Die Expertisierung Deutschlands


Fällt Ihnen das nicht auch auf? Es gibt kaum einen Tag, an dem nicht irgendein Experte in den Medien zu Wort kommt. Das ist freilich in vielen Fällen notwendig, wie wir gerade jetzt in der Pandemie sehen.
Aber heutzutage werden die Experten zu jedem läppischen Ereignis befragt. Nehmen wir nur als Beispiel die heutigen Nachrichten. Da war von den Impfvordränglern die Rede. Und da musste natürlich gleich ein Sozialpsychologe interviewt werden: „Was sind das für Leute, die sich da vor drängeln?“ Abgesehen davon, dass die Klärung dieser Frage nicht von besonderem Interesse ist, kann sich doch jeder selbst ein Bild von diesen Menschen machen: Egoisten, schlechte Kinderstube, Angst vor Ansteckung… So ist es kein Wunder, dass ein Sozialpsychologe dazu auch nicht mehr sagen konnte, als jeder sich selbst denken kann.
Natürlich genügen normale Experten in solchen Fällen nicht, sondern es muss unbedingt ein Professor sein.
Was ich gegen solche Füllsel in den Medien habe, ist dies: Die Menschen werden immer mehr entmündigt, indem bei ihnen der Eindruck erweckt wird, sie seien zu dumm, um sich selbst Gedanken zu alltäglichen Vorkommnissen zu machen, und bräuchten daher unbedingt professionelle Unterstützung.

Auf einem anderen Blatt stehen die Hinzuziehungen von Experten durch die Behörden. Diese nimmt erschreckende Ausmaße an und gerät häufig in den Ruf der Vetternwirtschaft oder gar Korruption. Da geht es um Millionen. Wir haben in den Ministerien hoch besoldete Beamte, die sehr viel der Probleme, die sie lösen sollten, lieber von Experten begutachten lassen, denn das hat zwei Vorteile: Es erspart ihnen Arbeit und nimmt ihnen Verantwortung ab.: Sie können sich bei Fehlern immer auf einen Experten berufen.
Wie sehr sich die Denkfaulheit ausbreitet, las ich einmal in einer Akte: Da hatte ein Richter in einer Frage des internationalen Privatrechts ein Institut um Auskunft gebeten. Der befragte Professor antwortete sehr derb mit einer kurzen Bemerkung. Er zitierte den einschlägigen Paragrafen aus dem EGBGB und schrieb in Klammern hinzu: „erstes Semester.“

Und schließlich noch etwas zum Thema Experten: Es ist ja keineswegs so, dass sie immer die einzig richtige Lösung parat haben. Oft sagt der eine so und der andere anders. So kann ein erfahrener Staatsanwalt beispielsweise bei bestimmten  Mordfällen voraus sagen, wie die verschiedenen Psychiater den Angeklagten beurteilen: zurechnungsfähig oder nicht. So kann er den Gang eines solchen Verfahrens in seinem Sinne lenken.
Nicht selten erfahren wir, dass ein ungünstiges Gutachten unterschlagen wird und durch ein passendes ersetzt wird. Deshalb ist immer Misstrauen angebracht.

Das Expertenunwesen greift ja immer mehr um sich. Als unser Dorf sich einfallen ließ, ein Ortsbegrünungs-Programm durchzuführen und dafür EU-Mittel abzugreifen, musste man dafür ein Expertenbüro einschalten. Warum genügt da nicht das Ausfüllen eines schlichten Formblatts? Vorher liefen bei uns auch schon Expertenprogramme: Erst wurden die schönen Streuobstwiesen abgeholzt, weil sich beim Abernten der hohen Bäume Unfälle ereigneten. Dann kam man darauf, welchen Verlust die Abholzungsaktion für das Ortsbild hatte. Und man entdeckte, dass Streuobstwiesen das artenreichste Biotop sind. Also gab es nun ein Programm zur Pflanzung neuer Streuobstwiesen.

2 Kommentare zu „Die Expertisierung Deutschlands

  1. „… heutzutage werden die Experten zu jedem läppischen Ereignis befragt …“ Es geht noch schlimmer: Es gibt sogar Experten, die darauf drängen, zu jedem Schmarrn ungefragt befragt zu werden.

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