Die kranken scheinbar Gesunden


Wir leben in einem „Zeitalter der Service-Mentalität“: Während die Menschen früher mehr eigenverantwortlich handelten, haben sie sich immer mehr entmündigt und anderen diese Verantwortung übertragen: So meint man beispielsweise, die Erziehung der Kinder müsse Experten überlassen werden, nämlich der Kita und der Schule. Gesundes Essen kocht man nicht selbst, sondern das Essen für Schulen und Kitas kommt wird möglichst billig aus Großküchen geliefert. Und man selbst isst in einem Lokal oder in einer Kantine das, was einem schmeckt…
Für die eigene Gesundheit ist man selbst nicht mehr verantwortlich, sondern dafür gibt es ja die Ärzte – so denken die meisten. In meiner Jugend war die Mentalität der Menschen ganz anders. Weil die Medizin noch nicht so weit fortgeschritten war, musste man selbst auf seine Gesundheit achten. Beispielsweise gab es weder Penicillin noch Antibiotika und so konnte eine schlichte Lungenentzündung den Tod bedeuten. Man ernährte sich daher nach der Regel des Hippokrates: „Eure Nahrung sei eure Medizin, und eure Medizin sei eure Nahrung.“ Man kannte diese Regeln und wusste, was gut für die Augen, für die Knochen, die Abwehrkräfte usw. war. Dieses Wissen ist heute weitgehend verloren gegangen, wie man beispielsweise an der Zahl der Brillenträger sieht.
Um bei den Brillenträgern zu bleiben: Besonders überrascht hat mich, was ich bei der Sendung “Wer weiß denn so was?“ sah: In zwei Folgen wurde gefragt, was gut für die Augen sei. Weder die Kandidaten noch das Publikum wussten die Antwort, obwohl sie in den Medien zu lesen war:
Der eine Tipp lautete: Man solle zur Übung der Augen weiße Schrift auf schwarzem Grund lesen, was ja auf dem PC und dem Smartphone leicht möglich ist. Und man solle auf diesen Geräten die bläuliche Färbung in eine Gelbliche umschalten, weil das blaue Licht den Augen schade. Traurig, dass niemand dies wusste. Das liegt daran, dass wir auch in einem Zeitalter der Überinformation leben. Man kann das alles gar nicht mehr verarbeiten. Und darum halten sich die Menschen auch nicht mehr an die althergebrachten Gesundheitsregeln, sondern sagen: „Meine Gesundheit interessiert mich nicht. Ich habe anderes im Kopf. Wenn mir dann was fehlt, gehe ich zum Arzt.“
Und so preisen sie es dann als Fortschritt, wenn sie mit Bypässen, Herzschrittmacher, Brille, Hörgerät, künstlichen Gelenken, womöglich auch mit einem transplantierten Organ… recht lange leben und sich dabei „gesund“ fühlen – genauso wie die normalen 60-70-jäjrigen, die im Durchnitt 8,5 Tabletten pro Tag schlucken.
Mein Gott! Da müsste ich ja mit meinen 85 Jahren allein von meinen Tabletten satt werden. Wenn ich dann meine Erfahrungen über ein wirklich gesundes Leben weiter geben möchte, interessiert das meistens kaum einen wirklich, denn…

Leicht ist es, einen Rat zu geben,
Doch and‘re woll‘n nicht danach zu leben.
Es will ein jeder selbst erfahren,
Was and´re vor ihm mit den Jahren
Gelernt aus ihrem langen Leben,
Drum kann es keinen Fortschritt geben.

(Aus „Gedichten„)

3 Kommentare zu „Die kranken scheinbar Gesunden

  1. Sehr gut geschrieben: dazu fällt mir nur der immer wieder gern zitierte Satz des Dalai Lama ein: Der Dalai Lama wurde gefragt, was ihn am meisten überrascht; er sagte: „Der Mensch, denn er opfert seine Gesundheit, um Geld zu machen. Dann opfert er sein Geld, um seine Gesundheit wieder zu erlangen. Und dann ist er so ängstlich wegen der Zukunft, dass er die Gegenwart nicht genießt; das Resultat ist, dass er nicht in der Gegenwart lebt; er lebt, als würde er nie sterben, und dann stirbt er und hat nie wirklich gelebt.“

    1. Danke für den Kommentar.
      Voltaire hat es schon ähnlich gesagt:
      „In der ersten Hälfte unseres Lebens opfern wir unsere Gesundheit, um Geld zu erwerben, in der zweiten Hälfte opfern wir unser Geld, um die Gesundheit wiederzuerlangen. Und während dieser Zeit gehen Gesundheit und Leben von dannen.“
      Und noch ein Spruch aus meinen Aphorismen:
      „Früher achteten die Menschen selbst auf ihre Gesundheit. Heute tragen sie ihre Krankheiten zum Arzt.“

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