Juden und Hexen

Vor ein paar Jahren war ich in Salzburg im Literaturhaus. Dort wurde ein Abend veranstaltet, an dem jeder etwas vorlesen konnte. Eine Frau trug ein Gedicht vor, das mich sehr beeindruckt hat und das mir noch heute in Erinnerung geblieben ist. Sie schilderte, dass sie ihre einstige Heimat im heutigen Tschechien besuchte. In der Kleinstadt, in der sie damals gewohnt hatte, fand gerade ein Jahrmarkt statt mit vielen Menschen und lautem Trubel. Die Frau aber sah diesen Marktplatz mit anderen Augen: Damals nach Kriegsende mussten die Deutschen alle dort antreten. Die Männer wurden erschossen. Die Frauen und Kinder mussten das Pflaster auf den Knien reinigen von Blut und Gehirn. Sie war eines dieser Kinder und all das kam ihr wieder in den Sinn auf diesem Platz, auf dem sich nun die Menschen vergnügten und der immer noch dasselbe Pflaster hatte wie damals. Irgendeine Tafel oder einen Gedenkstein für die Opfer von damals gab es nicht.
Anders ist es bei uns und in Österreich: In Salzburg gibt es Steine des Anstoßes, die an getöteten Juden erinnern. Und auch in Deutschland ist es so, dass, je weiter das schlimme Geschehen zurück liegt, umso mehr Gedenksteine oder -stätten eingerichtet werden. Am Obersalzberg ist ein Dokumentationszentrum gebaut worden, das an die Verbrechen der Wehrmacht erinnern soll und auch in meiner Kleinstadt wurde kürzlich ein Stein aufgestellt zum Gedenken an eine jüdische Familie, die dort gelebt hat.
Auch ich erinnere mich manchmal an etwas, an das wohl kaum ein anderer denkt: Wenn ich bei uns auf dem Stadtplatz stehe, frage ich mich schon einmal, was dort im Laufe der Geschichte alles passiert ist: wie viele Hexen dort vielleicht verbrannt wurden, ohne dass ihrer gedacht wird.
Sind wir mit unserer Art zu gedenken nicht sehr einseitig? In Bad Reichenhall, wo SS-Angehörige nach Kriegsende von Amerikanern erschossen wurden, standen einmal kleine Kreuze zur Erinnerung. Sie wurden beseitigt, um den ehemaligen SS-Angehörigen keinen Platz zu bieten, wo sie sich am Jahrestag dieses Kriegsverbrechens zum Gedenken versammeln können.
Frage: Sollten wir uns nicht vielleicht doch irgendwann einmal ein Beispiel an der Katholischen Kirche nehmen, die einen Strich unter ihre schlimme Vergangenheit gezogen hat. Und wenn dann doch jemand eine „Kriminalgeschichte des Christentums“ schreibt, dann heißt es von offizieller Seite: „Wie sehr muss er die Kirche hassen, wenn er so etwas tut?“ Auf den Staat übertragen, würde das bedeuten: „Wie sehr muss jemand sein Vaterland (darf man das heute noch sagen?) hassen, wenn er überall Denkmäler für Verbrechen aufstellt, die in seinem Namen verübt wurden.“

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