. Aus der Brustwunde zog sich nun eine dünne rote Farbbahn über den Leib hinunter bis zu den Zehen. Das sah entsetzlich aus, als wenn man Jesus mit einem Rotstift durchgestrichen hätte, aber der „Künstler“ war sichtlich zufrieden:

„Sehen Sie! So muss das Blut von Jesus heruntergelaufen sein, aber kein Mensch malt das so.“

Eigentlich hätte ich ihm nun sagen sollen, dass das Kreuz nicht so bleiben konnte, aber warum sollte ich das tun? Ich wollte keinen Streit in der Nachbarschaft und sagte daher vorsichtig:

„Zeigen Sie das Kreuz doch bitte mal dem Kugelfischer, Vielleicht hat der noch ein paar gute Tipps.“

Der Kugelfischer war ein bekannter Lüftlmaler, der in unserer Gegend wohnte.

„Dafür ist es zu spät, denn morgen soll das Kreuz schon eingeweiht werden. Das habe ich mit dem Pfarrer besprochen.“

„Und was hat der zu dem Kreuz gesagt?“

„Das hat er noch nicht gesehen, denn es wird erst morgen bei der Einweihung enthüllt. Um 15.00 Uhr hält er eine kleine Andacht in der Waldkapelle ab. Sie kommen doch auch?“

Natürlich kam ich. Das Kreuz thronte wieder über dem Altartisch auf seinem alten Platz. Es war mit einem lila Tuch verhüllt, wie es in der vorösterlichen Zeit in katholischen Kirchen üblich ist. Eine kleine Gemeinde hatte sich versammelt. Der Pfarrer sprach einige Segensgebete und dann kam der feierliche Moment: Er zog an einer Kordel und das lila Tuch fiel herab. Es herrschte Totenstille – oder blankes Entsetzen. Der Pfarrer hatte sich schnell wieder gefasst und sprach darüber, dass jeder sich sein eigenes Bild von Jesus mache, besonders aber die Künstler.

Beim Wort „Künstler“ errötete mein Nachbar und eine Träne der Rührung floss ihm über eine Backe.

Kurz darauf wurde das Kreuz neu übermalt, aber das bekam der „Künstler“ nicht mehr mit, denn das Schicksal hatte etwas anderes mit ihm vor:

Eines Tages, als ich wieder an seiner Hütte vorbei kam, saß er auf einem Stuhl vor seiner Tür und starrte auf den Boden. Als er meine Schritte auf dem kiesigen Weg hörte, blickte er kurz auf und sagte dumpf:

„Meine Frau ist tot.“

Er erzählte mir, dass er seine Hütte nun verlassen würde. Sie sei für ihn ein Totenhaus geworden. Wir unterhielten uns eine Zeit lang. Zukunftspläne hatte er noch nicht.

Weil er gar so deprimiert war, dachte ich am nächsten Tag, es wäre vielleicht gut, wenn ich wieder ein bisschen mit ihm reden würde. Ich klopfte an seine Tür, aber es kam keine Antwort. Ich trat dann ein, denn die Hütte war unverschlossen. Auf dem Tisch sah ich einen Zettel liegen:

„Bin ausgezogen. Nehmt Euch, was Ihr wollt.“

Ich habe nichts genommen. Was sollte ich denn auch mit seinem ausgestopften Hund, einer bunt bemalten Milchkanne und all den sonstigen sonderbaren Ausstattungsstücken anfangen?

Schon einen Tag später sah ich den Vermieter vor der Hütte. Er warf alles, was er aus der Hütte heraus trug, ins Feuer, das hoch aufloderte.

Und ich dachte an meinen früheren Nachbarn: Schade! Ich werde ihn vermissen.

Tante Gisi macht das Internet kaputt


Ich habe eine Reihe von Tanten gehabt, die alle ihre ganz besonderen Eigenheiten hatten: von merkwürdig bis bemerkenswert.

