Neulich im Café – eine Gardinenpredigt zum Sonntag

Ich bin gerne in Bad Reichenhall und habe dort auch zeitweise gewohnt. Dort gibt es ausgezeichnete Cafés. Und da erlebte ich eine nette Szene: Eine alte Frau las bei einer Tasse Kaffee verschiedene Zeitschriften. Unsere Bedienung erzählte uns, dass ihre Kollegin ihr fast täglich diese Tasse Kaffee spendieren würde, damit die alte Frau eine Freude habe und aus ihrer Einsamkeit heraus ein wenig unter die Leute käme; die Frau habe einmal bessere Zeiten erlebt und sei immer nett und großzügig mit dem Trinkgeld gewesen. Nun revanchiere sich die Bedienung.
Ich meinte dann, dass die Kollegin ja wohl kaum den Kaffee bezahlen würde.
Aber meine Bedienung erklärte mir: „Selbstverständlich muss sie den bezahlen. Anders geht das bei uns nicht.“
Als ich dann wieder einmal in dem Café war, setzte ich mich in den Service-Bereich der netten Bedienung und sprach sie auf ihr gutes Werk an. Sie sagte:
„Ach, das ist doch nichts Besonderes. Die Leute hier sind großzügig mit dem Trinkgeld und wenn ich ein bisschen davon abgebe, tut mir das nicht weh. Außerdem lohnt sich die Ausgabe für mich: Ich kann mit wenig Geld einem Menschen eine große Freude machen und das macht auch mir eine genau so große Freude.“
Natürlich ließ ich einen Schein für die nächsten Tassen Kaffee da. Und dann dachte ich an die Sonntagsmesse: Da sitzen die Leute in der Kirche und rappeln ihr Sündenbekenntnis herunter; „… bekenne ich euch, Brüder und Schwestern, das ich Gutes unterlassen und Böses getan habe…“ Und dann fragte ich mich, wie viele von den Gläubigen wohl wirklich darüber nachgedacht haben, was sie denn an Gutem unterlassen haben. Interessant an dem Sündenbekenntnis ist ja, dass die Unterlassung des Guten vor dem Bösen genannt wird, also wichtiger ist. Aber wer kümmert sich schon wirklich darum?
Fragen Sie mal einen Priester, ob jemand gebeichtet hat, dass er Gutes unterlassen hat. Die Antwort wird wohl lauten: „Da kann ich mich momentan nicht daran erinnern.“

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