Der neue Papst ist im Amt – schweigen die Beckmesser?

Kaum ist der neue Papst gewählt worden, schon wurden Vorwürfe darüber laut, wie er sich gegenüber dem früheren Unrechtsstaat Argentinien gegenüber verhalten haben soll. Das soll hier nicht untersucht werden, sondern es soll daran erinnert werden, dass auch seinem Vorgänger Vorwürfe gemacht wurden: er soll ein Nazi gewesen sein. Der frühere Papst hat sich aber zu diesen Vorwürfen bedauerlicherweise nie konkret geäußert. Es heißt in seiner Biografie nur, dass er zum Wehrdienst eingezogen wurde. Dafür wird aber umso mehr darüber geschrieben, dass er am Ende des Krieges unter Lebensgefahr desertiert ist. Er hat damit aber eigentlich nur das getan, was fast alle gemacht haben: Als der Krieg verloren war und die Nazistrukturen sich auflösten, sind die Soldaten natürlich reihenweise nach Hause gegangen. Ich erinnere mich an ganze Trecks von abgekämpften, zerlumpten Gestalten, die bei uns vorbei heim marschierten. Das, was von Biografen als große Leistung Ratzingers hingestellt wurde, entsprach nur dem allgemeinen Trend.
Was aber die Tatsache anbetrifft, dass der Papst zum Flakdienst eingezogen wurde, so wird niemand ihm ernstlich vorwerfen, dass er nicht das getan hat, was viele von der Konkurrenz getan haben: Die Zeugen Jehovas haben den Kriegsdienst verweigert und sind reihenweise (insgesamt 6000) hingerichtet worden (anders als die Katholiken, von denen nur 11 wegen Verweigerung ihr Leben ließen). Wir wissen nicht, ob Ratzinger als Seminarist die Möglichkeit hatte, sich vom Kriegsdienst befreien zu lassen. Für Priester – auch für angehende – gab es zwar ein Geheimabkommen mit dem Vatikan. Aber ob dies bei Ratzinger griff, sei dahin gestellt. Er befand sich also wohl in einer Lage wie die meisten deutschen Männer. Und deshalb wäre es für Deutschland gut gewesen, wenn er einmal aus seiner Sicht die Konfliktsituation geschildert hätte, in der er sich womöglich befunden hat: Sollte er seinem Gewissen folgen oder lieber Mitläufer sein? Dann wäre einmal für die Welt sichtbar geworden, dass die meisten Deutschen nicht mit „Hurra“ auf den Lippen in den Krieg gezogen sind, sondern dass sie sich zu einem großen Teil weniger in einer Täter- als in einer Opferrolle befunden haben.
Oder war der Papst einer derjenigen, die im Schuldbekenntnis der Katholischen Bischöfe vom 23.8.45 so erwähnt wurden: „Wir beklagen es zutiefst: Viele Deutsche, auch aus unseren Reihen, haben sich von den falschen Lehren des Nationalsozialismus betören lassen, …“
Ich bin auch fast so alt wie der frühere Papst und habe als Kind das geglaubt, was offiziell verbreitet wurde, nämlich dass wir uns in einem Verteidigungskrieg („zurück geschossen“) befanden. Und wenn wir damals in Kiel Nacht für Nacht in den Bunker rannten, weil die Stadt bombardiert wurde, und wenn Tiefflieger uns Kinder beim Kartoffelsammeln beschossen, dann konnten wir nur zu der Überzeugung kommen, dass die Alliierten Verbrecher waren. Wenn der Papst das auch so gesehen haben sollte, kann ich das gut verstehen, zumal die Kirche ja wohl die These vertrat, dass die Obrigkeit von Gott eingesetzt sei und ihr deshalb Folge zu leisten sei. So jedenfalls habe ich es damals im Religionsunterricht gelernt.
Schade, dass der Papst zu diesem Thema nie etwas gesagt hat. Das hätte ihn menschlicher erscheinen lassen. Übrigens gehören ja auch Irrtümer zum Menschsein. „Das Eingestehen des Versagens von gestern ist ein Akt der Aufrichtigkeit und des Mutes, der uns dadurch unseren Glauben zu stärken hilft, dass er uns aufmerksam und bereit macht, uns mit den Versuchungen und Schwierigkeiten von heute auseinanderzusetzen.“ Papst Johannes Paul II.
Inzwischen ist viel Zeit verstrichen und so ist es wohl besser, einen Mantel des Schweigens über dieses Kapitel zu breiten, bis ein Hochhuth kommt und versucht, in einem Theaterstück die Vergangenheit wieder aufzurühren.
Ich habe meinen Enkeln übrigens den Nationalsozialismus immer durch einen Vergleich mit der Atomkraft erklärt. Jeder kannte die Gefahr, aber hoffte, dass nichts passiert.

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