Tante Gisi war eher der bemerkenswerte Typ. Sie wird mir vergesslich bleiben. Ich sehe sie noch vor mir sitzen. Es hat mich immer gerührt, wenn sie sich extra für mich schön gemacht hatte: Sie trug stets eine tolle Rüschchenbluse und hatte sogar Rouge aufgelegt, allerdings etwas zu viel, und beim Anmalen ihrer Lippen war ihr der Strich meist auch nicht so ganz gelungen. In ihrem von grauen Locken umspielten blassen Gesicht steckten zwei himmelblaue Kinderaugen, mit denen sie mich immer über ihre Lesebrille hinweg anschaute. Und diese Augen waren voll von Fröhlichkeit und Unternehmungslust, auch wenn Tante Gisi eigentlich eine „arme Haut“ war, wie man zu sagen pflegt. Im Krieg war ihr Haus von einer Bombe getroffen worden. Als man sie wider Erwarten lebend aus den Trümmern ausgegraben hatte, war sie gegen ihren energischen Protest ins Krankenhaus transportiert worden. Sie hatte nämlich am Kopf eine riesige Beule mit einer klaffenden Wunde und der Arzt hatte gefunden, es müsse geklärt werden, ob ihr Gehirn Schaden genommen habe. Nachts war sie dann allerdings wieder aus der Klinik entflohen, nachdem ihre Wunde genäht worden war. Sie hatte nämlich befürchtet, sie könnte sehr schnell in einer Gummizelle landen, wenn sie erst einmal den Neurologen in die Hände fallen würde. Nachdem nun ihr Haus zerstört war, wurde sie vom Wohnungsamt in einer Souterrain-Wohnung untergebracht, die sich allerdings als unbeheizbares Kellerloch erwies. An den Wänden blühten Eiskristalle, was zwar wunderschön aussah, aber leider schlimme Folgen hatte: Tante Gisi erkrankte so schwer an Rheuma, dass sie schließlich ins Altersheim musste. Hier befiel sie immer häufiger die Angst, dass sie nun in geistiger Hinsicht ebenso abbauen könnte wie körperlich.

„Das kann doch nicht ohne Folgen geblieben sein, wenn mir ein ganzes Haus auf den Kopf gefallen ist“, sagte sie öfter und fragte mich gelegentlich, ob ich fände, dass sie noch normal sei.

Ich antwortete ihr dann immer:

„Nein, du bist nicht normal. Du bist ganz außergewöhnlich!“

Aber sie zitierte meistens unter Anspielung auf ihr Rheuma den Spruch der alten Römer: „Mens sana in corpore sano“ und schloss daraus, ihr Gehirn müsse also genau so hinfällig sein wie ihr Körper. Ich tröstete sie mit dem Hinweis, dass dieses Zitat unvollständig sei, weil das Wort „sit“ fehle: Die Römer hätten also nicht festgestellt, sondern nur gewünscht, dass ein gesunder Geist in einem gesunden Körper wohnen sollte. Als wir wieder einmal im Gespräch auf dieses Zitat kamen, überraschte sie mich mit der Frage, ob ich noch aus meiner Schulzeit Cäsars „Gallischen Krieg“ besitzen würde.

„Ja, aber was willst du denn damit?“ fragte ich erstaunt.

„Na, was wohl? Latein lernen natürlich! Mit irgendwas muss man sich ja hier im Heim beschäftigen.“

Die Familie belächelte diese Idee als typisch für Tante Gisi und keiner glaubte, dass bei ihrem Latein lernen etwas heraus kommen würde. Aber dann staunten alle nicht wenig:

Nach etwa einem Jahr hatte sie tatsächlich den „Gallischen Krieg“ ausgelesen – natürlich in Latein – und sie hatte diese Lektüre, mit der ich mich in meiner Schulzeit nur widerwillig gelangweilt hatte, zu meiner Überraschung spannender gefunden als jeden Krimi.

Nun suchte sie neue geistige Herausforderungen. Als ich sie wieder einmal besuchte, beauftragte sie mich, ihr einen Computer zu kaufen. Ich verkniff mir die Frage, ob es sich noch lohne, im Alter von weit über 80 Jahren mit einem PC zu beginnen, und meinte vorsichtig:

„Bedenke bitte, dass du keinen Kurs in der Volkshochschule besuchen kannst. Du musst also alles selber lernen.“

„Warum nicht? Ich bin ja nicht blöd‘! Wenn ich so mit kriege, wer von meinen Bekannten ins Internet geht – da kann ich nur sagen: Ich bin auch nicht dümmer.“

Wir besprachen dann die Sache genauer. Sie war von ihrer Idee nicht abzubringen und entschied sich für ein Laptop, weil sie häufig im Bett lag.

