Brille muss nicht sein


Gerade waren wir im Traditionswirtshaus Kraimoos. Da isst man gut, und deshalb feiern viele Jubilare dort ihr Fest. Dieses Mal war es es alte Oma – Jahrgang 80 + – die dort im Kreise ihrer zahlreichen Verwandtschaft ihren Geburtstag feierte. Und als sie sich an der großen Tafel umblickte, sagte sie auf einmal: „Komisch! Die Enkel tragen alle Brillen und wir Alten brauchen immer noch keine.“ Tatsächlich stimmte das, was das alte Geburtstagskind beobachtet hatte und dann setzte eine Diskussion ein über die Ursache. Die „Sandwichgeneration“ gab dem Computer die schuld. Aber die alte Oma protestierte: „Die Kinder sitzen auch nicht mehr am Computer als ich!“ Dann meinte jemand. Die Kinder hätten wohl den schlechteren Teil der Gene geerbt. Natürlich protestierte auch hier wieder die Oma: „Unsere Gene haben keine schlechteren Teile. Und wieso sollen alle Enkel auch gerade die geerbt haben?“ Das war also keine gute Idee, die Schuld bei Omas Genen zu suchen und das auch noch an Omas Geburtstag. Daher meinte ein Vater aus der „Sandwichgeneration“, offenbar degeneriere die Menschheit immer mehr, so dass bald alle kurzsichtig würden und Brillen bräuchten; das sei so ähnlich wie beim Kinderkriegen: Jedes sechste Paar bräuchte eine künstliche Befruchtung und immer mehr Frauen könnten nicht natürlich gebären, sondern bräuchten einen Kaiserschnitt. Das hörte sich sehr wissenschaftlich an, und so war die Diskussion zu Ende.
Aber ich habe mir so meine eigenen Gedanken gemacht: Auch ich brauche in meinem Alter von 83 Jahren immer noch keine Brille. Und bei meinem letzten Klassentreffen sah ich, dass kein Brillenträger dabei war, nur beim Lesen der Speisekarte zogen einige ihre Lesebrille heraus.
Ich erinnere mich an meine Schulzeit: Damals hatte wir in unserer Schule einen bedauernswerten Menschen: den „Brillus“. Und heute sehe ich aus den Schulen sehr viele Kinder mit Brille heraus kommen. Warum gibt es diesen Unterschied? Auch ich war natürlich als Kind eine Leseratte und habe beispielsweise sämtliche Bücher von Karl May verschlungen. Ich habe also meine Augen strapaziert. Aber ich habe in der Schule das Lesen gelernt. Bei uns wurde streng darauf geachtet, dass wir alle Viertelstunde unsere Augen in die Ferne richteten. Dieses Grundwissen ist inzwischen verloren gegangen. Außerdem mussten wir Kinder immer wieder „an die frische Luft“. Unsere Elterngeneration hatte die Überzeugung, dass Kinder nur dann gesund bleiben, wenn sie ausreichend an der frischen Luft sind. Und Gesundheit war in der Nachkriegszeit wichtig, weil es nur wenige Medikamente gab.

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