Deadening: Was ist das denn?

So werden Sie fragen. Also, weil alles, was bemerkt werden soll, einen englischen Namen haben muss, habe ich für das schlichte Wort Abstumpfung das englische „Deadening“ gewählt.
Am besten erkläre ich das mit einem Beispiel:
Von einem der letzten Krimis, die ich gesehen habe, ist mir weder der Titel noch die Handlung in Erinnerung geblieben. Nur ein Satz hat sich in mein Gedächtnis eingeprägt. Der Gerichtsarzt, der als erster am Tatort war und die Leiche angeschaut hatte, sagte zu der später hinzu kommenden Mordkommission: „Tun Sie sich das nicht an! Das ist zu grausam. Schauen Sie sich das nicht an!“ Aber typisch fürs heutige Fernsehen war dann, dass die Kamera den Fernsehzuschauern alle Details des Mordes zeigte. Wie sind die Menschen doch pervers geworden, dass sie so etwas sehen wollen.
Und wie schön waren doch die alten Krimis, in denen die Leiche noch Nebensache war in einem Puzzle-Spiel, das den Zuschauer zum Mitdenken inspirierte. Und heute beginnen die meisten Krimis mit einer Leiche, die in allen grausamen Details genaustens gezeigt wird, beispielsweise mit „Bemadung“. Dann werden die einzelnen Verdächtigen durchgehechelt, aber der Zuschauer weiß: „Der Mörder ist immer der Gärtner.“ So heißt es in einem Spruch, der zum Ausdruck bringen soll, dass immer der Unverdächtigste schließlich entlarvt wird. Fazit: Grausam und langweilig.
Warum rücken bei den heutigen Krimis die Grausamkeiten so in den Vordergrund? Weil die Menschen so abgestumpft sind, dass sie so etwas brauchen.
Typisch scheint mir in diesem Zusammenhang zu sein, dass – wie ich es sehe – das Wort „Empathie“ im Zuge der Emanzipationsbewegung auf einmal populär wurde. Die Frauen stellten als ihren Vorteil heraus, dass sie empathischer, also gefühlvoller, seien, was wohl nicht stimmt, wie die höhere Selbstmordrate der Männer zeigt. Dass das Wort „Empathie“ überhaupt in den Vordergrund gerückt ist, liegt an der allgemeinen Abstumpfung, für die der Engländer ein treffenderes Wort hat, das mit Tod zusammen hängt: Deadening.
Wenn ich an die Zeit zurück denke, in der mein Interesse für das andere Geschlecht erwachte, und sie mit der heutigen vergleiche, dann kann ich nur feststellen: totale Abstumpfung. Ich hätte nicht lernen können, wenn es damals schon die Koedukation gegeben hätte, schon gar nicht, wenn die Mädchen so leicht gekleidet in die Schule gekommen wären wie heute.
Wie viel mehr die Menschen früher erotisch ansprechbar waren, kann man mit vielen Beispielen belegen: Die Schaufensterpuppen wurden beim Umkleiden zugehängt, eine Mitschülerin meiner Frau wurde von der Lehrerin nach Hause geschickt, weil sie ausgeschnitten in die Mädchenschule(!) kam, in einer Reichsgerichtsentscheidung wurde ein Bild als unzüchtig angesehen, weil rauchende Frauen mit geschminkten Lippen und lackierten Fingernägeln dargestellt waren…
Heute würde man sagen, die Menschen seien damals eben sehr prüde gewesen. Das mag sein, aber die Prüderie hatte ihren Grund nämlich den, dass die Menschen erotisch viel empfindsamer waren. Jemand hat es einmal so ausgedrückt: „Wenn die Loren einen Knopf ihrer Bluse aufgemacht hat, dann steckte da mehr Erotik drin als heute in einem ganzen Porno.“
Oft muss ich an Schillers Vers denken: „Oh, dass sie ewig grünen bliebe, Die schöne Zeit der jungen Liebe!“ Diese Form der jungen Liebe ist offenbar dem „Deadening“ zum Opfer gefallen.

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