Sie wünschte sich, wie ich nicht anders erwartet hatte, natürlich ein Notebook von Apple, denn das gefiel ihr am besten. Sie war der Überzeugung, vom äußeren Erscheinungsbild eines Computers auf sein Innenleben schließen zu können, und so war meine Idee, ihr für den Anfang ein billigeres Gerät vorzuschlagen, von vornherein zum Scheitern verurteilt. Nachdem ich das Notebook besorgt und bei ihr abgeliefert hatte, freute sie sich wie ein Kind, dem soeben sein Lieblingswunsch erfüllt worden ist. Ich sehe sie heute noch vor mir, wie sie geradezu zitternd vor Begeisterung mit den Händen über dem Paket herum wedelte.

„Das ist ja heute ein Tag wie Weihnachten!“ jubelte sie.

Sie packte das Paket, das ich ihr mitgebracht hatte, sorgfältig, ja geradezu andächtig aus und ließ sich dabei nicht helfen, denn sie wollte selber genau sehen, was sie da alles bekommen hatte. Sie entließ mich ziemlich schnell mit dem Bemerken, sie habe ja nun unheimlich viel zu tun. Ich bot ihr meine Hilfe an beim Einrichten des Notebooks und bei den ersten Schritten. Aber sie lehnte ab, denn sie wollte erst einmal in aller Ruhe die Gebrauchsanleitung lesen.

Zu Hause staunte ich nicht wenig: Beim Abrufen meiner Mails war auch eine Nachricht von Tante Gisi dabei:


  1. „Lieber Peter,
  2. ich bin so glücklich, dass ich es geschafft habe, mein Notebook in Betrieb zu setzen. Es war ganz einfach, weil gleich auf dem Monitor eine Anleitung erschien, die alles ganz genau erklärt hat, so dass auch Leute wie ich damit zurecht kommen können. Nun bin ich so aufgeregt, dass ich wohl heute Nacht gar nicht schlafen kann. Ich werde wohl dauernd im Internet „surfen“, wie man zu sagen pflegt. Du siehst, ich bin schon eine richtige „Userin“ geworden und kann – wie Du wohl jetzt gemerkt hast – sogar schon mit den Fachausdrücken um mich werfen.
    Viele Grüße und nochmals vielen Dank
    Deine Tante Gisi.“

Ich antwortete ihr natürlich gleich mit einer netten Mail und lobte sie überschwänglich.
Am nächsten Tag war ihre Freude vorbei: Mein Telefon läutete. Tante Gisi war dran und weinte bitterlich. Sie konnte zuerst gar nicht reden vor lauter Schluchzen. Nach ein paar tröstenden Worten brach es aus ihr heraus:

„Ich habe das Internet kaputt gemacht! Komm bitte ganz schnell her!“

Ich versuchte, sie zu trösten, indem ich sagte:

„Das Internet hält schon mehr aus als die Attacken einer alten Dame.“

Sie war nicht zu überzeugen:

„Wir haben hier eine Computer-Expertin. Das ist Schwester Mathilde. Die kennt sich wirklich gut aus und die hat eindeutig festgestellt, dass das Internet kaputt ist, seit ich da rein gegangen bin.“

„Also ich schau mir das mal an“, sagte ich und war schon kurz darauf bei ihr.

Vor ihrer Zimmertür hielt mich eine andere Bewohnerin des Altenheims auf und sprach mich an:

„Sind Sie der Computerexperte, der das Internet reparieren soll? Reden Sie der Frau da drinnen mal ordentlich ins Gewissen. Die hat geglaubt, sie könnte so ganz einfach ohne einen Volkshochschulkurs ins Internet gehen. Unglaublich!“

Das war der Zeitpunkt, Tante Gisi beizustehen. Ich erklärte also der Frau, dass ich das Internet an diesem Tag schon durch gecheckt und alles in Ordnung gefunden hätte.

„Und wieso geht dann mein Computer nicht?“

„Das will ich ja nun gerade feststellen“, antwortete ich. „Aber geben Sie bitte nicht dieser Frau hier die Schuld. Sie ist ja so unglücklich, dass sie geweint hat, als sie mich gerufen hat.“

Ich klopfte an Tante Gisis Zimmertür und als ich eintrat, saß sie geröteten Augen auf dem Rand ihres Betts.

