Wir waren unermesslich reich

Geld

Über einen Zweig unserer Familie existiert eine Chronik, die bis in den 30-jährigen Krieg zurück reicht: Damals besaß ein Vorfahr eine Burg in Böhmen. Als er dann mit seinem König in den Krieg zog, der verloren ging, floh er nach England und stellte sich an die Seite Cromwells. Auch da war er auf der Verliererseite und floh nach Frankreich. Dies ist nur ein kleiner Ausschnitt aus dem Auf und Ab in unserer Familie. Aber es ging bis in die jüngste Zeit so weiter:
Einer meiner Urgroßväter war Lehrer und so arm, dass er nebenher noch als Schneider arbeitete. Aber dafür war einer meiner Großväter offenbar unermesslich reich, wie sich aus seinen Aufzeichnungen schließen lässt. Für ihn war Krupp der „arme Kanonengießer, der immer wieder zu ihm zum Betteln kam“. Und die Münchner Brauereibesitzer waren für ihn „arme Bräuknechte“, die so gut wie nichts fürs Vaterland hergaben. Entsprechendes galt für die Münchner Geschäftsbesitzer, die er „arme Krämerseelen“ nannte. Mein Großvater hatte zur Zeit des 1. Weltkriegs offenbar als hoher Beamter den Spendeneingang für den Staat unter sich. Der brauchte ja seinerzeit viel Geld für die Finanzierung seiner Truppen. Mein Großvater selbst ging als Vorbild voran und gab das ganze riesige Vermögen der Familie her. Er fand, wer später einmal seinen Namen trage, müsse in der Lage sein, sein Leben selbst zu finanzieren und brauche das Vermögen nicht, das ja nur irgendwo auf einer Bank deponiert war. Grundbesitz hatte er nicht, weil er sich nicht darum kümmern wollte.
Nun wird mancher aus heutiger Sicht sagen, dass mein Großvater ein Idiot gewesen sein muss. Aber er hatte einen guten Grund, so zu handeln: Sein Sohn lag im Dreck vor Verdun, wo er später gefallen ist. Mein Großvater meinte daher, er müsse alles tun, um seinem Sohn helfen zu können, so weit ihm dies möglich war. Und da blieb ihm halt nur die Opferung seines Vermögens. Hätte er das nicht getan, hätte er wohl für den Rest seines Lebens Gewissensbisse gehabt.
Heute würde wohl keiner mehr so handeln. Wie die Mentalität heute aussieht, habe ich weiter unten in dem Beitrag „Macht Geld krank?“ beschrieben. Ganz anders dachte mein Vater. Er pflegte immer zu sagen: „Besitz belastet“. Und ich, der ich im Krieg groß geworden bin, bin glücklich damit, dass ich ein Haus besitze, mir ein Auto, Essen und Urlaube leisten kann. Was will ich mehr?

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