Werden die Menschen immer dümmer?


Einer meiner Vorfahren hat die Geschichte unserer Familie geschrieben. Darin berichtet er, was er alles studiert hat: Jura, Pharmazie, Geschichte, militärische Strategie und Komposition. Ich dachte mir beim Lesen, dass er wohl in alle Fächer nur ein wenig „hinein gerochen“ haben müsste. Er hatte dann aber mit Mozart zusammen bei dessen Vater Unterricht genommen und ich meinte zunächst, er wäre nur als zahlender Gast ein wenig dabei gewesen. Dann hörte ich eines Tages beim Vorbeigehen an einer Kirche eine Messe, von der ich glaubte, sie stamme von Mozart. Tatsächlich aber hatte sie mein Urahn geschrieben. Und wenn ich bedenke, was er alles beruflich geleistet hat, dann kann ich nur staunen und frage mich, wie er obendrein noch Bücher schreiben konnte, die im Gegensatz zu meinem Geschreibsel mit 250 Euro im Antiquariat gehandelt werden.
Ein anderer meiner Vorfahren war mit Begeisterung Lehrer. Er hat die erste sehr umfangreiche Lateingrammatik geschrieben, an der sich die späteren Produkte „orientiert“ haben. Damit er überhaupt leben konnte, hat er nebenbei auch noch das Schneiderhandwerk ausgeübt.
Und mein Großvater war eine „männliche Hildegard von Bingen“: Er kannte fast alle Heilkräuter und verarztete seine 6 Kinder immer selbst. Was er sonst noch alles getrieben hat…

Dagegen komme ich mir geistig minderbemittelt vor.

Doch wenn ich den akademischen Nachwuchs anschaue, sehe ich doch einen weiteren Abstieg:
„Universität“ bedeutet ja dem Wortsinn nach eine Institution, die allumfassend ausbildet. Das war früher auch einmal tatsächlich so. Zu meiner Zeit beschränkte man das Studium zwar auf sein spezielles Fach, aber es gab das Auditorium maximum, in dem die gesamte Studentenschaft zusammen kam um zuzuhören, was die Kapazitäten der „alma mater“ zu sagen hatten. Damals
lasen spätnachmittags im Auditorium Maximum die führenden Köpfe der Wissenschaft, die auf der Uni dozierten: Ich hörte in meiner Studienzeit Hans Sedlmayr („Verlust der Mitte“), Romano Guardini u.a. Und da musste man natürlich dabei sein.
Welcher Student weiß denn heute noch überhaupt, welche Kapazitäten der Wissenschaft an seiner Uni dozieren? Und hat er überhaupt Zeit habt, diese zu hören? Heute ist das Wort Universität vielfach durch „Hochschule“ ersetzt worden und aus den „Studenten“ sind „Studierende“ geworden. Für mich umfasst der Begriff Student einen weltoffenen jungen Menschen, während der Studierende eben nur ein Lernender ist. Das Studium ist ja auch immer mehr verschult worden, denn man will ja die jungen Leute möglichst bald im Beruf haben und nicht in „Auerbachs Keller“. Und so nimmt der Dummheitsquotient ständig zu.
Man hat der heutigen Jugend vielfach die Kindheit gestohlen, indem die schulischen Anforderungen ständig verschärft wurden (z.B.: durch G 8). Die Erinnerungen an die Kindheit sind nicht mehr „das Paradies, aus dem man nie vertrieben werden kann“. Und nun ist auch das Studium mit der einst grenzenlosen Freiheit nicht mehr für viele die schönste Zeit ihres Lebens, sondern eine dumpfe Büffelei, die man bald hinter sich bringen wollte.
Und so stellt sich das Leben für viele nicht mehr als Kette herrlicher Phasen und Augenblicke dar, von denen man mit Goethe sagen würde: „Verweile doch, du bist so schön!“, sondern aus lauter Abschnitten, die man zu erledigen hat.

Ein Kommentar zu „Werden die Menschen immer dümmer?

  1. Wahrscheinlich hat sich das Wissen verlagert, denn wir kommen heute alle gut mit winzigen Computern zurecht auch neben unseren eigentlichen Aufgaben, aber bestimmt ist das so, dass uns gerade die neuen Medien vieles genommen haben, angefangen beim Fernseher. Trotzdem sehe ich die Universalgelehrten von damals kritisch, gehe auch davon aus, dass viele Themen doch nur angerissen wurden. Bachelor und Master stecken in Deutschland in den Kinderschuhen, aber grundsätzlich glaube ich als Dipl. und M.A. und damit als Bologna-Unfall, dass beides später mal ganz ähnlich sein wird. Bemerkenswerte Familie!

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