Die Sünde – einst und jetzt

In einem früheren Beitrag habe ich etwas über den Dondolismus geschrieben, also die Erscheinung, dass die Menschen in ihren Anschauungen von einem Extrem ins andere verfallen. Das zeigt sich beispielsweise auch gerade bei dem Begriff Sünde.
Wenn sich heute zwei Frauen unterhalten und eine beichtet, sie habe „gestern schwer gesündigt“, dann ist eher von eine
r Sahnetorte die Rede als von einem moralischen Fehltritt.
Der Vollständigkeit halber möchte ich erwähnen, was meine Mutter als größte Sünde bezeichnete: nämlich wenn man ein Stück Brot wegwirft. Sie hatte zwei Weltkriege mitgemacht und erfahren, was Hunger bedeutet. So hob sie altes Brot in einem Beutel auf und kochte dar
aus gelegentlich eine schmackhafte Brotsuppe. Da schütteln die Hausfrauen von heute nur verwundert den Kopf.
Wie gefährlich war es allerdings früher zu sündigen: Da drohte die Kirche damit, dass man in die Hölle kommt, wenn man den Fehltritt nicht sofort beichtet. Daher stimmte es natürlich nicht, wenn man zu sagen pflegte: „Auf der Alm – da gibt‘s koa Sünd.“ Dieser Spruch ist wohl von findigen bayerischen Werbemanagern erfunden worden, um die Preußen in die hiesigen Berge zu locken. Und wenn einer mal trotzdem auf der Alm gesündigt hat, hat das früher schwerwiegende Folgen gehabt, wie die hier entstandene Version der Tannhäuser-Sage beweist. Sie existiert ja in verschiedenen Fassungen, von denen eine Richard Wagner als Stoff für seine Oper diente.
Wie es wirklich gewesen ist, weiß man
natürlich hier in Bergen am besten, denn in der hiesigen Gegend hat sich die Geschichte abgespielt:
Tannhäuser verliebte sich in eine von zwei Schwestern, die hier auf einer Alm lebten, wobei sich die beiden „in verbotener Liebe versündigten“, wie es in der Legende heißt. Was die zwei getrieben haben, muss schlimm gewesen sein. Tannhäuser beichtete dies nämlich zunächst beim Dorfpfarrer, der aber fand die Sünde so schwerwiegend, dass er die Absolution verweigerte und den Tannhäuser an den Bischof verwies. Auch der fand, dass das Gewicht der Sünde seine Kompetenz überstieg, und er meinte, so etwas könne nur der Papst vergeben. Reuig pilgerte Tannhäuser zum Papst nach Rom, um Vergebung für seine Sünde zu erlangen, doch der Papst blieb hart. Daraufhin kehrte Tannhäuser mit einem schweren Stein, den er als Buße mit einer Kette um den Hals trug, nach Bergen zurück. Als er von dort, wo heute die Säulner Kapelle steht, die Bergener Kirche sah, fielen Stein und Kette von ihm ab. Und als Beweis dafür, dass unsere Legende stimmt, wird der Stein, den Tannhäuser als Buße für seine Sünde über die Alpen geschleppt hat, in der Bergener Kirche verwahrt. Von dem Stein ist allerdings nicht mehr viel übrig, weil fromme Bergener Bürger sich Stücke dieses Steins als Reliquie mit nach Hause genommen haben.
Dies
e Geschichte veranlasste den Verfasser eines alten Führers durch die bayerischen Voralpen zu folgender Bemerkung: „Auch wer heute mit offenen Augen durch das Dorf geht, wird feststellen, daß hier –besonders was die Frauen angeht – ein starker Menschenschlag zu Hause ist.“
Also Vorsicht, Ihr Männer!

2 Kommentare zu „Die Sünde – einst und jetzt

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