Ich begrüßte sie und tröstete sie:

„Nun reg‘ dich mal gar nicht auf. Jetzt schaue ich mir mal an, was los ist.“

Ich schaltete ihr Notebook ein – und tatsächlich kam ich nicht ins Internet.

„Server nicht gefunden“, stand auf dem Schirm.

Ich erklärte Tante Gisi, dass nicht das Internet kaputt sei, sondern dass nur ihre Verbindung dorthin nicht funktioniere. Die Ursache war schnell gefunden: Ich suchte Schwester Mathilde auf, die in der Telefonvermittlung saß. Dort herrschte ein wüstes Gewirr der verschiedensten Kabel und ich bemerkte, dass ein Stecker lose in den Leitungen hing. Ich fragte die Schwester, ob das so in Ordnung sei. Sie erwiderte erschrocken:

„Natürlich nicht! Kein Wunder, das das Internet nicht geht.“ Sie steckte das Kabel in die Steckdose und ich ging zurück zu Tante Gisi um ihr zu melden:

„Befehl ausgeführt! Internet repariert!“

„Ach Quatsch! Mit so was macht man keine Witze. So schnell kann das doch gar nicht gehen.“

„Bei mir schon!“

„Na dann schauen wir mal, ob du nur Sprüche machst.“

Sie setzte ihr Notebook in Betrieb und als sie ins Internet kam, hopste sie trotz ihres Rheumas vor Begeisterung auf dem Rande ihres Bettes herum und stieß einen Freudenschrei aus:

„Du bist der Größte. Das musst du von mir haben!“

Sie schrieb mir eine Liste von Altenheiminsassen auf, die alle einen Computer hatten, und beauftragte mich, überall Bescheid zu sagen, dass das Internet wieder funktioniere. Ich machte also meine Runde, wobei ich immer wieder betonte, dass Tante Gisi mit dem Ausfall des Internets nichts zu tun gehabt habe, sondern der Fehler in der Zentrale des Hauses gelegen habe. Ich meldete stolz, dass ich den Fehler gefunden und behoben hätte.

Ich bekam einen Haufen Trinkgeld, sogar ein Hunderter war dabei. Er stammte von einer alten Frau, die auf mein Zögern erklärte:

„Nehmen Sie‘s nur. Ich kann es ja sowieso nicht mit ins Grab nehmen.“

Natürlich überzeugte mich dieses Argument.

Inzwischen habe ich doch ein bisschen Gewissensbisse, weil ich Tante Gisi bei ihrem Notebook so unterstützt habe. Als ich kürzlich im Internet surfte, erschien plötzlich auf meinem Schirm eine rote Schrift:

„Hackerattacke von Tante Gisi!“

Ich war von den Socken! Als ich dann mit meinem PC meine wissenschaftliche Arbeit weiter schreiben wollte und die Worte eingab: „Das Problem der ungleichen Verteilung…“, erschien auf dem Schirm ein völlig anderer Text: „Komm zum Kaffee zu Deiner Tante Gisi!“ Ich rief gleich bei meiner Tante an. Sie entschuldigte sich reuig und erzählte mir, dass der Neffe einer Heiminsassin ein bekannter Hacker sei, der sogar schon Banken beraten habe. Bei dem nehme sie zur Zeit Privatstunden und sie fügte hinzu:

„Schade, dass ich schon so alt bin. Noch nie war die Welt so voller Wunder wie jetzt.“

Ja wirklich! Tante Gisi war auch so ein Wunder. Das merkte ich einmal in einem Elektromarkt. Als ich mir dort einen neuen Fernseher kaufte, gab ich dem Verkäufer für die Rechnung meine Anschrift an. Als er sie hörte, stutzte er kurz und fragte:

„Sind Sie verwandt mit einer alten Dame gleichen Namens, die im Rollstuhl sitzt?“

Ich befürchtete das Schlimmste und verneinte die Frage.

Darauf antwortete den Verkäufer:

„Dann seien Sie froh! Die kommt gelegentlich her und will Verschiedenes wissen, von dem ich keine Ahnung habe. Die Frau kennt sich besser aus als ich.“

Aber jetzt hat der Mann seine Ruhe: Tante Gisi ist plötzlich gestorben, und es kommt mir so vor, als sei nun ein bisschen weniger Farbe in der Welt.